Ein Krieger fällt in der Schlacht. Wohin geht seine Seele? Die meisten sagen: nach Walhall, zu Odin. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte aller Gefallenen gehört Freya.
Freya gilt als die schönste unter den Göttinnen. Sie herrscht über Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit. Man kennt sie als sanfte Gestalt. Doch dieses Bild täuscht.
Eine Kriegsherrin mit eigener Halle
Freya ist keine blosse Göttin der Gefühle. Sie ist eine Kriegsherrin. Ihre Halle heißt Folkvang. Dort ziehen die Hälfte aller im Kampf Gefallenen ein. Die andere Hälfte holt sich Odin nach Walhall. Zwei Götter, ein Recht auf die Toten. Das zeigt: Freyas Macht reicht weit über Liebe und Schönheit hinaus.
Ihr Wagen fährt nicht mit Pferden. Zwei Katzen ziehen ihn durch die Welten der nordischen Mythologie. Braucht sie schnellere Wege, greift sie zu ihrem Falkengewand. Es macht sie zum Vogel und trägt sie durch die Luft.
Familie und der wandernde Od
Freya ist die Zwillingsschwester Freyrs und Tochter Njords. Ihr Ehemann heißt Od, doch er zieht ruhelos durch die Welt und lässt sie oft allein zurück. Aus Sehnsucht weint Freya ihm Tränen nach, die sich am Boden in Gold verwandeln. Mit Od hat sie zwei Töchter, Hnoss und Gersimi, deren Namen beide so viel wie „Schatz“ oder „Kostbarkeit“ bedeuten. (Quelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
Seidr – die Kunst der Weissagung
Freya beherrscht den Seidr, eine Form der Weissagung, mit der man die Zukunft lesen und Schicksale lenken kann. Sie war es, die den Asen, den Hauptgöttern der nordischen Mythologie, diese Kunst zuerst lehrte. Ohne Freya kein Wissen um das Kommende. (Quelle: Snorri Sturluson, Ynglinga saga, in: Heimskringla)
Brisingamen – das Halsband der Zwerge
Ihr wertvollster Besitz ist Brisingamen, ein Halsband aus Zwergenhand. Zwerge zählen in den Sagen zu den besten Schmieden aller Welten. Was sie fertigen, hat Bestand. Brisingamen gilt deshalb als eines der kostbarsten Kleinode überhaupt. Eine spätere Erzählung, der Sörla þáttr, berichtet, Freya habe das Halsband von vier Zwergen erhalten, nachdem sie mit jedem von ihnen eine Nacht verbracht habe – diese Geschichte stammt allerdings aus einer jüngeren, christlich geprägten Quelle und gilt als weniger verlässlich als die Lieder-Edda. (Quelle: Sörla þáttr, 14. Jahrhundert)
Þrymskviða – Die Brautwerbung, die keine war
Als der Riese Thrym Thors Hammer Mjölnir stiehlt, verlangt er Freya als Braut im Tausch gegen die Waffe. Die Götter bitten Freya, sich in Brauttracht zu kleiden und zu Thrym zu reisen. Sie weigert sich mit solcher Wucht, dass die Hallen der Asen erzittern und Brisingamen von ihrem Hals reißt. Am Ende zieht nicht Freya, sondern der als Braut verkleidete Thor zur Hochzeit – und holt sich seinen Hammer mit List zurück. (Quelle: Lyrische Edda, Þrymskviða)
Lokasenna – Lokis Vorwurf
Beim Zechgelage der Lokasenna wirft Loki Freya vor, mit sämtlichen anwesenden Göttern und Elfen geschlafen zu haben, ihren eigenen Bruder Freyr eingeschlossen. Freya weist die Anschuldigung empört zurück, doch Loki lässt sich nicht beirren. Die Szene zeigt, wie sehr Freyas Ruf als Göttin der Liebe schon in den mittelalterlichen Quellen mit Spott und Verdächtigungen verknüpft war. (Quelle: Lyrische Edda, Lokasenna)
Mehr als ein Bild von Schönheit
Freya vereint, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst: Liebe und Krieg, Schönheit und Macht, Magie und Tod. Genau das macht sie zu einer der eindrucksvollsten Figuren der nordischen Mythologie. Wer nur die schöne Göttin sieht, übersieht die Kriegsherrin daneben. Beide gehören zu ihr, untrennbar, wie zwei Seiten eines Schwerts.
Im Spiel: Wie God of War die Figur darstellt und wo es von den Quellen abweicht, zeigt unser Mythologie-Check.
Quellenlage
Die Angaben zu Freya stützen sich vor allem auf die Lieder-Edda (insbesondere Þrymskviða und Lokasenna) und die Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson (13. Jahrhundert) sowie auf dessen Ynglinga saga aus der Heimskringla. Die Geschichte um den Erwerb von Brisingamen stammt aus dem deutlich jüngeren Sörla þáttr (14. Jahrhundert) und wird von der Forschung mit Vorsicht behandelt. Da die Überlieferung erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurde, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.




