Lagertha
Lagertha begegnet uns zum ersten und einzigen Mal in einer historischen Quelle: den Gesta Danorum, den „Taten der Dänen“, die der dänische Gelehrte Saxo Grammaticus um 1200 verfasste – rund 400 Jahre nach der Zeit, in der die Handlung angeblich spielt.
Der Rachefeldzug für Norwegen
Saxo bettet Lagerthas ersten Auftritt in eine Vorgeschichte voller Gewalt ein: Der schwedische König Frø hatte den norwegischen König Siward getötet und dessen Land unterworfen. Als besondere Demütigung, so berichtet Saxo, ließ Frø norwegische Adelsfrauen in ein Bordell zwingen. Siwards Enkel Ragnar Lodbrok sammelte daraufhin ein Heer, um seinen Großvater zu rächen und Norwegen zu befreien. Zahlreiche norwegische Frauen, unter ihnen Lagertha, griffen selbst zu den Waffen, kleideten sich wie Krieger und kämpften an vorderster Front gegen die Besatzer mit.
Saxos Kriegerin
Saxo beschreibt Lagertha als Kriegerin, die als Rache für ermordete Verwandte in Männerkleidung kämpft, mit offenem Haar über den Schultern. Unter allen Kriegerinnen fällt sie Ragnar besonders auf: Ihr Mut in vorderster Reihe, so schreibt Saxo, habe den Sieg über die Schweden erst möglich gemacht. Ragnar, so die Erzählung, verliebt sich in ihren Mut im Kampf und wirbt um sie. Doch die Werbung verläuft nicht ohne Prüfung: Lagertha lässt einen Bären und einen Hund ihr Haus bewachen, um Ragnars Ernsthaftigkeit zu testen. Erst als er den Bären mit einem Speer tötet und den Hund erwürgt, gewährt sie ihm Einlass – und ihre Hand. Die beiden heiraten und bekommen mehrere Kinder, darunter laut Saxo den Sohn Fridleif.
Trennung und Rettung in der Schlacht
Die Ehe hält nicht. Ragnar verstößt Lagertha später, um Thora Borgarhjört, die Tochter eines schwedischen Adligen, zu heiraten, den er zuvor von einer Riesenschlange befreit hatte. Umso bemerkenswerter ist, was Saxo Jahre später erzählt: Als Ragnar in Dänemark von Aufständischen in eine gefährliche Schlacht gedrängt wird, eilt ihm ausgerechnet seine frühere Frau mit einer eigenen Flotte von 120 Schiffen zu Hilfe. Ihr Eingreifen entscheidet die Schlacht zu Ragnars Gunsten – ein Loyalitätsbeweis, der über die Trennung hinausreicht und in Saxos Darstellung ihren Ruf als Kriegerin endgültig festigt.
Die Herrin Norwegens
Nach dieser Episode berichtet Saxo von einem letzten, düsteren Kapitel: Zurück in Norwegen, entdeckt Lagertha, dass ihr zweiter Ehemann einen Anschlag auf sie plant. Sie kommt ihm zuvor und tötet ihn mit einem Speer, den sie unter ihrem Gewand verborgen hatte. Anschließend übernimmt sie allein die Herrschaft über sein Reich. Mit dieser Wendung endet Lagerthas Geschichte bei Saxo als eigenständige Herrscherin, nicht als Anhängsel eines Mannes.
Eine Quelle, viele Fragen
Außerhalb von Saxos Werk taucht Lagertha in keiner weiteren mittelalterlichen Quelle auf – nicht in den isländischen Sagas, nicht in der Poetischen oder Prosa-Edda. Historiker stufen sie deshalb überwiegend als literarische Figur ein, möglicherweise inspiriert von der Walküren- und Schildmaid-Tradition der nordischen Mythologie, vermischt mit lokalen Sagen, die Saxo für seine Chronik sammelte. Manche Historiker vermuten zudem, dass Saxo mit ihrer Geschichte auch ein moralisches Exempel geben wollte – eine Warnung vor Frauen, die männliche Rollen einnehmen, gepaart mit Bewunderung für ihre Tapferkeit.
Von der Chronik zur Populärkultur
Popularität außerhalb der Fachwelt verdankt Lagertha vor allem der Fernsehserie Vikings, die sie zu einer ihrer zentralen Figuren macht und ihre Geschichte um zahlreiche fiktive Elemente erweitert, die bei Saxo nicht vorkommen. Die historische Lagertha bleibt dagegen genau das, was Saxo Grammaticus über sie schrieb: eine einzelne, nicht bestätigte Erzählung – aber eine, die bis heute nachwirkt.
Quellenlage
Die einzige mittelalterliche Quelle zu Lagertha ist Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum (Buch IX, um 1200 verfasst). In keiner isländischen Saga und in keiner der beiden Edden wird sie erwähnt. Da Saxo sein Werk rund 400 Jahre nach der angeblichen Handlungszeit schrieb und dabei mündliche Überlieferungen mit eigener literarischer Ausschmückung verband, gilt Lagertha in der Forschung überwiegend als legendäre beziehungsweise literarische Figur und nicht als historisch gesicherte Persönlichkeit.