Nidhöggr: Der Fluchschläger unter der Weltesche
Sein Name klingt wie ein Urteilsspruch. Níðhǫggr setzt sich aus zwei altnordischen Wörtern zusammen: níð, das Schmach, Bosheit und Ehrverlust bedeutet, und hǫggr, ein Wort für den, der haut oder schlägt. Zusammen ergibt das etwa „der hasserfüllt Schlagende“ oder „Fluchschläger“. Manche Forscher lesen den ersten Teil anders, als niðr, „hinab“ – dann würde der Name „Beißer von unten“ bedeuten. Welche Deutung stimmt, lässt sich bis heute nicht sicher klären, denn die Länge des ersten Vokals ist in den erhaltenen Handschriften nicht eindeutig festgelegt. Sicher ist nur eines: Wer in der Wikingerzeit mit níð belegt wurde, verlor seine Ehre vor der ganzen Gemeinschaft. Ein Wesen mit diesem Wort im Namen trägt also von Anfang an ein Stigma.
Der Nager an der Weltenwurzel
In den Grímnismál, einem Lied der Liederedda, taucht Níðhǫggr zum ersten Mal auf. Die Weltesche Yggdrasil leidet dort schwer unter ihren Bewohnern. Von unten nagt und reißt der Drache an ihren Wurzeln. Oben in der Krone sitzt ein Adler. Zwischen beiden läuft das Eichhörnchen Ratatoskr hin und her und trägt Botschaften und Beleidigungen von einem zum anderen. Der Baum steht so zwischen zwei Feinden, die sich nie begegnen und sich doch über den Boten bekämpfen. Mehr verrät das Lied über die Rolle des Drachen nicht – keine Kampfszene, keine Beschreibung seiner Gestalt. Überliefert ist allein das Nagen selbst.
Ein Nest voller Schlangen
Snorri Sturluson greift die knappe Szene aus den Grímnismál in seiner Prosa-Edda auf und baut sie aus. In der Gylfaginning wohnt Níðhǫggr an der Quelle Hvergelmir in Niflheim, unter der dritten Wurzel Yggdrasils, und teilt sich diesen Ort mit zahlreichen anderen Schlangen. Im Skáldskaparmál, dem zweiten großen Teil seines Werkes, taucht sein Name erneut auf – diesmal in einer Liste von Schlangennamen neben Fafnir, Jörmungandr, Góinn und Móinn. Die Quellen führen ihn also unter den Schlangen; als Drachen bezeichnet ihn erst die Schlussstrophe der Völuspá. Snorris Wissen über ihn stammt erkennbar aus genau zwei alten Liedern, den Grímnismál und der Völuspá. Er erfindet wenig hinzu, sondern ordnet, was die älteren Texte bereits hergeben. Später erscheint der Name sogar in einer Liste von Schwertnamen – ein Zeichen dafür, wie sehr sich der Klang des Wortes von seiner ursprünglichen Bedeutung gelöst hatte.
Die Halle am Strand der Leichen
Die eindrücklichste Szene liefert die Völuspá, das große Seherinnen-Lied der Liederedda. Fern der Sonne, an einem Ort namens Náströnd, dem Strand der Leichen, steht eine Halle. Ihre Wände sind aus Schlangenrücken geflochten, Gift tropft von oben herab. Wer meineidig war, wer mordete oder eine fremde Frau verführte, muss durch diese Halle waten. Dort, inmitten der Toten, saugt Níðhǫggr an den Leichen. Kein anderer Text der Edda schildert die Unterwelt der Ehrlosen so konkret wie diese wenigen Strophen.
Der letzte Flug
Die Völuspá endet mit einem Bild, das bis heute Rätsel aufgibt. Nach Ragnarök, dem Untergang der alten Götterwelt, fliegt ein dunkler Drache aus der Tiefe herauf. In seinem Gefieder trägt er Leichen. Kaum ist dieser Satz gesprochen, verstummt die Seherin – das Lied endet, ohne den Namen des Drachen noch einmal zu nennen. Die vorherrschende Deutung liest diese Schlussstrophe als letzte Warnung: Selbst nach dem Ende der Götter ist das Böse nicht endgültig besiegt. Andere Lesarten sehen darin ein Bild der Erneuerung, eine Art makabren Phönix, der aus dem Untergang aufsteigt. Wieder andere vermuten, der Drache trage die Leichen der Gerechten empor, hinauf zur neuen Halle Gimlé. Keine dieser Deutungen lässt sich eindeutig belegen – die Strophe bleibt offen, das ist gerade ihr Kern.
Quellenlage
Alles, was über Níðhǫggr bekannt ist, stammt aus einer sehr schmalen Textbasis: den Liedern Grímnismál und Völuspá der Liederedda sowie Snorris Prosa-Edda, genauer den Kapiteln Gylfaginning und Skáldskaparmál. In keiner anderen alten Quelle wird der Drache erwähnt – keine Saga, keine Chronik, kein Runenstein nennt seinen Namen. Snorri selbst schöpft nachweislich aus diesen beiden Liedern und fügt kein unabhängiges altes Wissen hinzu, auch wenn er die Szenen literarisch ausschmückt und ordnet. Vieles, was in modernen Nacherzählungen über den Drachen kursiert – er sei Hels Haustier, habe eine bestimmte Körpergröße oder kämpfe aktiv im Endkampf von Ragnarök – findet in den mittelalterlichen Texten keine Stütze. Es sind spätere Ausschmückungen, kein überliefertes Wissen. Wer heute über Níðhǫggr schreibt, bewegt sich auf sehr wenigen, aber klar benennbaren Zeilen aus zwei Handschriftentraditionen des 13. Jahrhunderts.