Die Wikinger

„Wikinger" war kein Volk, sondern eine Tätigkeit. Man war kein Wikinger, man fuhr auf Wikingfahrt — und die allermeisten Skandinavier taten das nie. Sie blieben zu Hause und pflügten.

Zwischen 793 und 1066 prägten Nordleute Europa von Neufundland bis Konstantinopel. Diese Seite trennt, was Quellen belegen, von dem, was das 19. Jahrhundert und die Fernsehserien dazugedichtet haben.

Das Wichtigste in Kürze

  • 793 bis 1066 — von Lindisfarne bis Stamford Bridge. Eine Konvention, keine harte Grenze
  • Vom altnordischen fara í víking — „auf Wikingfahrt gehen"
  • Als Sammelbegriff für ein ganzes Volk setzte sich „Wikinger" erst im 19. Jahrhundert durch
  • Hauptquellen: Runeninschriften, Fremdberichte, Archäologie — die Sagas sind rund 200 Jahre jünger
  • Keine Hörnerhelme. Die stammen aus der Wagner-Oper von 1876

Was „Wikinger" eigentlich bedeutet

Das altnordische Wort víkingr bezeichnet einen Menschen, der auf Fahrt geht — meist auf Raubfahrt. Víking ist die Fahrt selbst. Es ist eine Tätigkeitsbezeichnung, kein Volksname, und in den Quellen selten schmeichelhaft gemeint.

Wer damals in Skandinavien lebte, nannte sich nicht Wikinger. Er war Däne, Schwede, Norweger, Gotländer — oder schlicht Bauer. Die Vorstellung eines geschlossenen „Wikingervolks" entstand erst im 19. Jahrhundert, im Umfeld der nordischen Romantik, und sie hat seither mehr Bilder erzeugt als jede mittelalterliche Quelle.

Das ist kein sprachlicher Nebenpunkt. Es entscheidet darüber, was man auf dieser Seite erwarten sollte: keine Erzählung über ein Volk von Kriegern, sondern über eine Gesellschaft, in der einige wenige monatelang unterwegs waren, während die meisten daheim blieben.

Zeitleiste: 750 bis 1066

Die Wikingerzeit beginnt konventionell 793 mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne und endet 1066 mit der Schlacht bei Stamford Bridge. Beide Daten sind Setzungen: Handel und Fahrten begannen früher, und sie hörten danach nicht auf.

Was dazwischen liegt, ist keine durchgehende Raubzugsgeschichte, sondern eine Abfolge von Phasen — erste Überfälle, dann Überwinterungen, dann Landnahme und Staatsbildung, schließlich Christianisierung und Eingliederung ins mittelalterliche Europa.

Die vollständige Chronologie mit datierten Ereignissen steht in der Zeitleiste der Wikingerzeit.

Menschen und Macht

Die bekanntesten Namen der Wikingerzeit sind auch die unsichersten. Ragnar Lodbrok erscheint erst Jahrhunderte später in isländischen Sagas; ob er gelebt hat, ist offen. Lagertha steht in einer einzigen Quelle, den Gesta Danorum des Saxo Grammaticus, geschrieben um 1200.

Andere sind gut belegt. Harald Hardrada starb nachweislich 1066 bei Stamford Bridge. Leif Eriksson erreichte um 1000 Nordamerika — bestätigt durch die Grabung von L'Anse aux Meadows auf Neufundland.

Bei jedem dieser Profile steht dabei, worauf es sich stützt und wie sicher das ist.

Alltag, Recht und Gesellschaft

Die skandinavische Gesellschaft der Wikingerzeit war weder Demokratie noch reine Kriegerherrschaft. Sie kannte Freie, Unfreie und eine Oberschicht, sie kannte Versammlungen — das Thing — und ein Recht, das auf Ausgleich und Bußzahlung setzte, nicht auf staatliche Strafe.

Frauen führten den Hof, verwalteten Vorräte und traten in Rechtsgeschäften auf. Ob sie auch kämpften, ist die meistdiskutierte Frage des Feldes — mehr dazu weiter unten.

Schiffe und Fahrten

Ohne das Schiff hätte es die Wikingerzeit nicht gegeben. Der klinkerbeplankte Rumpf mit Kiel und Rahsegel war flach genug für Flüsse und seetüchtig genug für den Nordatlantik — eine Kombination, die in Europa ihresgleichen suchte.

Die Fahrten gingen in beide Richtungen der Landkarte: nach Westen über Island und Grönland bis Neufundland, nach Osten über die russischen Flusssysteme bis Konstantinopel und ins Kalifat. Die Funde arabischer Silbermünzen in schwedischen Gräbern sind der handfeste Beleg dafür.

Krieg, Waffen und Kriegerbilder

Hier sitzen die meisten Mythen. Der Blutadler als Hinrichtungsritual steht in der Forschung seit Jahrzehnten in der Kritik — möglicherweise beruht er auf einem Missverständnis skaldischer Dichtung. Die Berserker sind belegt, aber was genau sie waren, ist umstritten.

Und die Schildmaid: Das Grab Bj 581 in Birka, seit über hundert Jahren als Kriegergrab gedeutet, erwies sich 2017 durch eine DNA-Untersuchung als das einer Frau. Was daraus folgt, wird bis heute diskutiert — die Bestattung beweist eine Rolle, nicht zwingend eine gelebte Kriegerlaufbahn.

Handel und Handwerk

Der Ruf als Räuber verdeckt, dass die Wikingerzeit vor allem eine Handelszeit war. Haithabu, Birka und Ribe waren Umschlagplätze mit Werkstätten, Fernkontakten und einer Währung aus gehacktem Silber.

Glaube und Bestattung

Was Menschen glaubten, zeigt sich weniger in Texten als in Gräbern. Schiffsbestattungen, Brandgräber, Beigaben, Amulette — daraus lässt sich mehr ableiten als aus den Sagas, die alle nach der Christianisierung entstanden.

Der bekannteste Fremdbericht stammt von Adam von Bremen, der um 1075 den Tempel von Uppsala beschrieb: Opfertiere und Menschen, in den Bäumen hängend. Adam war nie dort. Er schrieb vom Hörensagen, über eine Religion, die er verachtete, und Jahrzehnte nach ihrem Ende.

Orte und Archäologie

Was von der Wikingerzeit übrig ist, liegt im Boden — und an einigen Stellen kann man es besuchen. Haithabu bei Schleswig, Ribe und Jelling in Dänemark, Birka in Schweden, Jórvík in England.

Die archäologische Einordnung dieser Orte steht hier; wie man sie heute besucht, steht unter Reisen & Entdecken.

Mythos und Wirklichkeit

Hörnerhelme, Blutadler, blutrünstige Barbaren, edle Naturmenschen: Das Bild der Wikinger wurde mehrfach neu erfunden — im 19. Jahrhundert von der Romantik, im 20. von völkischen Kreisen, im 21. von Serien und Spielen.

Diese Seiten nehmen einzelne Vorstellungen und prüfen sie gegen den Befund. Nicht, um Spaß zu verderben, sondern weil der Unterschied zwischen Beleg und Erfindung das Interessanteste an der Sache ist.

Quellenlage

Für die Wikingerzeit gilt eine unbequeme Rangfolge. Am zuverlässigsten sind zeitgenössische Zeugnisse: Runeninschriften, archäologische Befunde, Münzfunde. Danach kommen Fremdberichte — die Angelsächsische Chronik, fränkische Annalen, arabische Reisende wie Ibn Fadlan. Sie sind zeitnah, aber von außen und oft feindselig.

Erst danach kommen die Isländersagas und die Gesta Danorum. Sie sind die farbigsten Quellen und die spätesten: aufgeschrieben im 12. und 13. Jahrhundert, zweihundert Jahre und mehr nach den Ereignissen, von christlichen Autoren, in literarischer Absicht.

Die meisten populären Wikingergeschichten stammen aus dieser letzten Gruppe. Das macht sie nicht falsch. Es heißt nur, dass man weiß, woran man ist.

Stand: 10. September 2026

ca. 750–790

Ausbau früher Handelsplätze wie Ribe und Haithabu. Skandinavische Seefahrt und Schiffbau (Langschiffe) entwickeln sich rasant weiter – die technische Grundlage der Wikingerzeit entsteht.

793

Überfall auf das Kloster Lindisfarne an der englischen Küste – in der westeuropäischen Überlieferung gilt dieses Ereignis traditionell als Beginn der Wikingerzeit.

799

Erste dokumentierte Wikingerangriffe auf die fränkische Küste.

841

Wikinger gründen eine dauerhafte Siedlung an der Stelle des heutigen Dublin.

844

Erste Wikingerzüge entlang der iberischen Küste.

860

Erster Angriff der Rus (Wikinger im östlichen Handelsraum) auf Konstantinopel.

865–878

Das „Große Heidnische Heer“ operiert in England; große Teile Ostenglands geraten unter dänische Kontrolle (Danelag).

874

Beginn der systematischen Besiedlung Islands, überliefert u. a. mit Ingólfur Arnarson als erstem Siedler.

878

Schlacht von Edington: Alfred der Große besiegt den dänischen Anführer Guthrum; Grundlage für einen brüchigen Frieden zwischen Angelsachsen und Dänen.

911

Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte: Der westfränkische König überlässt dem Wikingerführer Rollo Land an der Seinemündung – Beginn der Normandie.

930

Gründung des Alþingi in Island, einer der ältesten noch existierenden Volksversammlungen der Welt.

ca. 965–970

Harald Blauzahn lässt sich taufen und beansprucht auf den Jelling-Steinen, die Dänen zum Christentum bekehrt zu haben.

ca. 985

Erik der Rote besiedelt Grönland, nachdem er aus Island verbannt worden war.

ca. 1000

Leif Eriksson erreicht nach isländischer Überlieferung als einer der ersten Europäer Nordamerika („Vinland“).

1013–1016

Sven Gabelbart und sein Sohn Knut der Große erobern England.

1016–1035

Knut der Große regiert über ein Nordseereich aus England, Dänemark und Norwegen.

1066

Schlacht bei Stamford Bridge (Tod Harald Hardrådas) und Schlacht bei Hastings (normannische Eroberung Englands) – markieren in der klassischen Geschichtsschreibung das Ende der Wikingerzeit.

Häufige Fragen

Wer waren die Wikinger wirklich?

Die Wikinger waren skandinavische Seefahrer, die zwischen etwa 793 und 1066 als Krieger, Händler und Siedler durch weite Teile Europas, Asiens und Nordamerikas zogen – die meisten von ihnen lebten jedoch daheim als Bauern und Handwerker.

Woher stammt der Name „Wikinger“?

Er leitet sich vom altnordischen Wort víkingr bzw. der Redewendung fara í víking ab, wörtlich „auf Wikingfahrt gehen“ – also eine Raub- oder Handelsfahrt unternehmen.

Welche Quellen kennen wir über die Wikinger?

Zu den wichtigsten Quellen zählen isländische Sagas, die Gesta Danorum des Saxo Grammaticus, Runeninschriften sowie archäologische Funde wie Schiffsgräber und Siedlungsreste.

Wo finde ich Artikel zu berühmten Wikingern?

Profile bekannter Persönlichkeiten wie Ragnar Lodbrok oder Lagertha findest du in der Unterkategorie Berühmte Persönlichkeiten.