Vegvísir – Ist der isländische „Wegweiser“-Stab wirklich ein Wikingersymbol?
- Drei Handschriften, ein Jahrzehnt
- Vegur und vísir – die Etymologie
- Die Lücke vor 1860
- Der Vergleichsfall Ægishjálmur
- Christlich oder heidnisch – ein offener Streit
- Vom Zauberbuch zum Welt-Symbol
- Der Fehler, der alles erklärt
- Björk – zwei Daten, nicht eines
- Was am heutigen Vegvísir nicht aus der Handschrift stammt
- Kein Kompass, kein Wikinger-Navigationsgerät
- Quellenlage
Auf Seite 60 der Handschrift ÍB 383 4to, bekannt unter dem Namen „Huld“, steht neben zwei sternförmigen Zeichnungen ein isländischer Satz: Wer diese Stäbe bei sich trage, verirre sich nicht in Schneesturm oder Unwetter, auch wenn ihm der Weg unbekannt sei. Geir Vigfússon (1813–1880) schrieb diese Zeilen 1860 in Akureyri nieder.
Es ist der älteste bekannte Beleg für das Zeichen, das heute als Vegvísir um die Welt geht – als angebliches Wikingersymbol auf Tattoos, Schmuck und Souvenirs aus Reykjavík. Zwischen dieser Handschrift und dem Ende der Wikingerzeit, üblicherweise auf 1066 datiert, liegen rund 800 Jahre.
Drei Handschriften, ein Jahrzehnt
Der Vegvísir ist wenige Male belegt, und alle Belege liegen dicht beieinander. Drei Handschriften zeigen das Zeichen in der bekannten Form. Alle drei sind isländisch, alle stammen aus dem 19. Jahrhundert, alle aus derselben Region: Eyjafjörður um die Stadt Akureyri im Norden Islands.
Die älteste ist die genannte Huld-Handschrift von 1860. Ihre Zählung wirft ein kleines Problem auf: Verschiedene Bearbeiter zitieren die Stelle als „Seite 60″, andere als „Blatt 27r“, wieder andere als „26v“ – Seitenzählung und Blattzählung der Handschrift laufen auseinander. Wer die Quelle nachschlägt, sollte beide Angaben kennen. Auf der Seite stehen zwei Varianten des Zeichens, in der Handschrift mit XXVII und XXIX nummeriert.
Acht bis neun Jahre später, 1868/69, trug Olgeir Geirsson (1842–1880) in Akureyri sein „Galdrakver“ zusammen, die Handschrift Lbs 2917 a 4to. Dort erscheint der Vegvísir auf Seite 27 als 27. Zeichen; die Bildunterschrift gleicht weitgehend jener der Huld.
Die dritte Quelle, Lbs 4627 8vo, ebenfalls ein „Galdrakver“, nennt weder Verfasser noch Ort noch genaues Jahr. Sicher ist nur: 19. Jahrhundert, Region Eyjafjörður. Auf den 32 Seiten dieser Handschrift trägt Blatt 17v den Vegvísir – diesmal mit einem deutlich längeren, ausdrücklich christlichen Zusatz. Der Stab wirke nur, heißt es dort, „wenn du daran glaubst – wenn du an Gott glaubst, im Namen Jesu“.
Die Zahl drei ist dabei nicht endgültig. Alessia Bauer und Alexandra Pesch zählen in ihrer Arbeit von 2023 vier isländische Handschriften des 19. Jahrhunderts, die den Namen oder eine nahe verwandte Form führen. Am Gesamtbild ändert das nichts: Alle bekannten Belege stammen aus demselben Jahrhundert und derselben Gegend.
Die drei genannten Handschriften liegen heute in der Landsbókasafn, der Nationalbibliothek in Reykjavík, und sind digitalisiert auf handrit.is einsehbar.
Vegur und vísir – die Etymologie
Der Name setzt sich aus zwei isländischen Wörtern zusammen: vegur, „Weg, Straße“, und vísir, „Zeiger, Weiser“. Wörtlich heißt Vegvísir also nichts anderes als „das, was den Weg zeigt“. Im Deutschen trifft „Wegweiser“ die Wortbildung fast genau.
Das Wort selbst reicht sprachlich viel weiter zurück als das Symbol: Altdänisch kennt veivisere, Altschwedisch væghvisare, beide lassen sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen, wörtlich wie übertragen gebraucht.
Genau darin liegt eine Verwechslungsgefahr. Ein altes, gut belegtes Wort in einer nordgermanischen Sprache beweist nicht, dass auch das Zeichen alt ist. Sprache und Symbol haben in diesem Fall zwei völlig verschiedene Geburtsdaten.
Die Lücke vor 1860
In keiner Strophe der Lieder-Edda, in keinem Kapitel Snorris und in keiner Saga taucht der Vegvísir auf. Kein Runenstein trägt ihn, kein Schmuckstück, kein Fund der Wikingerzeit.
Wichtiger noch: Auch die schriftliche Überlieferung der isländischen Zauberzeichen selbst kennt ihn vor 1860 nicht. Die Galdrabók, das älteste bekannte isländische Zauberbuch aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert – heute in Stockholm –, enthält ihn nicht. Ebenso fehlt er in Lbs 2413 8vo, der großen Zaubersammlung um 1800, also unmittelbar vor den Handschriften, in denen er dann plötzlich erscheint.
Diese Lücke lässt sich nicht wegargumentieren. Sie verbietet es, die gesicherte Überlieferung des Zeichens vor 1860 zurückzudatieren.
Ausgeschlossen ist damit nicht, dass eine ältere, heute verlorene Vorlage existierte – von den galdrabækur, den isländischen Zauberbüchern des 16. bis 19. Jahrhunderts, ist bekannt, dass viele nicht erhalten sind. Doch Historiker unterscheiden zwischen Möglichkeit und Beweis. Belegt ist, was in erhaltenen Handschriften steht, und das beginnt 1860.
Merken Sie sich die Galdrabók. Sie kommt weiter unten noch einmal vor, und dann wird es interessant.
Der Vergleichsfall Ægishjálmur
Wie unterschiedlich „alt“ bei isländischen Zauberzeichen ausfallen kann, zeigt der Ægishjálmur.
Sein Name steht bereits in den Fáfnismál, einem Lied der Lieder-Edda – dort allerdings als realer, tragbarer Helm, der Furcht einflößt, nicht als grafisches Symbol. Die heute bekannte achtarmige Bildform erscheint erst viel später: Das älteste bekannte Beispiel dieser Form findet sich in Lbs 143 8vo, um die Mitte des 17. Jahrhunderts – gut zweihundert Jahre vor dem ersten Vegvísir-Beleg, aber ebenfalls Jahrhunderte nach der Wikingerzeit.
Der Vegvísir hat nicht einmal diese Namensbrücke. Kein eddisches Lied erwähnt ihn unter irgendeinem Namen.
Am Ægishjálmur lässt sich also studieren, wie ein Wort aus der Wikingerzeit und ein Bild aus der Frühen Neuzeit über Jahrhunderte zusammenwachsen können. Beim Vegvísir tritt dieser Fall nicht ein: Hier ist auch der Name jung.
Christlich oder heidnisch – ein offener Streit
Woher stammt die sternförmige Grundform der galdrastafir überhaupt? Zwei Positionen stehen sich gegenüber.
Die eine sieht die Wurzel in der christlich-mediterranen Magie. Sternförmige Zauberzeichen sind in England bereits seit dem 15. Jahrhundert fassbar, etwa im „Magischen Traktat Salomos“ (Harley MS 5596, Blatt 31r), einem Text der christlichen Mystik. Eirik Storesund (2018, Blog Brute Norse) verortet den typologischen Ursprung der galdrastafir insgesamt vor allem in dieser salomonischen Tradition.
Die Zurückhaltung dagegen kommt aus der Forschung selbst: Dass die isländischen Stäbe direkt von den Pentakeln der Clavicula Salomonis oder einem bestimmten anderen Werk abstammen, ist nicht erwiesen – zumal die bekannten Salomo-Zeichen eher dem Ægishjálmur ähneln als dem Vegvísir.
Beide Lesarten bleiben nebeneinander stehen. Die vorhandene Quellenlage entscheidet den Streit nicht.
Vom Zauberbuch zum Welt-Symbol
Wie aus einer Randnotiz in drei Handschriften ein globales Symbol wurde, lässt sich datieren – und ist selbst der interessanteste Teil der Geschichte.
Ólafur Davíðsson veröffentlichte 1903 vermutlich den Erstdruck samt deutscher Übersetzung: in seinem Aufsatz „Isländische Zauberzeichen und Zauberbücher“ in der Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, Seite 278, Tafel V. Eine zweite Verbreitungswelle brachte 1940 die Galdraskræða von Jochum Eggertsson, der unter dem Namen „Skuggi“ schrieb.
Der Fehler, der alles erklärt
1989 veröffentlichte Stephen Flowers unter dem Pseudonym Edred Thorsson eine englische Übersetzung der Galdrabók. Damit wurden die isländischen Zauberbücher international bekannt. Flowers bewegte sich in einem esoterisch-odinistischen Umfeld, und in diesem Kontext erreichten Ægishjálmur und Vegvísir erstmals ein englischsprachiges Publikum.
Nur steht der Vegvísir gar nicht in der Galdrabók.
Flowers hat ihn eingefügt. Er stammt aus Ólafur Davíðssons Aufsatz von 1903, nicht aus der Handschrift von etwa 1600. Flowers hat das in einer späteren Veröffentlichung selbst richtiggestellt und die Quelle korrekt bei Davíðsson angegeben.
Da war es zu spät. Wer heute nach dem Vegvísir sucht, liest fast überall denselben Satz: Das Zeichen stamme aus dem isländischen Zauberbuch Galdrabók aus dem 17. Jahrhundert. Diese Angabe hat genau eine Ursache – eine Einfügung des Übersetzers von 1989, die seither als Quellenbeleg weitergereicht wird.
Eine falsche Quellenangabe, die sich auf ein einziges Buch zurückführen lässt und trotzdem in tausenden Texten steht. Das ist der Grund, warum diese Seite Signaturen und Seitenzahlen nennt.
Björk – zwei Daten, nicht eines
1982 ließ sich Björk Guðmundsdóttir mit siebzehn Jahren den Vegvísir auf den linken Oberarm tätowieren, gemeinsam mit ihrer Freundin Didda, im damals einzigen Tattoostudio Islands.
Populär wurde das Zeichen dadurch nicht – noch nicht. 1982 war Björk eine unbekannte isländische Jugendliche. Öffentlich über das Tattoo gesprochen hat sie erst in den 1990er Jahren, als sie international bekannt war. Sie beschrieb es als tausend Jahre alten Runenkompass, den Seefahrer sich mit Kohle auf die Stirn gemalt hätten.
Für diese Kohle-auf-der-Stirn-Geschichte gibt es keine Quelle.
Zwischen Tätowierung und Wirkung liegt also rund ein Jahrzehnt, und das Verbindungsstück ist ihr Ruhm. Danach verbreitete sich das Motiv rasant als Tattoo; inzwischen verkaufen isländische Souvenirläden es als authentisches Wikingersymbol.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Björks Tattoo liegt vor Flowers‘ Einfügung. Zwei Verbreitungswege, unabhängig voneinander entstanden, die sich in den 1990er Jahren überlagerten – einer über die Popkultur, einer über die Esoterik-Literatur. Das erklärt, warum die Legende so schwer zu korrigieren ist.
Was am heutigen Vegvísir nicht aus der Handschrift stammt
Zwei Zutaten lassen sich genau benennen.
Die Runenkreise, die viele heutige Fassungen umgeben, stehen im Huld-Eintrag nicht. Sie kamen in der modernen Rezeption hinzu.
Und die runde Form selbst ist neu. Im Huld-Manuskript sitzt der Vegvísir in einem quadratischen Rahmen. Die kreisrunde Fassung, die auf praktisch jedem heutigen Tattoo und Anhänger erscheint, ist eine Neugestaltung des 20. Jahrhunderts.
Wer das Original will, nimmt das Quadrat.
Kein Kompass, kein Wikinger-Navigationsgerät
Ein Teil der modernen Legende behauptet, der Vegvísir habe Seefahrern buchstäblich den Weg gewiesen, ähnlich einem Kompass.
Dafür fehlt jede Grundlage: Keine dokumentierte Methode lässt das Zeichen nach Norden zeigen, es hat keine Nadel, keine Ausrichtung an Himmelsrichtungen, keine Skala und keine überlieferte Leseanweisung. Seine radiale Struktur erinnert an eine Kompassrose, funktioniert aber nicht wie eine. Auch der Handschriftentext sagt nichts dergleichen – er verspricht, dass man sich nicht verirrt, nicht dass man eine Richtung findet.
Oft wird an dieser Stelle der sólarsteinn als das „echte“ Navigationsinstrument der Wikinger genannt, der Sonnenstein, wohl ein Stück Islandspat. Hier ist Vorsicht angebracht, und zwar aus demselben Grund wie beim Vegvísir.
Ein Stein dieses Namens erscheint im Rauðúlfs þáttr, wo König Olaf mit ihm bei bedecktem Himmel die Sonne ausmacht, sowie in einigen kirchlichen Inventarlisten. Kein mittelalterlicher Text beschreibt ihn als Navigationsgerät auf See. Diese Deutung ist modern: Thorkild Ramskou schlug sie 1967 vor, und auch die Gleichsetzung mit Islandspat ist eine Rekonstruktion des 20. Jahrhunderts.
Ob die Technik funktionierte, ist in der Forschung umstritten. Ob sie überhaupt angewandt wurde, ist nicht überliefert, sondern erschlossen. Mit dem Vegvísir hat sie in jedem Fall nichts zu tun.
Quellenlage
Handschriften. Huld (ÍB 383 4to), zusammengestellt von Geir Vigfússon 1860 in Akureyri, Zeichen auf Seite 60, Blattzählung teils 27r, teils 26v. Galdrakver von Olgeir Geirsson (Lbs 2917 a 4to), Akureyri 1868/69, Seite 27 als 27. Zeichen. Anonymes Galdrakver (Lbs 4627 8vo), 19. Jahrhundert, Eyjafjörður, Blatt 17v mit christlichem Zusatztext. Alle drei in der Landsbókasafn Reykjavík, digitalisiert auf handrit.is. Bauer und Pesch (2023) zählen eine vierte Handschrift hinzu.
Negativbefund. Keine Saga, keine Runeninschrift, keine eddische Strophe nennt das Zeichen. Die Galdrabók (spätes 16./frühes 17. Jahrhundert, heute Stockholm) und Lbs 2413 8vo (um 1800) enthalten es nicht. Anders beim Ægishjálmur: Sein Name steht in den Fáfnismál, seine Bildform wird erst in Lbs 143 8vo um die Mitte des 17. Jahrhunderts fassbar.
Zur Gesamttradition. Alessia Bauer (2021, Vísindavefurinn, Wissenschaftsportal der Universität Island): Die isländische Galdrabuch-Tradition beginnt früh in der „Lærdómsöld“, der Gelehrtenzeit zwischen 1550 und 1750; in 62 von 130 bekannten isländischen Zauberprozessen zwischen 1554 und 1719 spielten Galdrastäbe oder Zauberbilder eine Rolle.
Zur Herkunftsfrage. Die neuere Forschung verschiebt den Fokus weg von der älteren Vorstellung direkter germanischer Bindrunen-Nachfolge. Alessia Bauer und Alexandra Pesch (2023, „Guidance from Ancient Symbols: Vegvísir, Ægishjálmur and Other Galdramyndir“) sowie Roberto Luigi Pagani (2025, „The Mediterranean Origin of the Galdrastafir“) verorten die Wurzeln der galdrastafir stärker im mediterranen und salomonischen Raum, etwa in den Pentakeln des griechischen Hygromanteia-Textes, überliefert in Harley MS 5596 aus dem 15. Jahrhundert.
Zur Rezeption. Ólafur Davíðsson, „Isländische Zauberzeichen und Zauberbücher“, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 1903, S. 278, Tafel V. Jochum Eggertsson, Galdraskræða, 1940. Stephen Flowers, The Galdrabók. An Icelandic Grimoire, Weiser, York Beach 1989 – mit der Einfügung des Vegvísir, die nicht zum Originaltext gehört. Björks Tätowierung von 1982 und ihre öffentliche Erzählung ab den 1990er Jahren gehören in die popkulturelle Überlieferung, ohne eigenen Quellenbeleg.
Zum Sonnenstein. Rauðúlfs þáttr; Thorkild Ramskou (1967) zur Navigationshypothese.
Offen. Ob der Ægishjálmur bereits in der Huld-Handschrift erscheint, wird in der Literatur unterschiedlich angegeben. Ebenso offen bleibt, ob eine verlorene Vorlage vor 1860 existierte.