Jörmungandr: Die Midgardschlange, die den Erdkreis umschließt

Jörmungandr: Die Midgardschlange, die den Erdkreis umschließt

Auf einem 1,95 Meter hohen Runenstein aus Altuna in Uppland, 1918 in der Mauer einer Kapelle gefunden, steht ein einzelner Mann in einem Boot. Sein Fuß durchbricht den Bootsboden, seine Hand hält eine Angelschnur. Der Stein aus dem 11. Jahrhundert zeigt Thor beim Fischzug – allein, ohne Begleiter, im Kampf mit einem Gegner: Jörmungandr, der Midgardschlange.

Dass Handwerker diese Szene zwei Jahrhunderte vor Snorris Aufzeichnungen in Stein schlugen, zeigt, wie tief die Geschichte von Thor und der Weltschlange im nordischen Erzählgut verwurzelt war.

Herkunft: Ein Kind des Loki

Jörmungandr kommt als Kind des Loki und der Riesin Angrboða zur Welt. Die Geschwister sind der Wolf Fenrir und die Totengöttin Hel – eine Brut, die die Götter von Anfang an fürchten.

Der Name setzt sich aus „Jörmun-“ und „gandr“ zusammen: „Jörmun-“ bedeutet „der Gewaltige“, „gandr“ lässt sich als „Ungeheuer“ oder als „Zauberstab“ lesen. Deshalb deuten Forscher den Namen entweder als „gewaltiges Ungeheuer“ oder als „Erden-Zauberstab“. In den älteren Texten heißt sie außerdem schlicht Ormr („Schlange“) oder Naðr („Natter“).

Odins Wurf ins Weltmeer

Odin erkennt in Lokis Kindern eine Gefahr für die Götterwelt. Er wirft die junge Schlange ins Meer, das Midgard, die Welt der Menschen, umgibt. Dort wächst Jörmungandr ohne Unterlass, bis ihr Leib alle Länder umschließt und sie sich selbst in den eigenen Schwanz beißt. In dieser Gestalt, den ganzen Erdkreis im Griff, bleibt sie liegen – bis zum Ende der Welt.

Die graue Katze bei Utgardloki

Die erste der drei überlieferten Begegnungen mit Thor verbirgt sich hinter einer List. Bei einem Besuch am Hof des Riesen Utgardloki soll Thor eine graue Katze vom Boden heben – eine scheinbar leichte Aufgabe, die sich als Kraftprobe entpuppt. Thor schafft es nur, eine einzige Pfote anzuheben.

Erst später erfährt er, dass die Katze in Wahrheit Jörmungandr war, verwandelt und verkleinert durch die Magie des Riesen. Selbst in dieser Tarnung reicht ihre wahre Größe aus, um den stärksten der Götter an seine Grenzen zu bringen.

Der Fischzug mit Hymir

Die zweite Begegnung führt Thor aufs offene Meer. Zusammen mit dem Riesen Hymir fährt er zum Fischen hinaus und ködert seine Angel mit dem Kopf eines Ochsen. Jörmungandr beißt an, und ein erbitterter Kampf zwischen Gott und Schlange beginnt.

Hier gehen die Quellen auseinander. Snorris Prosa-Edda erzählt, dass der erschrockene Hymir die Angelschnur durchschneidet, bevor Thor den tödlichen Schlag führen kann – die Schlange entkommt zurück in die Tiefe. Die Hymiskviða der Lieder-Edda lässt offen, ob sie sich losreißt oder freigeschnitten wird. Die Skaldendichtung, etwa die Ragnarsdrápa, deutet dagegen an, dass Thor sie bei dieser Begegnung tatsächlich erschlägt.

Die Bildsteine liefern dazu ein aufschlussreiches Bild. Der Hørdum-Stein in Dänemark zeigt Hymir mit einem Werkzeug in der Hand, offenbar im Begriff, die Schnur zu kappen – das entspricht Snorris Fassung. Auf dem Altuna-Stein fehlt Hymir ganz, und daraus wird geschlossen, dass Thor hier siegt. Sicher ist das nicht: Der Stein ist schmal, und die Auslassung könnte schlicht dem Format geschuldet sein.

Ragnarök: Der letzte Kampf

Die dritte und letzte Begegnung fällt in den Untergang der Welt. Die Völuspá beschreibt, wie Thor die Midgardschlange endlich tötet – doch der Sieg kostet ihn das Leben. Er geht neun Schritte von ihrem Leib fort, dann erliegt er dem Gift, das sie über ihn ausgespien hat.

Snorri übernimmt diese Szene in seiner Gylfaginning nahezu wortgleich. Damit endet die lange Feindschaft zwischen dem Donnergott und der Schlange, die er nie ganz besiegen konnte, in beider Tod.

Quellenlage

Was wir über Jörmungandr wissen, stammt aus zwei sehr unterschiedlichen Arten von Zeugnissen.

Die schriftlichen Quellen – Snorris Prosa-Edda um 1220, die Eddalieder Völuspá und Hymiskviða sowie verstreute Skaldenstrophen wie die Ragnarsdrápa – sind erst Jahrhunderte nach der mündlichen Entstehung der Mythen aufgezeichnet worden und tragen bereits die Handschrift christlicher Schreiber, die heidnisches Erzählgut ordneten und deuteten. Dass sich ihre Versionen des Fischzugs widersprechen, zeigt, wie lebendig und uneinheitlich diese Geschichten mündlich weiterlebten, bevor sie in Handschriften erstarrten.

Archäologische Funde wie der Altuna-Stein, der Hørdum-Stein in Dänemark, die Bildsteine von Ardre auf Gotland und eine Steinplatte in Gosforth belegen dagegen unabhängig von jeder Textquelle, dass die Szene von Thors Fischzug schon lange vor Snorri fester Bestandteil der Bildsprache war.

Moderne Deutungen, die Jörmungandr als Ouroboros lesen, der die Welt zusammenhält und dessen loslassender Schwanz das Ragnarök auslöst, finden in den erhaltenen Texten keine wörtliche Stütze – sie sind Interpretation, nicht Überlieferung. Auch die Rolle der Schlange als Verbündete in modernen Videospielen wie God of War gehört in die Popkultur, nicht in den Mythos.

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