Zwerge – die Schmiede der nordischen Götterwelt
Über sechzig Namen reiht die Lieder-Edda in wenigen Strophen aneinander. Völuspá 9 leitet über zur Erschaffung der Zwerge, dann folgt bis Strophe 16 fast nichts als ein Namenskatalog — das sogenannte Dvergatal. Die genaue Zahl schwankt, weil die Handschriften unterschiedlich viele führen.
Viele Herausgeber halten diese Aufzählung für eine spätere Einfügung in das Gedicht. Trifft das zu, dann wurde ausgerechnet ein nachträglicher Einschub zur folgenreichsten Namensliste der Weltliteratur.
Denn fast alle Namen der Zwergengesellschaft in Tolkiens Hobbit stammen daraus. Thorin, Dvalin, Fíli, Kíli, Bombur, Durin. Und Gandalf.
„Die Zwerge“ gibt es nicht
Ein Hinweis, der vor alles andere gehört.
Moderne Fantasy hat den Zwerg zu einer Spezies gemacht: rund 1,30 Meter, Bart, Axt, Bergreich, dreihundert Jahre Lebenszeit, eigene Sprache. Eine Rasse mit Datenblatt.
So etwas kennen die Quellen nicht. Sie liefern keine Definition, keine einheitliche Beschreibung und kein System. Was sie liefern, ist ein Feld von Wesen, die immer wieder mit denselben Dingen verbunden werden: Untergrund und Gestein, Handwerk, besonderes Wissen, außergewöhnliche Gegenstände — und mit einem unklaren Verhältnis zu den Alben.
Ob alle Texte unter dvergr dasselbe verstanden, wissen wir nicht. Vermutlich nicht.
Alles, was folgt, ist deshalb zusammengesetzt: aus einzelnen Liedern, aus Snorris Ordnungsversuch, aus späterer Deutung. Wer daraus ein geschlossenes Bild baut, tut genau das, was die Quellen nicht tun.
Ursprung: aus dem Leib des Urriesen
Die Überlieferung kennt zwei Entstehungsberichte.
Die Völuspá sagt, die Götter hätten die Zwerge aus dem Blut Brimirs und den Knochen Bláinns geformt. Snorri Sturluson erzählt in der Gylfaginning, die Zwerge seien als Maden im Fleisch des Urriesen Ymir entstanden; erst danach hätten die Götter ihnen Verstand und menschliche Gestalt gegeben.
Brimir und Bláinn werden häufig als Beinamen Ymirs selbst verstanden. Ganz unumstritten ist diese Deutung nicht. Folgt man ihr, führen beide Fassungen die Zwerge auf dasselbe Material zurück — den zerlegten Leib des Urriesen, aus dem auch die Welt gebaut wurde.
Der verbleibende Unterschied ist interessanter als ein Widerspruch. Bei Snorri entstehen die Zwerge von allein, als Gewürm, und werden nachträglich zurechtgemacht. In der Völuspá schaffen die Götter sie absichtlich. Geschaffen oder gewachsen — das bleibt offen.
Als mächtigster unter ihnen gilt Móðsognir, an zweiter Stelle steht Durinn. Snorri verbindet sie anschließend mit einem Leben in Erde und Gestein.
Was die Texte zeigen — und was nicht
Beginnen wir mit dem, was in den Texten steht, nicht mit dem Wort.
Zwerge schmieden. Das ist ihre Rolle in praktisch jeder Geschichte, in der sie vorkommen: Sie stellen her, was die Götter besitzen und selbst nicht herstellen können. Waffen, Schmuck, Schiffe, den Dichtermet. Ohne Zwerge hätte Thor keinen Hammer und Odin keinen Speer.
Eine Körpergröße nennen die eddischen Texte dagegen nicht. Sie definieren Zwerge nicht über geringen Wuchs — sie liefern überhaupt keine einheitliche körperliche Beschreibung. In diesen Geschichten bestimmt sich der Zwerg über das, was er kann.
Zumindest einzelne Zwerge erscheinen zudem in anderer Gestalt. Andvari, ausdrücklich als Zwerg bezeichnet, lebt í geddu líki — in Hechtgestalt — im Wasser, bis Loki ihn fängt und ihm den Goldring abpresst, der die ganze Nibelungensage in Gang setzt. Ob das für Zwerge allgemein galt, sagt keine Quelle.
Snorri ordnet sie zusätzlich ein: Er nennt die Bewohner von Svartálfaheimr svartálfar, Schwarzalben, und unterscheidet an anderer Stelle Licht- und Dunkelalben. Diese systematische Einteilung begegnet in dieser Form nur bei ihm und lässt sich aus älteren Quellen nicht rekonstruieren. Ob er sie erfand oder aus verlorener Überlieferung übernahm, ist nicht zu entscheiden. Der Ortsname Niðavellir dagegen stammt aus der Völuspá: Dort steht im Norden eine goldene Halle „Sindra ættar“, des Geschlechts Sindris.
Und woher kommt das Wort?
Bis zum Urgermanischen ist die Sache klar. Altnordisch dvergr, altenglisch dweorg, althochdeutsch twerg gehen auf eine gemeinsame Form *dwergaz zurück.
Was davor liegt, gilt als stark umstritten. Die ältere Herleitung setzt ein indogermanisches *dhwergwhos an, „etwas Winziges“. Riccardo Ginevra hat 2020 eine Gegenthese vorgelegt: Herkunft von einer Wurzel *twerḱ-, „schneiden, formen“, mit Vergleichen zum vedischen Tváṣṭar, dem göttlichen Handwerker. Anatoly Liberman wiederum sieht eine Verbindung zu Krankheit und Verwirrung.
Die zweite These passt am besten zu dem, was Zwerge in den Quellen tun. Das ist ein Argument für sie — und zugleich ein Grund, vorsichtig zu sein. Eine Etymologie wird nicht dadurch richtig, dass sie die eigene These stützt. Die Frage ist offen.
Gut, dass das Handwerk keinen Wortbeweis braucht. Es steht in den Texten selbst.
Ein Befund, der oft falsch erzählt wird
Verbreitet ist die Aussage, die kleine Gestalt der Zwerge sei eine neuzeitliche Erfindung. Das stimmt so nicht.
Altenglische Glossen des 7. bis 9. Jahrhunderts übersetzen dweorg mit lateinisch nanus, pygmaeus und pumilio — durchweg „kleinwüchsige Person“. Das ist älter als der Codex Regius und älter als Snorri.
Der Befund lautet also nicht: Zwerge waren nicht klein. Er lautet: Im westgermanischen Sprachraum bezeichnete das Wort früh einen kleinen Menschen, ganz ohne mythologischen Beiklang — während die nordischen Mythentexte dieselben Wesen über Handwerk und Wissen bestimmen und zur Größe schweigen.
Zwei Traditionen, ein Wort. Zusammengeführt wurden sie erst später.
Die Wette um Lokis Kopf
Das Skáldskaparmál erzählt die berühmteste Zwergengeschichte.
Loki hat Sif das Haar abgeschnitten und muss den Schaden ersetzen. Er lässt von den Söhnen Ívaldis drei Kostbarkeiten schmieden: goldenes Haar für Sif, das Schiff Skíðblaðnir und den Speer Gungnir.
Dann wettet er — um seinen eigenen Kopf —, dass der Zwerg Eitri nichts Besseres zustande bringe. Brokkr, Eitris Bruder, hält dagegen.
Eitri schmiedet, Brokkr bedient den Blasebalg und darf nicht loslassen. Loki verwandelt sich in eine Fliege und sticht dreimal: in die Hand, in den Nacken, zuletzt ins Augenlid. Beim dritten Mal läuft Blut ins Auge, Brokkr wischt es kurz weg — und der Griff des Hammers, der gerade entsteht, gerät zu kurz.
Trotzdem gewinnen die Brüder. Ihre drei Werke sind der Eber Gullinbursti, der Ring Draupnir und der Hammer Mjölnir. Die Götter erklären den Hammer für das beste Stück, kurzer Griff hin oder her.
Loki entkommt mit einem juristischen Kniff: Sein Kopf gehöre Brokkr, sein Hals aber nicht — und ohne den Hals zu verletzen, sei der Kopf nicht zu bekommen. Brokkr näht ihm daraufhin die Lippen zu.
Eine Geschichte über Handwerk, die als Rechtsstreit endet. Isländischer geht es kaum.
Kvasirs Tod und der Dichtermet
Auch der Dichtermet geht auf zwei Zwerge zurück.
Fjalarr und Galarr laden den weisen Kvasir zu sich, erschlagen ihn und brauen aus seinem Blut, vermischt mit Honig, einen Trank, der jedem, der ihn trinkt, die Dichtkunst verleiht.
Damit stehen die Zwerge nicht nur am Ursprung der Götterwaffen, sondern auch am Ursprung der Dichtung selbst. Für ein Lehrbuch für Skalden — und das ist die Prosa-Edda — lässt sich das geradezu als Gründungserzählung des eigenen Fachs lesen.
Der Met bleibt nicht bei ihnen. Die beiden töten weiter, verlieren ihn an den Riesen Suttungr, und am Ende stiehlt Odin ihn. Deshalb führt Snorri im Skáldskaparmál Umschreibungen wie „Odins Fund“ und „Odins Beute“ für Dichtung auf.
Alvíss und das Tageslicht
Die dritte große Zwergengeschichte kommt ohne Schmiede aus — und sie steht in der Lieder-Edda, ist also nicht auf Snorri angewiesen.
Der Zwerg Alvíss, „Allweise“, erscheint bei den Göttern und fordert Thors Tochter als Braut ein; sie sei ihm versprochen worden. Thor lehnt nicht ab. Er stellt Fragen.
Wie heißt die Erde bei den Menschen, bei den Asen, bei den Riesen, bei den Alben, bei den Zwergen? Und der Himmel, der Mond, die Sonne, die Wolken, der Wind, die Windstille, das Meer, das Feuer, der Wald, die Nacht, die Saat, das Bier? Dreizehn Fragen, jede mit einer langen Antwort. Alvíss beantwortet alle korrekt.
Dann sagt Thor ihm, was er die ganze Zeit getan hat: ihn hinhalten. Die Sonne geht auf. Alvíss wird zu Stein.
Die Alvíssmál verbinden diesen Zwerg also ausdrücklich mit einer versteinernden Wirkung des Tageslichts. Ob das als Eigenschaft aller Zwerge gedacht war, lässt sich aus der Überlieferung nicht ableiten — es ist ein Lied, ein Fall. Die spätere Rezeption hat daraus eine allgemeine Regel gemacht.
Ein Vorbehalt kommt hinzu: Die Alvíssmál gehören zu den Liedern, deren Datierung umstritten ist. Teile der Forschung setzen sie erst ins 13. Jahrhundert, also in Snorris Zeit.
Nachhall in der Popkultur
Kaum eine Gestalt der nordischen Mythologie wirkt so unmittelbar in die Gegenwart wie der Zwerg.
Tolkien entnahm die Namen seiner Zwerge fast vollständig dem Dvergatal. Thorin, Dvalin, Fíli, Kíli, Dori, Nori, Ori, Bifur, Bofur, Bombur, Durin — sie alle stehen in Völuspá 9 bis 16.
Auch Gandalf. Altnordisch Gandálfr, zusammengesetzt aus gandr — unter anderem „Stab, Zauberstab“ — und álfr, „Albe“. In der Liste ist es ein Zwergenname; bei Tolkien wird daraus ein Zauberer mit Stab, was der Wortbedeutung näher kommt als der Vorlage.
Was Tolkien nicht erfunden hat, wird oft falsch erzählt. Bärtige Zwerge, Berge, Gestein und Schmiedekunst gehören zur europäischen Erzähl- und Bildtradition lange vor ihm — und die Verbindung zum Untergrund steht bereits in der Edda. Tolkiens Leistung liegt woanders: Er baute aus den überlieferten Namen eine ausgearbeitete Kultur mit Geschichte, Königreichen, gesellschaftlicher Ordnung und einer eigenen Sprache. Die Namen kamen aus der Edda, die Kultur von ihm.
In der Spielreihe God of War heißen die Schmiedebrüder Brok und Sindri. Brok geht unmittelbar auf Snorris Brokkr zurück. Beim zweiten Namen ist es komplizierter: Snorri nennt den Schmied Eitri, während Sindri in Völuspá 37 als Geschlechtsname erscheint. Die Vermischung ist nicht neu — schon populäre Handbücher des 19. Jahrhunderts führen Sindri als Brokkrs Bruder. Das Spiel greift damit echte altnordische Namen auf und eine alte Verwechslung gleich mit; Charaktere und Handlung sind frei erfunden.
Was daran den Quellen entspricht, prüfen wir im Historik-Check.
Quellenlage
Lieder-Edda. Dvergatal: Völuspá 9–16. Niðavellir und Sindris Geschlecht: Völuspá 37. Alvíss: Alvíssmál. Andvari als Zwerg in Hechtgestalt: Prosaeinleitung zu den Reginsmál.
Snorri. Entstehung als Maden in Ymirs Fleisch: Gylfaginning 14. Licht- und Dunkelalben: Gylfaginning 17. Zwerge in Svartálfaheimr: Gylfaginning 34. Wette, Schätze und zugenähte Lippen: Skáldskaparmál 35. Kvasir, Fjalarr und Galarr sowie die Kenningar für Dichtung: Skáldskaparmál 57.
Weitere Zwergenstoffe begegnen besonders in den Vorzeitsagas — in der Völsunga saga und in der Hervarar saga, wo Dvalinn und Durinn das Schwert Tyrfingr schmieden.
Zur Etymologie. Riccardo Ginevra (2020) zur *twerḱ-These; Gegenpositionen bei Vladimir Orel, A Handbook of Germanic Etymology, Brill, und bei Anatoly Liberman. Zu den altenglischen Glossen: die einschlägigen Wörterbücher zum Altenglischen unter dweorg.
Nachschlagewerk. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner — Artikel Zwerge, Dvergatal, Brimir, Bláinn.
Offen. Die Herkunft des Wortes, das Alter des Dvergatals, die Frage, ob seine Namen aus älterer mündlicher Überlieferung stammen oder beim Einschub entstanden — und ob die Texte unter dvergr überhaupt dieselbe Art von Wesen verstanden.