Lieder-Edda
1643 gelangt eine Handschrift in die Hände von Brynjólfur Sveinsson, Bischof von Skálholt. Fünfundvierzig Pergamentblätter mit Gedichten von Göttern und Helden.
Er weiß sofort, was das ist. Und er irrt sich in fast allem.
Brynjólfur hält die Handschrift für das verschollene Werk des Gelehrten Sæmundr fróði und nennt sie Sæmundar Edda. Beides ist falsch. Sæmundr war seit über anderthalb Jahrhunderten tot, als die Blätter beschrieben wurden, und mit dieser Sammlung hat er nichts zu tun.
Der Mann rettet den wichtigsten Text der nordischen Mythologie — und liegt mit jeder Annahme darüber daneben.
Die Handschrift heißt heute Codex Regius. Für den größten Teil der Lieder, die sie enthält, ist sie der einzige mittelalterliche Zeuge.
Was die Lieder-Edda ist
Keine Erzählung, kein Lehrbuch, kein Werk eines Autors. Die Lieder-Edda ist eine Sammlung von Gedichten — anonym, unterschiedlich alt, unterschiedlich gut erhalten, ohne verbindende Handlung.
Grob teilt sie sich in zwei Gruppen. Die Götterlieder handeln von Odin, Thor, Loki und dem Ende der Welt. Die Heldenlieder erzählen von Sigurd, dem Drachentöter, und dem Untergang seines Geschlechts.
Die Gedichte sind verdichtet und andeutungsreich. Sie erklären nichts. Wer eine Anspielung nicht versteht, bleibt außen vor — und genau deshalb schrieb Snorri Sturluson in den 1220er Jahren sein Lehrbuch dazu.
Die Handschrift
Der Codex Regius entstand in den 1270er Jahren in Island. Er trägt keinen Titel, keinen Verfassernamen und kein Datum. Was wir über sein Alter wissen, stammt aus der Schrift und aus der Sprachform.
Und er ist nicht die Erstniederschrift. Der Schriftbefund zeigt, dass der Schreiber von einer älteren, heute verlorenen Vorlage abschrieb — vermutlich aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Das ist kein Detail für Handschriftenkundler. Es heißt: Zwischen der gesprochenen Dichtung und dem Text, den wir lesen, liegt mindestens eine weitere Abschriftsstufe. Was dort verlorenging oder verrutschte, lässt sich nicht mehr erkennen.
Die Gedichte selbst sind älter als beide Handschriften. Wie viel älter, ist die meistdiskutierte Frage des Fachs. Manche werden ins 9. oder 10. Jahrhundert datiert, andere gelten als jünger. Sichere Datierungen gibt es nicht — nur Argumente aus Sprachstand, Metrik und Motiven.
Die Große Lücke
Im Heldenteil fehlen acht Blätter. Das ist eine vollständige Lage — kein zufälliger Verlust einzelner Seiten, sondern ein herausgerissenes Heft.
Die Lücke sitzt zwischen dem Ende der Sigrdrífumál und dem Beginn des Brot af Sigurðarkviðu. Der Text springt damit von Sigurds Erweckung der Walküre unmittelbar zu einem Bruchstück über seinen Tod. Dazwischen fehlt genau das, worum die ganze Sage kreist: Verrat, Ehe, Eifersucht, Mord.
Vermutlich standen dort zwei bis vier Lieder, darunter eine vollständige Sigurðarkviða. Was ungefähr darin stand, wissen wir nur, weil die Völsunga saga die verlorenen Lieder in Prosa nacherzählt.
Was nicht im Codex Regius steht
Hier weichen populäre Darstellungen regelmäßig vom Befund ab.
Der Codex Regius enthält nicht die gesamte Lieder-Edda. Mehrere Gedichte, die in jeder modernen Ausgabe stehen, fehlen darin vollständig:
- Baldrs draumar — erhalten einzig in AM 748 I a 4to, einem Fragment von sechs Blättern aus der Zeit um 1300
- Rígsþula — im Codex Wormianus, einer Handschrift der Prosa-Edda
- Hyndluljóð, mitsamt der eingeschobenen Völuspá in skamma — nur in der Flateyjarbók
- Grógaldr und Fjölsvinnsmál, zusammen als Svipdagsmál geführt — nur in neuzeitlichen Papierhandschriften
- Grottasöngr — in Handschriften der Prosa-Edda
Für diese Gruppe gibt es einen Fachbegriff: Eddica minora, nach dem Titel der Ausgabe von Andreas Heusler und Wilhelm Ranisch aus dem Jahr 1903.
Was in einer Ausgabe der Lieder-Edda steht, hat also der jeweilige Herausgeber entschieden. Eine feste Werkgrenze gibt es nicht.
Umgekehrt sind sechs Lieder des Codex Regius zusätzlich in AM 748 I a 4to überliefert, darunter Grímnismál, Vafþrúðnismál und Hymiskviða. Und die Völuspá hat mit der Hauksbók einen zweiten mittelalterlichen Zeugen.
Wo zwei Fassungen existieren, weichen sie voneinander ab. Das ist unbequem und aufschlussreich zugleich: Es beweist, dass Schreiber tatsächlich veränderten — und lässt ahnen, was bei den Liedern passiert sein mag, für die es keinen Vergleich gibt.
Die wichtigsten Lieder
Vier Texte tragen den Großteil dessen, was heute als nordische Mythologie gilt.
Die Völuspá — die Weissagung der Seherin — ist der Grundtext. Eine Seherin berichtet Odin von der Erschaffung der Welt, vom Krieg der Götter, vom Tod Baldrs und vom Untergang bei Ragnarök. Und davon, was danach kommt.
Die Hávamál sind kein einheitliches Gedicht, sondern eine Zusammenstellung mehrerer ursprünglich eigenständiger Dichtungen: Lebensweisheit und Verhaltensregeln, das Loddfáfnismál, das Rúnatal mit Odins Selbstopfer am Weltenbaum und das Ljóðatal mit achtzehn Zaubern. Wer aus den Hávamál zitiert, zitiert deshalb nicht aus einem Text, sondern aus einer Sammlung.
Die Grímnismál sind eine Aufzählung — Odin, gefesselt zwischen zwei Feuern, nennt Wohnstätten der Götter, Namen und Weltbeschreibungen. Hier steht auch, dass sich das Los der Gefallenen teilt und die Hälfte an Freyja fällt.
Die Lokasenna ist ein Streitgespräch, in dem Loki der versammelten Götterschaft ihre Verfehlungen vorhält. Ein Text, der die Götter alles andere als erhaben zeigt.
Warum sie die wichtigere Quelle ist
Weil sie näher dran ist.
Snorri schrieb ein Lehrbuch mit einer Absicht: erklären, ordnen, verständlich machen. Die Eddalieder haben diese Absicht nicht. Sie setzen voraus, statt zu erklären — und wer voraussetzt, rechnet mit einem Publikum, das die Sache kennt.
Dazu kommt die Form. Stabreimende Dichtung ist schwer zu verändern, ohne dass es auffällt: Das Versmaß hält die Wörter fest. Prosa lässt sich umformulieren, ein Gedicht weniger.
Das macht die Lieder nicht zu heidnischen Originaldokumenten. Aber wo Lied und Snorri auseinandergehen, wiegt das Lied schwerer.
Was man trotzdem mitdenken muss
Auch sie wurde von Christen aufgeschrieben. Island nahm das Christentum um das Jahr 1000 an; der Kodex entstand in den 1270er Jahren. Zwischen der offiziellen Annahme des neuen Glaubens und der erhaltenen Niederschrift liegen mehr als zweieinhalb Jahrhunderte.
Die Auswahl ist nicht neutral. Jemand hat entschieden, welche Gedichte in diese Sammlung kamen und welche nicht. Wer das war und wonach er auswählte, wissen wir nicht.
Meist nur ein Textzeuge. Für die Mehrzahl der Lieder gibt es keine zweite Handschrift zum Vergleich. Wo der Schreiber sich verlesen oder geändert hat, lässt sich das nicht erkennen.
Und die Frage der christlichen Färbung. Besonders bei der Völuspá wird seit langem diskutiert, ob die Welterneuerung nach Ragnarök vorchristlich ist oder eine Zutat. Sophus Bugge sah christlichen Einfluss, andere hielten dagegen.
Ein Befund gehört dazu: Die auffälligste Stelle — die Strophe von dem Mächtigen, der von oben kommt und über alles richtet — steht gar nicht im Codex Regius. Sie findet sich nur in der Hauksbók-Fassung. Ausgerechnet die Zeile, die am christlichsten klingt, fehlt in der Haupthandschrift.
Ein sicheres Urteil gibt es nicht.
Woher der Name kommt
Der Begriff „Edda“ stand ursprünglich für Snorris Werk. Brynjólfur hielt die Liederhandschrift für dessen ältere Vorlage und übertrug den Namen — samt der Verfasserschaft Sæmundrs, für die es keinen Anhalt gibt.
Beide Annahmen sind längst verworfen. Der Name blieb.
Deshalb heute: Lieder-Edda oder Ältere Edda für die Gedichte, Prosa-Edda oder Snorra-Edda für Snorris Lehrbuch. Zwei völlig verschiedene Werke, die nur deshalb denselben Namen tragen, weil ein Bischof sich im 17. Jahrhundert geirrt hat.
Die Reise der Handschrift
1662, fast zwanzig Jahre nach dem Fund, schickte Brynjólfur den Codex Regius als Geschenk an den dänischen König Friedrich III. Mit im Paket: die Flateyjarbók und der Codex Regius der Prosa-Edda.
Diese Entscheidung hat den Text wahrscheinlich gerettet. Beim großen Kopenhagener Brand von 1728 verbrannte ein erheblicher Teil der isländischen Handschriften in der Stadt. Der Codex Regius überstand ihn, weil er in der Königlichen Bibliothek lag und nicht in der Universitätsbibliothek.
Er blieb dreihundertneun Jahre in Kopenhagen.
Am 21. April 1971 kehrte er nach Reykjavík zurück. Flugtransport galt für solche Fracht damals als zu unsicher, also ging es per Schiff, an Bord eines dänischen Marineschiffs und unter militärischer Begleitung. Der Codex Regius der Prosa-Edda folgte erst 1985.
Heute liegt die Handschrift im Árni-Magnússon-Institut in Reykjavík.
Quellenlage
Handschriften. Codex Regius, GKS 2365 4°, 1270er Jahre, 45 Blätter, acht davon verloren — Hauptzeuge für die Mehrzahl der Lieder. AM 748 I a 4to, um 1300, sechs Blätter — zweiter Zeuge für sechs Lieder, einziger für Baldrs draumar. Dazu Hauksbók (Völuspá), Flateyjarbók (Hyndluljóð) und Codex Wormianus (Rígsþula).
Zitierweise. Nach Lied und Strophennummer, nicht nach Seitenzahl. Die Strophenzählung ist in allen Ausgaben gleich, die Paginierung nicht.
Deutsche Ausgaben. Anders als bei der Prosa-Edda ist die Lage hier gut. Arnulf Krause bei Reclam, in zwei Bänden für Götter- und Heldenlieder, ist die brauchbarste Leseausgabe. Felix Genzmers Übertragung in der Sammlung Thule ist verbreitet und frei im Ton. Karl Simrocks Nachdichtung des 19. Jahrhunderts ahmt das Versmaß nach und klingt entsprechend archaisch — schön zu lesen, für Wortlautfragen ungeeignet. Wissenschaftlicher Apparat: der mehrbändige Kommentar zu den Liedern der Edda, herausgegeben von Klaus von See und anderen. Textkritische Grundlage ist die Ausgabe von Gustav Neckel und Hans Kuhn.
Zweisprachig und frei zugänglich. Edward Pettit (Hrsg.), The Poetic Edda. A Dual-Language Edition, Open Book Publishers, Cambridge 2023 — altnordischer Text mit englischer Übersetzung und Handschriftenbeschreibung.
Offen. Das Alter der einzelnen Lieder, der Umfang der ursprünglichen Sammlung und der Inhalt der Großen Lücke lassen sich nicht bestimmen.