Halfdan Ragnarsson
Ein Königreich fällt, und niemand weiß genau, warum die Wikinger kamen. Im Jahr 865 landet ein riesiges Heer aus dem Norden an Englands Küste. Es bleibt nicht bei einem Raubzug. Es bleibt Jahre. Und an seiner Spitze steht ein Mann, dessen Namen die Angelsächsische Chronik nur mit einem Wort belegt: heidnischer König. Sein Name ist Halfdan Ragnarsson, und er verändert die Landkarte Englands für immer.
Herkunft und der Schatten Ragnars
Die Sagas geben Halfdan einen berühmten Vater: Ragnar Lodbrok, jenen legendären Wikinger, dessen Taten halb Geschichte, halb Mythos sind. Als Mutter nennen sie Aslaug. Isländische Sagas aus dem 13. Jahrhundert erzählen eine packende Geschichte: Ælla von Northumbria habe Ragnar getötet, in eine Schlangengrube geworfen. Halfdan und seine Brüder seien ausgezogen, um diesen Tod zu rächen. Eine großartige Erzählung – doch moderne Historiker zweifeln stark daran. Sie entstand erst Jahrhunderte nach den Ereignissen, aufgeschrieben von Menschen, die selbst nie ein Schwert gegen York erhoben. Manche Forscher gehen noch weiter und vermuten, Halfdan sei mit einer weiteren Sagengestalt identisch, mit Hvitserk. Beide Namen tauchen nie gemeinsam in einer Quelle auf. Sicher ist nur: Ein Mann namens Halfdan führte ein Heer, das England erschütterte.
York fällt: Die Eroberung Northumbrias
866 trifft das Große Heidnische Heer auf ein zerrissenes Königreich. Northumbria steckt mitten in einem Bürgerkrieg. Zwei Männer streiten um die Krone: Ælla und Osberht. Das Heer nutzt die Schwäche und erobert York, kaum dass jemand ernsthaften Widerstand leistet. Ein Jahr später versuchen die verfeindeten Könige das Unmögliche: Sie schließen Frieden miteinander, nur um die Invasoren gemeinsam zurückzuschlagen. Der Versuch scheitert blutig. Beide Könige fallen in der Schlacht. Halfdans Heer setzt einen Marionettenherrscher ein und regiert fortan über die Strippen. Northumbria gehört den Wikingern.
Wessex im Visier
Im Winter 870 auf 871 wendet sich das Heer gegen das mächtigste verbliebene Königreich: Wessex. Die Chronik nennt zwei Namen als gemeinsame Befehlshaber dieses Feldzugs: Bagsecg und Halfdan. Der Angriff bringt kein vollständiges Wessex unter Wikingerherrschaft – dafür sorgt später ein anderer Mann, Alfred der Große. Doch die Präsenz Halfdans reicht bis in die Wirtschaft hinein: In London geprägte Münzen tragen seinen Namen. Ein Heerführer, der Geld prägen lässt, ist längst kein bloßer Plünderer mehr. Er ist Herrscher.
Land für die Sieger: Die Geburtsstunde des Danelag
875 zerbricht das große Heer in zwei Teile. Guthrum zieht mit seinen Männern nach Süden, weiter gegen Wessex. Halfdan wendet sich nach Norden, zurück nach Northumbria. Dort vollzieht er 876 einen Schritt, der weitreichender wirkt als jede Schlacht: Er verteilt das Land unter seinen Kriegern. Der Chronist Symeon von Durham hält fest, der heidnische König habe das Land der Northumbrier unter sich und seine Gefolgsleute aufgeteilt. Die neuen Siedler pflügen die Felder und versorgen sich selbst – aus Kriegern werden Bauern. Dieser Akt markiert die Keimzelle des Danelag, jenes Landstrichs in England, in dem fortan dänisches Recht gilt und dänische Sitten Wurzeln schlagen. Halfdan schreibt hier nicht nur Geschichte, er pflanzt sie in den Boden.
Feldzüge im Norden und der Tod bei Strangford Lough
Schon 874 und 875 nutzt Halfdan seine Basis an der Tyne für weitere Kriegszüge. Er greift die Pikten und das Königreich Strathclyde an und schlägt deren König Constantín in der Schlacht bei Dollar. Sein Name reicht bis nach Irland: Die Annalen von Ulster berichten für 875 von der hinterhältigen Tötung des Dubliner Königs Eystein durch einen Mann namens Albann – die irische Form seines Namens. Zwei Jahre später endet Halfdans Weg. 877 fällt er in der Schlacht von Strangford Lough, an der irischen Küste. Der Mann, der York eroberte und Land unter seinen Kriegern verteilte, stirbt fern seiner eroberten Reiche.
Quellenlage
Halfdans historische Spuren sind ungewöhnlich dicht für einen Wikingerführer des 9. Jahrhunderts. Die Angelsächsische Chronik, die Annalen von Ulster und der Bericht Symeons von Durham zeichnen unabhängig voneinander ein Bild seiner Feldzüge, seiner Landverteilung und seines Todes. Selbst geprägte Münzen bestätigen seine reale Herrschaft über Teile Englands. Ganz anders die Sagas: Ihre Erzählung von Rache für Ragnars Tod entstand Jahrhunderte später in Island, fern der Ereignisse, und dient eher der guten Geschichte als der nüchternen Chronik. Auch die vermutete Gleichsetzung mit Hvitserk bleibt Spekulation, gestützt allein auf das Fehlen gemeinsamer Erwähnungen. Wer Halfdan verstehen will, tut gut daran, zwischen dem Mann der Chroniken und dem Racheengel der Sagas zu unterscheiden.