Prosa-Edda
- Was die Prosa-Edda ist
- Woher der Name kommt
- Der Aufbau
- Was wir der Prosa-Edda verdanken
- Was wir durch sie ausführlicher kennen
- Was nur sie überliefert
- Und was ihr fälschlich zugeschrieben wird
- Die Handschriften weichen voneinander ab
- Was am Upsaliensis hängt
- Unterschiedliche Überlieferungsstränge
- Was man mitdenken muss
- Das Verhältnis zur Lieder-Edda
- Welche Ausgabe man liest
- Quellenlage
- Verwendete Ausgaben und Literatur
Ein König namens Gylfi will wissen, woher die Macht der Asen kommt. Er verkleidet sich, nennt sich Gangleri — „der Wandermüde“ — und gelangt in eine Halle. Dort sitzen drei Gestalten übereinander auf drei Thronen: Hoch, Ebenhoch und Dritter.
Gangleri ist ein Odinsname. Grímnismál 46 führt ihn unter den Namen auf, die Odin sich selbst gibt. Gylfi legt sich also ausgerechnet den Namen dessen zu, in dessen Täuschung er gerade hineinläuft.
Gylfi darf fragen. Sie antworten.
Was folgt, ist die vollständigste Darstellung der nordischen Mythologie, die wir haben. Und sie ist als Täuschung angelegt — am Ende verschwindet die Halle, und Gylfi steht auf freiem Feld.
Die ausführlichste zusammenhängende Darstellung der nordischen Götterwelt erreicht uns damit ausgerechnet in einer Erzählung, deren Rahmen ausdrücklich als Täuschung gebaut ist.
Was die Prosa-Edda ist
Ein Lehrbuch für Dichter, geschrieben in den frühen 1220er Jahren von Snorri Sturluson.
Das ist der Schlüssel zum ganzen Werk. Die Prosa-Edda ist kein Glaubensbuch. Ihr erkennbarer Zweck ist die Vermittlung der überlieferten Dichtkunst — und des mythologischen Wissens, das man braucht, um ihre Bildsprache zu verstehen. Snorri formuliert das zu Beginn des Skáldskaparmál selbst: Er will junge Dichter in die traditionelle skaldische Technik einführen.
Diese Dichtung arbeitete mit Kenningar — Umschreibungen, die mythologisches Wissen voraussetzten. Dichtung kann „Odins Fund“ heißen, weil Odin den Dichtermet aus dem Berg holte. Gold kann „Sifs Haar“ heißen, weil die Zwerge Sif goldenes Haar schmiedeten, nachdem Loki ihr das eigene abgeschnitten hatte. Snorri listet beide Umschreibungen im Skáldskaparmál auf und liefert die Geschichte gleich mit. Wer sie nicht kennt, liest die Verse nicht.
Mit wachsendem Abstand zur vorchristlichen Zeit drohte genau dieses Wissen unzugänglich zu werden. Nicht die Dichtkunst selbst — die wurde weiter geübt, Snorri war Skalde und dichtete für norwegische Fürsten. Aber die Bilder standen auf einem Fundament, das nicht mehr selbstverständlich war.
Das erklärt auch die Schwerpunkte des Werks. Es behandelt Mythen und poetische Sprache. Systematische Darstellungen von Kultpraxis, Opferwesen, Gebet oder religiöser Organisation stehen nicht im Zentrum — ein Dichter brauchte sie nicht. Wer bei Snorri nach Kult sucht, wird eher in der Ynglinga saga fündig als hier.
Woher der Name kommt
Niemand weiß es.
Vorgeschlagen wurden mehrere Herleitungen. Edda bedeutet in der Rígsþula „Urgroßmutter“ — das Wort ist dort belegt, was über den Buchtitel allerdings nichts beweist. Zweitens eine Ableitung von Oddi, dem Hof, auf dem Snorri aufwuchs. Drittens von altnordisch óðr, „Dichtung“ — dann hieße es schlicht „Poetik“. Und viertens eine gelehrte Bildung zum lateinischen edo, „ich verfasse“.
Die óðr-Deutung gilt vielen als die plausibelste, weil sie zum Inhalt passt. Entschieden ist die Frage nicht, und keiner der Vorschläge hat sich durchgesetzt.
Sicher ist nur, worauf der Name ursprünglich zielte: auf Snorris Buch. Die Überschrift des Codex Upsaliensis beginnt mit den Worten, dieses Buch heiße Edda.
Dass heute auch die Liedersammlung im Codex Regius „Edda“ heißt, ist eine Übertragung des 17. Jahrhunderts. Sie hängt mit der frühneuzeitlichen Zuschreibung der Gedichte an Sæmundr fróði zusammen — Bischof Brynjólfur Sveinsson hielt ihn für den Sammler und benannte die Handschrift entsprechend. Die Zuschreibung ist längst verworfen, der Name blieb.
Deshalb die missverständliche Doppelung: Lieder-Edda und Prosa-Edda sind zwei völlig verschiedene Werke, die denselben Namen tragen. Als „Snorra-Edda“ oder „Jüngere Edda“ begegnet dieses hier ebenfalls.
Der Aufbau
Vier Teile, die sehr unterschiedliche Dinge tun.
Prolog. Die Asen seien Menschen gewesen — Auswanderer aus Troja, die von den Nordleuten für Götter gehalten wurden. „Asen“ wird dabei von „Asien“ hergeleitet. Ein solches euhemeristisches Modell machte heidnische Überlieferung mit einem christlichen Geschichtsbild vereinbar.
Die Einheitlichkeit und Autorschaft des Prologs sind in der Forschung diskutiert worden — Walter Baetke hielt ihn für eine spätere gelehrte Zutat, Anthony Faulkes verteidigte Snorris Verfasserschaft. Ein textkritischer Beleg, der ihn grundsätzlich aus der ursprünglichen Edda ausschlösse, liegt nicht vor. Erschwerend kommt hinzu, dass die Handschriften ihn in abweichenden Fassungen überliefern.
Gylfaginning — „die Täuschung Gylfis“. Die Rahmenerzählung mit Gylfi und den drei Thronenden. Hier steht die Mythologie: Weltschöpfung aus Ymirs Leib, die Götter und ihre Wohnstätten, Yggdrasil, Baldrs Tod, Ragnarök. Der meistgelesene Teil — und die geschlossenste zusammenhängende Darstellung der nordischen Kosmologie, die uns erhalten ist.
Wo Snorri hier belegt, zitiert er Eddalieder, vor allem Völuspá, Grímnismál und Vafþrúðnismál.
Skáldskaparmál — „Reden über die Dichtkunst“. Ein Katalog dichterischer Umschreibungen, jeweils mit der Geschichte dahinter. Hier stehen der Dichtermet, die Schätze der Zwerge, Thors Duell mit Hrungnir, der verfluchte Ring der Niflungensage. Für einzelne Mythen und Stofftraditionen der ergiebigste Teil, weil er Stoffe enthält, die in der Gylfaginning fehlen.
Zitiert wird hier überwiegend Skaldendichtung, nicht Eddalied. Skaldenstrophen sind oft älter und fester datierbar, weil sie namentlich zugeschrieben und formal schwer veränderbar sind — sicher datierte Wikingerzeitquellen sind sie deshalb nicht automatisch.
Háttatal — „Aufzählung der Versmaße“. Ein Preisgedicht Snorris auf König Hákon Hákonarson und dessen Reichsverweser Jarl Skúli Bárðarson, entstanden um 1222/23. 102 Strophen führen rund hundert Versformen vor, ein beigefügter Prosakommentar erklärt sie.
Für die Mythologie unergiebig. Aber wahrscheinlich der zuerst geschriebene Teil: Eine verbreitete Rekonstruktion sieht im Háttatal den frühen Kern, um den die übrigen Teile herum entstanden.
Damit wird eine Ironie sichtbar. Was wir heute vor allem als Mythologiequelle lesen, entstand wahrscheinlich als Beiwerk zu einer Verslehre.
Was wir der Prosa-Edda verdanken
Sehr viel. Aber nicht alles im selben Sinn — und die Unterscheidung ist der Kern der ganzen Sache.
Was wir durch sie ausführlicher kennen
Die Lieder-Edda enthält Gedichte: verdichtet, andeutungsreich, oft ohne Zusammenhang. Bei vielen Mythen liefert Snorri die Erzählung zu einem Stoff, der schon vorher da war.
Die Weltschöpfung aus Ymirs Leib steht bereits in Vafþrúðnismál 21 und Grímnismál 40–41: Erde aus dem Fleisch, Meer aus dem Blut, Berge aus den Knochen, Himmel aus dem Schädel, Wolken aus dem Hirn. Snorri fügt die Einzelteile zu einer fortlaufenden Schöpfungsgeschichte zusammen.
Thors Fahrt zu Utgard-Loki war bekannt. Lokasenna 60 spottet über Thor, er habe sich im Daumen eines Handschuhs zusammengekauert — das ist die Skrýmir-Episode. Der ausgeführte Wettkampf mit seinen uneinlösbaren Aufgaben steht dagegen bei Snorri.
Fenrirs Fesselung kennt die Völuspá, und dass Týr dabei eine Hand verlor, setzt Lokasenna 38–39 voraus. Die Fessel Gleipnir mit ihren sechs unmöglichen Zutaten kommt von Snorri.
Baldrs Tod steht in der Völuspá und in den Baldrs draumar. Der Eid aller Dinge, die vergessene Mistel, Höðrs blinder Wurf, Lokis Rolle und die Riesin, die als einzige nicht weint — diese zusammenhängende Ausgestaltung kennen wir aus der Gylfaginning.
Sleipnir ist keine Erfindung Snorris; das Pferd ist älter bezeugt, und der Bau der Mauer um Asgard klingt in Völuspá 25–26 an. Die Geschichte, wie Loki sich in eine Stute verwandelte, den Hengst Svaðilfari fortlockte und später das achtbeinige Fohlen gebar, steht bei Snorri.
Was nur sie überliefert
Diese Liste ist kürzer, als populäre Darstellungen vermuten lassen. Nach Abgleich mit Lieder-Edda, Skaldik und Bildzeugnissen bleiben im Kern drei Erzählungen.
Der Schmiedewettstreit der Zwerge. Wie Sifs Haar, Gungnir, Skíðblaðnir, Draupnir, Gullinbursti und Mjölnir entstanden und warum der Hammer einen zu kurzen Griff hat.
Gleipnir. Katzentritt, Frauenbart, Bergwurzeln, Bärensehnen, Fischatem, Vogelspeichel.
Hermóðs Ritt nach Hel. Hier ist eine Unterscheidung nötig: Die Figur Hermóðr ist außerhalb Snorris bezeugt — Hyndluljóð 2 nennt sie, im Hákonarmál empfängt Hermóðr zusammen mit Bragi den toten König in Walhall. Die Erzählung vom Ritt in die Unterwelt, um Baldr zurückzuholen, ist dagegen in vergleichbarer Ausführlichkeit nur bei Snorri erhalten.
Und was ihr fälschlich zugeschrieben wird
Aus der Abhängigkeit von Snorri entsteht ein verbreiteter Kurzschluss: Weil so vieles bei ihm steht, wird ihm auch zugeschrieben, was er lediglich weitergegeben hat.
Die großen Namenslisten gehören nicht ihm. Der Zwergenkatalog steht in Völuspá 9–16. Die Namen der Götterwohnungen und der Weltflüsse stehen in Grímnismál. Snorri übernimmt sie, ordnet sie, erweitert sie stellenweise. Erfunden hat er sie nicht.
Auch die neun Welten sind älter: Völuspá 2 und Vafþrúðnismál 43 kennen sie bereits. Snorri nennt übrigens nirgends systematisch, welche neun gemeint sind — das tut keine erhaltene Quelle.
Die Unterscheidung ist keine Kleinigkeit. Sie entscheidet darüber, ob eine Angabe aus dem 13. Jahrhundert stammt oder aus älterer Dichtung.
Die Handschriften weichen voneinander ab
Ein Punkt, der selten erwähnt wird: Es gibt nicht „die“ Prosa-Edda. Vier Handschriften gelten als Hauptzeugen, dazu drei Fragmente. Sie unterscheiden sich in Umfang, Anordnung und Wortlaut.
Der Codex Regius (GKS 2367 4°, frühes 14. Jahrhundert) — nicht zu verwechseln mit dem der Lieder-Edda — ist der vollständigste und dient den meisten Ausgaben als Grundlage. Er lag jahrhundertelang in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen, daher der Name, und kehrte 1985 nach Island zurück.
Der Codex Upsaliensis (DG 11) stammt aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts und gilt als der älteste. Die Datierungen von U und R überschneiden sich allerdings; die Reihenfolge ist eine paläographische Einschätzung, keine harte Tatsache.
Der Codex Wormianus (AM 242 fol) entstand um 1350 und enthält zusätzlich den sogenannten Ersten Grammatischen Traktat.
Der Codex Trajectinus fällt aus der Reihe: eine Papierabschrift aus den 1590er Jahren nach einer verlorenen Handschrift des späten 13. Jahrhunderts. Fachlich ein Hauptzeuge, aber kein erhaltener mittelalterlicher Codex. Wer von „vier erhaltenen Handschriften“ liest, sollte das mitdenken.
Was am Upsaliensis hängt
Er ist der schmalste Text der vier — und trägt am meisten.
Die ausdrückliche mittelalterliche Zuschreibung des Werks an Snorri und die Bezeichnung Gylfaginning sind in der erhaltenen Handschriftenüberlieferung jeweils allein hier belegt.
Der berühmteste Titel der nordischen Mythologie und der Name ihres wichtigsten Autors stehen auf einem einzigen Zeugen.
Unterschiedliche Überlieferungsstränge
Die vier stehen auch nicht gleichrangig nebeneinander.
Regius und Trajectinus teilen Fehler, die den anderen beiden fehlen — sie gehen auf eine gemeinsame Vorlage zurück, wobei T keine Abschrift von R ist. Wormianus teilt weitere Fehler mit beiden. Der Upsaliensis steht abseits und bietet vielfach eine deutlich abweichende Fassung.
So weit die Befunde. Ihre Deutung ist offen: Ob U dem, was Snorri schrieb, näher steht und die übrigen drei eine längere, womöglich von ihm selbst überarbeitete Fassung vertreten, ist eine Hypothese unter mehreren. Wie sich die Unterschiede zur ursprünglichen Gestalt des Werks verhalten, bleibt umstritten.
Für den Leser verschiebt das die Frage trotzdem: Wer eine Übersetzung aufschlägt, hat nicht vier gleichwertige Texte vor sich, sondern eine Entscheidung, die der Herausgeber längst getroffen hat.
Was man mitdenken muss
Zweihundert Jahre Abstand. Zwischen der offiziellen Annahme des Christentums in Island um das Jahr 1000 und Snorris Edda liegen mehr als zwei Jahrhunderte. Snorri lebte vollständig in einer christlichen Gesellschaft und kannte die vorchristliche Religion nicht mehr aus eigener Anschauung als gesellschaftlich bestimmendes Kultsystem. Er kannte Texte.
Snorri ordnet. Wo die Überlieferung uneinheitlich war, hat er geglättet. Die vergleichsweise geschlossene Ordnung der Götterwelt — feste Zuständigkeiten, durchgezogene Genealogien, ein System statt einer Sammlung — verdankt ihre erhaltene Form zu einem erheblichen Teil seiner Darstellung. Gelebte Religion ist selten so ordentlich.
Der Rahmen ist christlich. Nicht nur im Prolog. Auch die Gylfaginning endet damit, dass sich die Halle auflöst und alles Täuschung war. In einem christlichen Gelehrtenwerk des 13. Jahrhunderts lässt sich dieser Rahmen zumindest auch als Distanzierung vom erzählten Stoff lesen.
Er war ein guter Erzähler. Das macht die Prosa-Edda lesbar und als Quelle unbequem: Gute Erzähler kürzen, pointieren und runden ab. Je geschlossener eine Episode bei Snorri erzählt wird, desto wichtiger ist deshalb die Frage, welche Bestandteile sich unabhängig von seiner Fassung belegen lassen.
Keiner dieser Vorbehalte entwertet das Buch. Sie bestimmen nur, was man daraus ableiten darf: Erzählstoff des 13. Jahrhunderts, der ältere Überlieferung enthält — nicht das Glaubensbekenntnis der Wikingerzeit.
Das Verhältnis zur Lieder-Edda
Snorri kannte Eddalieder und zitiert sie. Die heute sogenannte Lieder-Edda als Codex Regius konnte er nicht kennen: Die Handschrift entstand um 1270, Snorri wurde 1241 erschlagen. Welche schriftlichen oder mündlichen Fassungen ihm vorlagen, wissen wir nicht.
Er kannte die Dichtung, nicht das Buch.
Manches ist allein durch ihn erhalten. Das Grottasöngr etwa verdankt seine mittelalterliche Textüberlieferung der Handschriftentradition der Snorra-Edda, dazu einzelne Strophen und Splitter aus sonst verlorenen Gedichten.
Und wo beide Werke dasselbe Lied überliefern, stimmt der Wortlaut nicht immer überein. Die Abweichungen können auf eine andere Textfassung zurückgehen, auf mündliche Überlieferung, auf bewusste Anpassung oder auf Erinnerung. Im Einzelfall lässt sich das meist nicht entscheiden.
Wo er zitiert, kann man prüfen. Wo er erzählt, nicht.
Daraus folgt die Arbeitsregel für beide Werke: Ist ein Motiv in einem Eddalied belegt, wissen wir, dass Snorri es nicht erfunden hat. Steht es nur bei ihm, bleibt offen, ob er es überliefert oder geformt hat.
Beachte die Formulierung: Sie sagt nicht, dass das Motiv aus der Wikingerzeit stammt. Lieder-Edda bedeutet nicht automatisch vorchristlich. Rígsþula, Hyndluljóð und Alvíssmál werden von Teilen der Forschung ins 13. Jahrhundert gesetzt — also in Snorris eigene Zeit oder danach. Einen Konsens über das Alter der Sammlung als Ganzes gibt es nicht.
Das ist kein Grund, Snorri zu meiden. Ohne ihn gäbe es keine nordische Mythologie als zusammenhängendes System — es gäbe Gedichte, Inschriften und verstreute Erwähnungen.
Welche Ausgabe man liest
Hier wird es für deutschsprachige Leser unbequem: Eine moderne deutsche Gesamtausgabe, die alle Teile vollständig übersetzt und zugleich auf dem Niveau der maßgeblichen wissenschaftlichen Editionen kommentiert, ist nicht verfügbar.
Gustav Neckel / Felix Niedner, Die jüngere Edda mit dem sogenannten ersten grammatischen Traktat (Sammlung Thule 20, Jena 1925) ist eine der wenigen weitgehend vollständigen deutschen Übertragungen — ohne Prolog und einige jüngere Zusätze. Sie ist frei übersetzt, sprachlich vom Ton ihrer Entstehungszeit geprägt und für Wortlautfragen nicht geeignet.
Arnulf Krause, Die Edda des Snorri Sturluson (Reclam, Stuttgart 1997, bibliographisch aktualisiert 2017) ist ausdrücklich eine Auswahl mit Schwerpunkt auf den inhaltlichen, also mythologischen Kapiteln. Gut kommentiert, günstig, für den Einstieg die vernünftigste Wahl — das Háttatal ist darin nicht vertreten.
Arthur Häny, Prosa-Edda. Altisländische Göttergeschichten (Manesse, Zürich) ist ebenfalls eine kommentierte Auswahl, im Schwerpunkt die Gylfaginning.
Gottfried Lorenz, Snorri Sturluson: Gylfaginning. Texte, Übersetzung, Kommentar (Texte zur Forschung 48, Darmstadt 1984) ist die wissenschaftliche deutsche Referenz — aber eben nur zur Gylfaginning.
Wer das gesamte Werk braucht, muss ins Englische ausweichen. Die Ausgaben von Anthony Faulkes für die Viking Society for Northern Research decken alle Teile ab, einschließlich Skáldskaparmál und Háttatal, und stehen als PDF frei zur Verfügung.
Diese schwierige Zugänglichkeit dürfte mit dazu beitragen, dass das Háttatal und große Teile des Skáldskaparmál in deutschsprachigen populären Darstellungen deutlich weniger präsent sind als die Gylfaginning.
Quellenlage
Datierung. Keine überlieferte Angabe nennt ein Entstehungsjahr. Der Anker ist das Háttatal: Snorri hielt sich 1218–1220 in Norwegen auf, das Gedicht setzt diesen Aufenthalt voraus. Skúli führt darin den Jarlstitel — Herzog wurde er erst 1237. Daraus ergibt sich die Ansetzung um 1222/23 für das Háttatal und die frühen 1220er Jahre für das Werk insgesamt. Einzelne Teile entstanden wahrscheinlich zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Verfasserschaft. Snorris Verfasserschaft wird in der Forschung allgemein akzeptiert. Die ausdrückliche Zuschreibung innerhalb der erhaltenen mittelalterlichen Handschriftenüberlieferung findet sich jedoch allein im Codex Upsaliensis. Für den Prolog ist die Autorschaft zusätzlich diskutiert worden.
Zitierweise. Teil und Kapitel angeben, nicht die Seitenzahl. Eine Falle: Die Kapitelzählung des Skáldskaparmál weicht zwischen den Ausgaben ab. Wer zitiert, nennt die Ausgabe mit.
Verwendete Ausgaben und Literatur
Textausgaben
- Snorri Sturluson: Edda. Prologue and Gylfaginning, hrsg. von Anthony Faulkes, 2. Aufl., Viking Society for Northern Research, London 2005.
- Snorri Sturluson: Edda. Skáldskaparmál, hrsg. von Anthony Faulkes, Viking Society for Northern Research, London 1998.
- Snorri Sturluson: Edda. Háttatal, hrsg. von Anthony Faulkes, 2. Aufl., Viking Society for Northern Research, London 2007.
- Gottfried Lorenz: Snorri Sturluson: Gylfaginning. Texte, Übersetzung, Kommentar (Texte zur Forschung 48), Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984.
Deutsche Übersetzungen
- Die jüngere Edda mit dem sogenannten ersten grammatischen Traktat, übertragen von Gustav Neckel und Felix Niedner (Sammlung Thule 20), Diederichs, Jena 1925.
- Die Edda des Snorri Sturluson, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause, Reclam, Stuttgart 1997 (aktualisierte Ausgabe 2017), ISBN 978-3-15-000782-2.
- Snorri Sturluson: Prosa-Edda. Altisländische Göttergeschichten, übersetzt von Arthur Häny, Manesse, Zürich.
Nachschlagewerke und Forschung
- Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner, Stuttgart.
- Rudolf Simek / Hermann Pálsson: Lexikon der altnordischen Literatur (Kröners Taschenausgabe 490), Kröner, Stuttgart.
- Walter Baetke: Die Götterlehre der Snorra-Edda, Berlin 1950 — zur christlichen Rahmung und zur Prolog-Frage.
- Anthony Faulkes: Pagan Sympathy. Attitudes to Heathendom in the Prologue to Snorra Edda, 1983 — Gegenposition zu Baetke.
- Jan Alexander van Nahl: Snorri Sturlusons Mythologie und die mittelalterliche Theologie, de Gruyter, Berlin/Boston 2013.
Handschriften
- Skaldic Project (skaldic.org), Übersicht zur Überlieferung der Snorra Edda — Signaturen, Datierungen, Handschriftenverhältnis.
- Universitätsbibliothek Utrecht, Beschreibung des Codex Trajectinus (Ms. 1374).
Primärstellen im Text
- Grímnismál 4–17 (Götterwohnungen), 27–29 (Weltflüsse), 40–41 (Weltschöpfung aus Ymir), 46 (Gangleri als Odinsname)
- Vafþrúðnismál 21 (Weltschöpfung aus Ymir), 43 (neun Welten)
- Völuspá 2 (neun Welten), 9–16 (Zwergenkatalog), 25–26 (Baumeister), 31–33 (Baldr)
- Lokasenna 38–39 (Týrs Hand), 60 (Skrýmirs Handschuh)
- Hyndluljóð 2 und Hákonarmál (Hermóðr als Figur)
- Rígsþula 2 (edda als „Urgroßmutter“)
- Baldrs draumar
- Gylfaginning 34 (Gleipnir), 42 (Sleipnirs Geburt), 49 (Baldrs Tod, Hermóðs Ritt)
- Skáldskaparmál (Schmiedewettstreit der Zwerge, Kenningar für Dichtung und Gold)