Fólkvangr
- Eine einzige Strophe als Fundament
- Was das Lied sagt – und was erst Snorri hinzufügt
- Fólkvangr, das Feld – nicht Halle, nicht Himmel
- Halle oder Schiff?
- Widersprüche, die die Quellen nicht auflösen
- Das Schweigen der Skalden
- Freyja, die Toten und die Frauen
- Lindows Argument und seine Quelle
- Museum Folkwang: eine Umdeutung von 1902
- Quellenlage
Fólkvangr taucht in der gesamten altnordischen Literatur nur an zwei Stellen auf. Die eine ist eine einzige Strophe des Eddaliedes Grímnismál, die andere ist eine Passage bei Snorri Sturluson, die genau diese Strophe zitiert.
Die gesamte Vorstellung von einem „zweiten Walhall“, in dem Freyja über die Hälfte der gefallenen Krieger gebietet, ruht damit auf einem einzigen Vers. Wie Fólkvangr aussah, was dort geschah, wie die Toten dort lebten – dazu schweigen die Quellen vollständig.
Eine einzige Strophe als Fundament
Die Kernstelle ist Grímnismál 14, überliefert im Codex Regius und im Fragment AM 748 I a 4to. Dort spricht Grímnir, eine verkleidete Gestalt Odins, einen Katalog göttlicher Wohnstätten. Über die neunte heißt es im altnordischen Original: „Fólkvangr er inn níundi, en þar Freyja ræðr sessa kostum í sal; hálfan val hon kýss hverjan dag, en hálfan Óðinn á.“
Snorri übernimmt diese Strophe fast wörtlich in Gylfaginning 24. Dort lässt er die Figur Hár erklären, Freyja sei „die herrlichste der Ásynjur“ und besitze eine Wohnung im Himmel namens Fólkvangr. Immer wenn sie in die Schlacht reite, bekomme sie die Hälfte der Gefallenen, die andere Hälfte falle an Odin. Erst danach zitiert Snorri die Grímnismál-Strophe selbst – als Beleg für eine Aussage, die er zuvor schon paraphrasiert hat.
Eine dritte Figur gehört zum Beleggerüst: Sessrúmnir, Freyjas Halle. Snorri nennt sie dreimal. In Gylfaginning 24 heißt sie „groß und schön“. Im Skáldskaparmál erscheint sie als Bestandteil einer Freyja-Kenning, einer umschreibenden Dichterformel: „Besitzerin der Walstatt-Gefallenen und Sessrúmnirs“. Und im selben Werk taucht derselbe Name noch einmal auf – in einer Liste von Schiffsnamen.
Was das Lied sagt – und was erst Snorri hinzufügt
Grímnismál 14 sagt nur wenig, aber es sagt es klar: Fólkvangr ist die neunte Wohnung. Freyja bestimmt dort „sessa kostum í sal“, die Sitzordnung in einer Halle. Sie wählt täglich die Hälfte der Walstatt-Toten, Odin erhält die andere Hälfte. Einen Namen für die Halle nennt die Strophe nicht, und Asgard erwähnt sie überhaupt nicht.
Alles Übrige stammt von Snorri. Dass die Halle Sessrúmnir heißt, dass sie sich innerhalb von Fólkvangr befindet, dass Fólkvangr im Himmel liegt, und die Bewegungsszene, in der Freyja „in die Schlacht reitet“ – all das steht nur in Gylfaginning, nicht im Lied. Rudolf Simek beobachtet, dass Snorris Beschreibung eng der Grímnismál-Strophe folgt, mit genau diesem einen Zusatz: Sessrúmnir liegt in Fólkvangr.
Diese Ergänzung ist folgenreich. Die Grímnismál-Stelle allein liest sich so, als sei Fólkvangr selbst die Halle. Erst Snorri fasst Fólkvangr klar als Land – als Feld oder Wiese, auf dem die Halle Sessrúmnir steht. Aus dieser Verkürzung stammt die weitverbreitete Gleichsetzung „Fólkvangr ist Freyjas Halle“, die in den Quellen selbst so nicht steht.
Auch die Lage in Asgard ist keine gesicherte Angabe. Der Grímnismál-Katalog reiht Wohnstätten aneinander, die keineswegs alle in Asgard liegen: Þrymheimr etwa ist der Hof des Riesen Þjazi, den nach dessen Tod die Riesin Skaði bewohnt. Dass Fólkvangr in Asgard liege, ist also eine Deutung, keine Textaussage.
Fólkvangr, das Feld – nicht Halle, nicht Himmel
Der Name setzt sich aus fólk und vangr zusammen. Fólk bedeutet „Volk“ oder „Leute“, auch „Heer“ – verwandt mit dem englischen folk. Vangr heißt „Feld“, „Wiese“ oder „Lichtung“, erhalten etwa in deutschen Ortsnamen auf -wang oder -wangen. Wörtlich benennt Fólkvangr also ein Feld, keinen Palast und keinen Himmel.
An der Übersetzung von fólk hängt die inhaltliche Deutung. Andy Orchard überträgt „field of the host“, John Lindow wählt „people-field“ oder „army-field“, Britt-Mari Näsström „the field of the Warriors“.
„Volksfeld“ legt ein Jenseits für alle Menschen nahe. „Heerfeld“ beschränkt den Ort auf Gefallene. Beide Lesarten stützen sich auf dieselbe Wortwurzel und lassen sich aus dem Text allein nicht entscheiden.
Sessrúmnir lässt sich als „Sitzraum“ oder „Sitzräumer“ übersetzen – ein Ort mit vielen oder geräumigen Sitzplätzen. Der Name passt damit sowohl zu einer Halle als auch, wie sich zeigen wird, zu einem Schiff.
Halle oder Schiff?
Dass Sessrúmnir bei Snorri zweimal als Halle und einmal als Schiffsname erscheint, ist kein Schreibfehler, sondern ein ungelöster Befund. Simek hält es für möglich, dass eine der beiden Vorstellungen auf einem Missverständnis beruht, da der Name in beiden Fällen dieselbe wörtliche Bedeutung trägt: ein Raum mit vielen Sitzen passt zu einer Halle ebenso wie zu einem Ruderschiff mit vielen Ruderbänken.
Joseph S. Hopkins und Haukur Þorgeirsson gehen in ihrem Aufsatz „The Ship in the Field“ (RMN Newsletter 3, 2011, S. 14–18, Universität Helsinki) einen Schritt weiter. Sie lesen Fólkvangr und Sessrúmnir zusammen als Bild „eines Schiffes im Feld“ und verbinden es mit den skandinavischen Steinschiffen – Grabanlagen aus aufgerichteten Steinen in Schiffsform. Ein Schiff im Feld könnte im mythischen Bereich eine reale Bestattungssitte spiegeln, oder umgekehrt.
Ihre Grundlage bildet die Schiffsnamenliste, in der Fachsprache þulur genannt, die sie als authentische Überlieferung werten – für deren Verfasser war Sessrúmnir schlicht ein Schiffsname. Aus dieser Verbindung leiten die Autoren eine mögliche Beziehung Freyjas zur „Isis“ der Sueben ab, die Tacitus in der Germania erwähnt. Der Status dieser Hypothese ist gut begründet, aber nicht gesichert.
Widersprüche, die die Quellen nicht auflösen
Odin allein oder Odin und Freyja? Grímnismál 8 beschreibt, wie in der Halle Glaðsheimr Valhöll aufragt und Hroptr – ein Odinsname – dort täglich die Waffentoten auswählt, ohne jede Einschränkung. Sechs Strophen später, in Strophe 14, teilt sich derselbe Odin die Wahl mit Freyja, mit demselben Verb kjósa, „wählen“. Das Lied klärt diesen Widerspruch an keiner Stelle.
Hat Freyja die erste Wahl? In modernen Nacherzählungen liest man oft, Freyja dürfe vor Odin auswählen. Das ist Zutat, keine Textaussage. Grímnismál 14 sagt lediglich, dass beide je die Hälfte erhalten. Ein Vorwahlrecht Freyjas steht in keiner Handschrift.
Wählt sie die Toten aus, oder weist sie nur Plätze zu? Die Formulierung „ræðr sessa kostum í sal“ ist umstritten übersetzt. Benjamin Thorpe gibt sie mit „sie lenkt die Sitzordnung in der Halle“ wieder, Henry Adams Bellows mit „sie bestimmt, wer Sitze in der Halle haben soll“. Im ersten Fall trifft Freyja die Auswahl der Toten selbst, im zweiten weist sie den bereits Ausgewählten nur ihre Ränge zu – in einer Halle keine Nebensache, sondern Ausdruck von Ansehen.
Kamen auch andere als Krieger dorthin? In der Egils saga erklärt die lebensmüde Þorgerðr in der Sonatorrek-Episode (Kap. 78 oder 79, je nach Ausgabe), sie werde nichts mehr essen, bis sie bei Freyja speise.
Diese Stelle wird in fast jeder populären Darstellung als Beleg dafür angeführt, dass auch Nichtkrieger nach Fólkvangr kamen. Sie nennt Fólkvangr jedoch mit keinem Wort. Die Verbindung zwischen dieser Aussage und Fólkvangr ist eine Deutung der Forschung, kein Beleg der Saga selbst.
Das Schweigen der Skalden
Bisher ging es darum, was in den beiden Belegstellen fehlt. Der aussagekräftigste Befund liegt aber woanders – nämlich dort, wo Fólkvangr gar nicht erst vorkommt.
Walhall erscheint in der Skaldendichtung des 10. Jahrhunderts. Das Eiríksmál schildert, wie Odin Erik Blutaxt in Walhall empfängt. Das Hákonarmál beschreibt, wie Hákon der Gute dorthin geleitet wird. Beides sind Gedächtnisgedichte auf tatsächlich regierende Könige, gedichtet zu einer Zeit, in der der alte Glaube noch gelebt wurde.
Fólkvangr erscheint in keinem einzigen Skaldengedicht. Kein Gedächtnisgedicht, keine Strophe, keine Kenning schickt je einen Toten dorthin.
Nach der Quellenlogik dieser Website ist das der schwerste Befund überhaupt. Skaldendichtung ist formal schwer zu verändern, namentlich zugeschrieben und näher an der Wikingerzeit als jede erhaltene Handschrift. Wo sie schweigt, wird es dünn.
Es passt zu Rudolf Simeks Zurückhaltung gegenüber der Vorstellung eines uralten Kultortes. Der Name Fólkvangr sei „sicher nicht älter als die Grímnismál selbst“ – möglicherweise also eine dichterische Neubildung des Liedes und kein Begriff aus vorliterarischer Zeit.
Damit hat der Artikel eine mögliche Antwort auf seine eigene Ausgangsfrage. Warum ruht alles auf einem Vers? Vielleicht, weil es nie mehr als einen gab.
Freyja, die Toten und die Frauen
Britt-Mari Näsström deutet Freyjas Rolle als Empfängerin der Toten so, dass ihr Wohnsitz auch Frauen offenstehe, die einen edlen Tod erlitten hätten. Sie stützt das auf die Egils-saga-Stelle und auf die Hervarar saga ok Heiðreks, in der sich eine Königin in einem dísarsalr, einer „Halle der Dís“, erhängt. Eine solche Dís könne kaum eine andere Gestalt sein als Freyja selbst – auch dies bleibt Deutung, kein direkter Beleg.
Siegfried Andres Dobat sieht in Freyjas Aufgabe, die halbe Walstatt für Fólkvangr auszuwählen, ein mythologisches Vorbild für die Walküren und die dísir, jene Schutz- und Schicksalsgestalten der altnordischen Vorstellungswelt.
Lindows Argument und seine Quelle
John Lindow ordnet Fólkvangr, versteht man fólk als „Heer“, als echte Alternative zu Walhall ein. Wie Odin sei auch Freyja mit Kriegern verbunden, da sie dem ewigen Kampf Hjaðningavíg vorstehe.
Hier lohnt es, die Belegkette einen Schritt weiter zu verfolgen, als es meist geschieht.
Im Skáldskaparmál ist es nicht Freyja, die den Hjaðningavíg auslöst, sondern Hildr, die Tochter Högnis. Freyja kommt in dieser Fassung nicht vor.
Die Verbindung Freyja–Hjaðningavíg stammt aus dem Sörla þáttr, einer Erzählung in der Flateyjarbók aus dem späten 14. Jahrhundert. Dort verlangt Odin von Freyja, den ewigen Kampf zwischen Heðinn und Högni zu stiften, damit sie das Brísingamen zurückerhält.
Das ist ein Text, der rund hundertfünfzig Jahre nach Snorri entstand – und über vierhundert Jahre nach dem Ende der Wikingerzeit. Lindows Deutung ist deshalb nicht falsch, aber sie stützt sich auf einen der spätesten Texte des gesamten Korpus. Wer sie zitiert, sollte wissen, worauf sie steht.
Museum Folkwang: eine Umdeutung von 1902
Karl Ernst Osthaus (1874–1921) entlehnte den Namen 1902 der Edda für sein neu gegründetes Museum in Hagen: Folkwang. 1922 entstand daraus durch Zusammenlegung mit dem Essener Kunstmuseum das Museum Folkwang in Essen, später auch Namensgeber der Folkwang Universität der Künste.
Diese Rezeption traf eine klare Wahl zwischen den beiden umstrittenen Etymologien. Sie übersetzte Folkwang als „Volkshalle“, als Palast der Göttin Freya, die neben der Fruchtbarkeit auch als Schutzgöttin der Künste gedeutet wurde.
Damit entschied sie sich für „Volk“, nicht für „Heer“, machte aus dem Feld eine Halle – und ließ die Halbierung der Gefallenen vollständig aus. Drei Eingriffe in einem einzigen Namen.
Osthaus wollte mit dem Museum die Industrieregion durch Kunst beleben: Folkwang als Begegnungsort für Städter jeder Klasse. Von der mythologischen Walstatt, auf der Freyja täglich die Hälfte der Toten wählt, blieb in dieser Namenswahl nichts übrig.
Quellenlage
Lieder-Edda. Die einzige zentrale Stelle ist Grímnismál 14, überliefert im Codex Regius und im Fragment AM 748 I a 4to. Zum Vergleich der scheinbar widersprüchlichen Wahlrechte gehört Grímnismál 8; zur Frage der Lage Grímnismál 11 mit Þrymheimr als Riesenhof.
Snorri Sturluson. Gylfaginning 24 zitiert Grímnismál 14 und fügt die Angaben zu Sessrúmnir, zur Lage im Himmel und zur Reit-Szene hinzu. Im Skáldskaparmál erscheint Sessrúmnir einmal in einer Freyja-Kenning und einmal in einer Liste von Schiffsnamen; die Kapitelzählung des Skáldskaparmál weicht zwischen den Ausgaben ab, weshalb hier keine Nummer angegeben wird.
Skaldendichtung. Eiríksmál und Hákonarmál, beide 10. Jahrhundert, nennen Walhall als Ziel gefallener Könige. Für Fólkvangr gibt es keine Entsprechung – in der gesamten Skaldendichtung kommt der Name nicht vor.
Sagas und Þættir. Egils saga, Sonatorrek-Episode, Kap. 78 bzw. 79 je nach Ausgabe, mit der Þorgerðr-Stelle, die Fólkvangr nicht nennt. Hervarar saga ok Heiðreks mit dem dísarsalr-Motiv. Sörla þáttr in der Flateyjarbók, spätes 14. Jahrhundert, als Grundlage der Verbindung Freyja–Hjaðningavíg; die ältere Fassung im Skáldskaparmál nennt stattdessen Hildr.
Forschungsliteratur. Rudolf Simek zur Altersfrage des Namens und zum Verhältnis von Gylfaginning und Grímnismál. John Lindow zur Deutung als Alternative zu Walhall. Britt-Mari Näsström zur Öffnung des Ortes für Frauen. Siegfried Andres Dobat zum Verhältnis zu Walküren und dísir. Andy Orchard zur Übersetzung „field of the host“. Joseph S. Hopkins und Haukur Þorgeirsson, „The Ship in the Field“, RMN Newsletter 3, 2011, S. 14–18, Universität Helsinki, zur Deutung als Steinschiff-Motiv und zur möglichen Verbindung mit der „Isis“ der Sueben bei Tacitus, Germania.
Offen. Ob fólk hier „Volk“, „Heer“ oder – als dritte, in der dichterischen Sprache belegte Bedeutung – „Kampf“ meint, ist nicht entschieden; im letzten Fall hieße Fólkvangr schlicht „Schlachtfeld“. Ebenfalls offen bleiben die Lage des Ortes, das Verhältnis von Halle und Schiff und die Frage, wer außer Gefallenen dorthin gelangte.
Historisch belastbar ist an alledem nur der Wortlaut der Grímnismál-Strophe und ihre Übernahme durch Snorri. Alles, was über Aussehen, Funktion und Bewohner von Fólkvangr hinausgeht, ist Deutung – in Teilen gut begründet, aber durch keine weitere altnordische Quelle gestützt.