Stell dir vor: Ein Wagen rollt durchs Land. Kühe ziehen ihn. Und wo er vorbeikommt, legen Krieger ihre Waffen nieder. Kein Schwert blitzt. Kein Speer fliegt. So beschrieb der römische Geschichtsschreiber Tacitus vor fast zweitausend Jahren die Macht einer Göttin: Nerthus.
Nerthus herrscht über Erde und Fruchtbarkeit. Ihr Volk verehrt sie tief – tiefer als viele andere Gottheiten ihrer Zeit. In einem heiligen Hain steht ihr Wagen. Er ruht dort, geschützt und verborgen. Nur ein einziger Mensch darf ihn berühren: der Priester. Alle anderen halten Abstand. Diese Regel bricht niemand.
Sieben Stämme, eine Göttin
Tacitus berichtet, dass gleich sieben germanische Stämme Nerthus gemeinsam verehren: die Reudigner, Auionen, Anglier, Warnen, Eudosen, Suarinen und Nuithonen. Ihr Heiligtum liegt seiner Beschreibung nach auf einer Insel im Ozean, vermutlich irgendwo im Ostseeraum. Dass mehrere Völker eine einzige Göttin teilen, zeigt, wie zentral ihr Kult für die frühen germanischen Gesellschaften gewesen sein muss. (Quelle: Tacitus, Germania, Kapitel 40, 1. Jahrhundert n. Chr.)
Wenn die Göttin reist, schweigen die Waffen
Im Frühjahr wacht Nerthus auf. Der Priester spannt die Kühe vor ihren Wagen, und die Göttin fährt hinaus unter die Menschen. Was dann geschieht, ist bemerkenswert: Kriege pausieren. Fehden ruhen. Solange Nerthus unter den Menschen weilt, herrscht Frieden – ein Frieden, den niemand zu brechen wagt.
Diese Zeit gehört ihr allein. Die Menschen unterbrechen ihren Streit, weil die Göttin es so will. Kein König, kein Krieger stellt sich gegen sie.
Das Ritual im heiligen See
Kehrt Nerthus von ihrer Reise zurück, folgt ein Ritual, das Tacitus mit spürbarem Unbehagen schildert: Wagen, Tuch und, wie manche Übersetzungen andeuten, die Göttin selbst werden in einem abgelegenen See gewaschen. Die Sklaven, die diesen Dienst verrichten, verschwinden anschließend im selben See. Tacitus deutet an, dass dieses Schweigen und dieser Schrecken Teil der heiligen Geheimhaltung sind, die den Kult umgibt. Moderne Historiker lesen darin ein Beispiel für rituelle Reinigung, verbunden mit einer Opferpraxis, die uns heute fremd und erschreckend erscheint. (Quelle: Tacitus, Germania, Kapitel 40)
Eine Schwester des Njord?
Manche Forscher gehen noch weiter. Sie vermuten in Nerthus eine frühe weibliche Entsprechung zu Njord, dem Gott des Meeres und des Wohlstands. Beide Namen klingen sprachlich verwandt. Beide stehen für das, was Leben schenkt: Erde und Wasser, Wachstum und Fülle.
Nerthus und die Vanen
Die sprachliche Nähe zwischen Nerthus und Njord ist mehr als Zufall: Beide Namen gehen vermutlich auf dieselbe urgermanische Wurzel *Nerþuz zurück, nur dass aus der weiblichen Gottheit der Römerzeit rund tausend Jahre später ein männlicher Gott der isländischen Überlieferung wird. Manche Forscher vermuten deshalb, Nerthus könnte ein früher Widerhall jener unbenannten Schwester sein, mit der Njord laut Lokasenna vor seiner Zeit bei den Asen verheiratet war und die Mutter von Freyr und Freya wurde. Ob Vorläuferin, Schwester oder eigenständige Kraft – Nerthus fügt sich in das Bild einer Vanen-Familie, die Fruchtbarkeit, Erde und Wasser in enger Verbindung verehrt. (Quelle: sprachvergleichende Forschung zu Tacitus, Germania, und Lyrische Edda, Lokasenna)
Die germanischen Völker verehrten die Erde nicht nebenbei. Sie verehrten sie als Macht, die über Krieg und Frieden entscheidet. Eine Macht, vor der selbst Krieger die Waffen senken.
Heute rollt kein Wagen mehr durch die Dörfer. Doch der Gedanke bleibt: Manchmal braucht es nur eine Erinnerung an das, was uns nährt, um Streit verstummen zu lassen.
Quellenlage
Nerthus erscheint, anders als die meisten Götter der Wikingerzeit, nicht in der Lieder-Edda oder der Prosa-Edda. Die einzige antike Quelle zu ihr ist die Germania des römischen Historikers Tacitus (um 98 n. Chr., Kapitel 40). Die Verbindung zu Njord und den Vanen stützt sich auf sprachvergleichende Forschung sowie auf Rückschlüsse aus der deutlich jüngeren Lyrischen Edda. Da Tacitus selbst nie germanisches Gebiet bereist hat und auf Berichte Dritter angewiesen war, ist bei seiner Schilderung Vorsicht geboten; archäologische Funde reich verzierter Kultwagen in Norddeutschland und Dänemark gelten dennoch als mögliche Bestätigung wagenbezogener Fruchtbarkeitskulte in dieser Zeit.


