Thors Duell mit Hrungnir

Thors Duell mit Hrungnir

Ein Pferderennen entscheidet über Leben und Tod. Odin reitet auf seinem achtbeinigen Hengst Sleipnir nach Jötunheim, dem Land der Riesen. Dort trifft er Hrungnir, der auf Gullfaxi sitzt, einem stolzen Ross. Die beiden streiten: Wessen Pferd ist schneller? Odin setzt seinen eigenen Kopf als Einsatz. Mutig – oder übermütig.

Der Ritt führt geradewegs vor die Tore Asgards. Dort feiern die Götter gerade in ihrer Halle, der Met fließt. Hrungnir trinkt zu viel und prahlt: Er werde alle Asen erschlagen. Nur zwei will er verschonen – Freyja und Sif nimmt er sich mit.

Thor kommt heim

Da betritt Thor die Halle. Der Donnergott hört die Prahlerei und will sofort zuschlagen. Doch Hrungnir hat keine Waffe bei sich. Ihn zu töten wäre unehrenhaft, sagt der Riese. Stattdessen fordert er Thor zum Zweikampf – einem Holmgang, wie es die alten Krieger nannten. Treffpunkt: die Grenze bei Grjótúnagarðar.

Thor nimmt an. Zum ersten Mal in seinem Leben bietet ihm jemand einen echten Kampf Mann gegen Mann an.

Ein Riese aus Lehm

Hrungnir bereitet sich vor. Er formt sich einen Kameraden aus Lehm: Mökkurkálfi, neun Meilen hoch, doch mit dem Herzen einer Stute. Als Thor erscheint, verliert der Lehmriese die Nerven – er uriniert vor Angst.

Hrungnir selbst besteht aus Stein, sein Herz ebenfalls. Ein gewaltiger Gegner. Doch Thor gewinnt nicht durch pure Kraft. Sein Diener Þjálfi flüstert Hrungnir eine Lüge zu: Der Angriff komme von unten, aus der Erde. Der Riese glaubt ihm und stellt sich auf seinen eigenen Schild – ein fataler Fehler.

Mjöllnir, Thors Hammer, trifft den steinernen Schädel und zerschmettert ihn. Hrungnir stürzt zu Boden. Doch im Fallen legt sich sein Fuß über Thors Hals. Þjálfi kümmert sich derweil um den zitternden Lehmriesen und erschlägt ihn.

Ein dreitägiges Kind rettet den Donnergott

Thor liegt gefangen unter dem toten Riesen. Kein Gott schafft es, den schweren Fuß zu heben. Erst Magni kommt zur Hilfe – Thors eigener Sohn, gerade einmal drei Nächte alt, Kind der Riesin Járnsaxa. Mühelos wälzt er den Fuß zur Seite und befreit seinen Vater.

Als Belohnung erhält Magni das Pferd Gullfaxi. Odin ist darüber alles andere als erfreut – schließlich hatte er selbst um dieses Pferd gestritten.

Eine Wunde, die bleibt

Der Kampf hinterlässt Spuren. Ein Splitter des zerschmetterten Wetzsteins steckt in Thors Kopf. Die Zauberin Gróa versucht, ihn mit einem Spruch herauszulösen. Fast gelingt es ihr – doch dann erzählt Thor ihr eine freudige Nachricht, und Gróa vergisst vor lauter Glück die restlichen Zauberworte. Der Splitter bleibt.

Diese Geschichte erzählt Snorri im 13. Jahrhundert. Noch älter ist sie im Gedicht Haustlöng aus dem 10. Jahrhundert belegt. Manche deuten „Hrungnis Herz“ als jenes verschlungene Symbol, das wir heute Valknut nennen – ein Knoten aus drei Dreiecken. Sicher ist das nicht. Wie so vieles aus jener Zeit bleibt auch dieses Rätsel im Nebel der Jahrhunderte verborgen.

Quellenlage

Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.

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