Stell dir einen Krieger vor, der auf Knochenkufen über gefrorene Fjorde gleitet, schneller als jeder Pfeil, den er selbst verschiesst. Das ist Ullr, der Gott der Jagd, des Bogens und des Schneeschuhlaufs.
Ullr beherrscht sein Handwerk wie kein Zweiter. Er trifft sein Ziel, ohne zu zögern. Er gleitet über Schnee und Eis, als kenne er jeden Spalt im Fjord. Doch die alten Quellen schweigen über seine großen Abenteuer. Kein Skalde erzählt von seinen Kämpfen, keine Saga schildert seine Heldentaten im Detail.
Familie
Ullr ist der Sohn der Sif und damit ein Stiefsohn Thors – so berichtet es Snorri Sturluson knapp in der Prosa-Edda. Über seinen Vater schweigen die Quellen vollständig. Diese Kürze ist typisch für Ullr: Kaum ein anderer Gott wird so oft erwähnt und dabei so wenig erzählt. Viele Forscher vermuten, dass er einst zu den bedeutendsten Göttern Skandinaviens zählte, lange bevor die überlieferten Mythen niedergeschrieben wurden – und dass sein Kult einfach älter ist als die Geschichten, die über ihn erhalten blieben. (Quelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
Ýdalir – die Eibentäler
Im Eddalied Grímnismál wird Ullrs Wohnsitz genannt: Ýdalir, die „Eibentäler“. Der Name ist kein Zufall – aus Eibenholz fertigten die Nordmänner ihre besten Bögen. Ullrs Zuhause selbst erzählt also seine Geschichte: ein Ort, benannt nach dem Werkstoff seiner Waffe, verborgen irgendwo zwischen Wäldern und Schnee. (Quelle: Lieder-Edda, Grímnismál)
Der Eid auf den Ring
Trotzdem war Ullr einst mächtig – vielleicht mächtiger, als die wenigen erhaltenen Texte vermuten lassen. Die Wikinger schworen ihre wichtigsten Eide auf seinen Ring. Ein Schwur bei Ullr galt als bindend, als unumstösslich. Das Eddalied Atlakviða erwähnt diesen Ring ausdrücklich als Gegenstand eines gebrochenen Eides. Das macht Ullr zu mehr als nur einem Jäger: Er war ein Wachhüter der Wahrheit, ein Gott, dem man sein Wort anvertraute. (Quelle: Lieder-Edda, Atlakviða)
Ullr bei Saxo Grammaticus – der verbannte König
Eine ganz andere Seite Ullrs zeigt der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus im 12. Jahrhundert. In seiner „Gesta Danorum“ erzählt er von einem Zauberer namens Ollerus, der Odin für zehn Jahre von seinem Thron verdrängte, nachdem die Götter über dessen Verhalten empört waren. Ollerus soll so kundig in der Zauberei gewesen sein, dass er einen verzauberten Knochen als Boot nutzte, um über das Meer zu reisen. Als Odin schließlich zurückkehrte, wurde Ollerus vertrieben und später in Schweden erschlagen. Viele Forscher erkennen in diesem Ollerus eine spätere, historisierte Version Ullrs. (Quelle: Saxo Grammaticus, Gesta Danorum, 12. Jahrhundert)
Spuren in der Landschaft
Sein Name lebt bis heute in der Landschaft Skandinaviens weiter. Dutzende Orte tragen seine Spuren im Namen – Hügel, Höfe, Weiler, besonders zahlreich in Schweden und Norwegen. Das verrät uns etwas, das die Sagas verschweigen: Ullr wurde einst breit verehrt, in vielen Regionen, von vielen Menschen. (Quelle: skandinavische Ortsnamenforschung)
Vielleicht ist das die größte Lehre, die Ullr uns hinterlässt. Nicht jede Macht braucht laute Geschichten. Manchmal genügt ein Name, der sich in die Erde eines ganzen Landes eingräbt – und dort bleibt, jahrhundertelang, still und unerschüttert wie ein Schwur auf einen Ring.
Quellenlage
Die Angaben zu Ullr stützen sich auf das Eddalied Grímnismál (Ýdalir), das Eddalied Atlakviða (der Ring-Eid) sowie Snorri Sturlusons Prosa-Edda (Gylfaginning, 13. Jahrhundert). Die Erzählung vom verbannten Ollerus stammt aus Saxo Grammaticus‘ lateinischem Geschichtswerk „Gesta Danorum“ (um 1200). Ergänzend liefert die skandinavische Ortsnamenforschung Hinweise auf einen einst weitverbreiteten Ullr-Kult. Da diese Überlieferungen aus unterschiedlichen Zeiten und Traditionen stammen, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.


