Stell dir vor, deine Hände zittern plötzlich. Dein Haar wird grau, über Nacht. Genau das widerfährt den Göttern Asgards, als ihnen ihre wichtigste Hüterin genommen wird.
Idun bewacht goldene Äpfel. Wer davon isst, bleibt jung. Ohne diese Frucht altern selbst die mächtigsten Asen wie gewöhnliche Sterbliche. Idun hält also das Leben der Götter in ihren Händen – wörtlich.
Herkunft
Nach der Prosa-Edda ist Idun die ältere Tochter des Zwergs Ivaldi – eine Abstammung, die sie von den meisten anderen Asinnen unterscheidet und ihr eine gewisse Nähe zur unterirdischen Welt der Zwerge verleiht, deren Schmiedekunst und Wissen um verborgene Dinge sprichwörtlich sind. Wie sie in den Kreis der Asen aufgenommen wurde, verraten die Quellen nicht – nur, dass sie schließlich als Hüterin der Jugendäpfel zu einer der unentbehrlichsten Gestalten Asgards wurde. (Quelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Skáldskaparmál)
Der Raub, der Asgard lähmt
Der Riese Thjazi will diese Macht besitzen. Er greift nicht zum Schwert, er greift zur List. Dem Skaldengedicht Haustlöng zufolge nahm alles seinen Anfang, als Odin, Loki und Hönir auf einer Reise Rast machten und ein Rind braten wollten. Ein Adler – Thjazi in Verwandlung – setzte sich in den Baum über ihnen und ließ das Fleisch nicht gar werden, bis Loki wütend mit einer Stange nach ihm schlug. Die Stange blieb an Loki und am Adler kleben, und Thjazi flog mit dem hilflos baumelnden Loki davon. Erst als Loki unter Qualen schwor, Idun aus Asgard herauszulocken, ließ der Riese ihn frei.
Mit einer Falle lockt Loki daraufhin Idun aus Asgard heraus, indem er ihr von angeblich noch schöneren Äpfeln erzählt, die sie zum Vergleich mitbringen solle. Kaum ist sie im Wald, ergreift Thjazi sie in Adlergestalt und entführt sie in sein Reich.
Die Wirkung zeigt sich sofort. Die Götter altern. Ihre Kraft schwindet, ihre Gesichter furchen sich. Asgard steht am Abgrund, und niemand kann es aufhalten – noch nicht. (Quelle: Þjóðólfr of Hvinir, Haustlöng; Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Skáldskaparmál)
Lokis Rettung
Loki trägt Schuld an der Entführung. Also muss er sie auch beenden. Er verwandelt sich in einen Falken, fliegt in Thjazis Reich und holt Idun zurück nach Asgard. Mit ihr kehrt die Jugend zurück. Die Götter atmen auf, ihre Kraft erwacht neu. Thjazi, der Idun und Loki in Adlergestalt verfolgt, wird an der Mauer Asgards von den Göttern mit Feuer getötet. Seine Tochter Skadi kommt daraufhin bewaffnet nach Asgard, um Wiedergutmachung zu fordern – eine Geschichte, die eng mit der Idun-Entführung verknüpft ist, auch wenn sie andernorts weitererzählt wird.
Lokasenna – Der Vorwurf des Verrats
Beim Zechgelage in Lokasenna spart Loki auch Idun nicht mit seinem Spott. Er wirft ihr vor, sie sei die männertollste aller Frauen, weil sie ihre Arme um den Mörder ihres Bruders gelegt habe – eine Anspielung, die sich vermutlich auf Umstände rund um Thjazis Tod bezieht, auch wenn die genaue Bedeutung unter Forschern umstritten bleibt. Idun weist die Anschuldigung zurück und verteidigt sich, doch Loki lässt nicht locker. Die Szene zeigt, dass selbst die Bewahrerin der ewigen Jugend vor Lokis Zunge nicht sicher ist. (Quelle: Lieder-Edda, Lokasenna)
Erinnerung und Dichtung
Idun ist die Frau des Dichtergottes Bragi. Diese Verbindung ist kein Zufall. Bragi schafft mit Worten, er dichtet, er erschafft Neues. Idun dagegen bewahrt. Sie hält fest, was sonst vergeht. Zusammen stehen sie für zwei Kräfte, die einander brauchen: das Schöpferische und das Bewahrende.
Auch heute kennen wir dieses Zusammenspiel. Wir erschaffen ständig Neues – und vergessen dabei leicht, was uns trägt. Idun erinnert uns daran: Ohne Bewahren gibt es kein dauerhaftes Wachsen.
Quellenlage
Die ausführlichste und älteste Fassung der Idun-Entführung findet sich im Skaldengedicht Haustlöng des Þjóðólfr of Hvinir (9./10. Jahrhundert), das Snorri Sturluson in seiner Prosa-Edda (Skáldskaparmál, 13. Jahrhundert) nacherzählt und einordnet. Der Vorwurf in Lokasenna stammt aus der Lieder-Edda. Da diese Überlieferung erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurde, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.



