Skadis Rache und die Wahl der Füße
Eine einzelne Frau zieht Rüstung an, schnallt sich Waffen um und marschiert allein in die Festung ihrer Feinde. Die Götter selbst weichen zurück. Keine Sage übertreibt hier – das ist die Geschichte von Skadi.
Ihr Vater Þjazi war tot. Die Asen, die nordische Göttersippe um Odin und Thor, hatten ihn erschlagen. Sein Verbrechen: Er hatte Iðunn geraubt, die Hüterin der goldenen Äpfel, die den Göttern ewige Jugend schenken. Þjazis Tochter Skadi nahm die Rache selbst in die Hand.
Eine Riesin fordert die Götter heraus
Skadi legte Helm und Kettenhemd an – ein Panzer aus Eisenringen. Sie griff zu jeder Waffe, die sie tragen konnte, und zog allein nach Asgard, dem Sitz der Götter. Sie klagte nicht. Sie kam zum Kampf gerüstet.
Und die Götter? Sie zogen nicht das Schwert. Sogar Thor, der stärkste unter ihnen, bot ihr Frieden an. Das ist der wahre Kern dieser Geschichte: Eine einzige Riesin zwang das ganze Göttergeschlecht an den Verhandlungstisch.
Skadi stellte zwei Bedingungen. Erstens: einen Ehemann aus den Reihen der Asen. Zweitens: Sie wollte lachen. Nur wer sie zum Lachen brachte, hatte seinen Teil der Buße bezahlt.
Die Falle in der Wahl
Die Götter erfüllten die erste Bedingung – doch mit einem Haken. Skadi durfte wählen, aber sie durfte nur die Füße der Männer sehen. Der Rest blieb verhüllt.
Sie entdeckte das schönste Paar Füße im ganzen Saal und dachte: Das muss Baldr sein, der schönste aller Götter. Sie täuschte sich. Als der Vorhang fiel, stand Njörðr vor ihr, der Herr des Meeres.
Die Forscherin Margaret Clunies Ross liefert eine nüchterne Erklärung: Njörðrs Füße wurden Tag für Tag von den Wellen umspült. Sauberer als seine Füße war in Asgard kein Paar.
Loki bringt sie zum Lachen
Blieb die zweite Bedingung. Loki, der Trickser unter den Göttern, übernahm die Aufgabe. Er band ein Seil an einen Ziegenbock – und an sein eigenes Fleisch. Was folgte, war ein groteskes Ziehen und Zerren, begleitet von Loki wildem Geschrei. Am Ende stürzte er in Skadis Schoß.
Da lachte sie. Die trauernde Tochter, gerüstet für Krieg, brach in Gelächter aus. Odin schloss die Rechnung endgültig: Er warf Þjazis Augen an den Himmel. Als Sterne leuchten sie seither über der Welt.
Eine Ehe an der Küste – und in den Bergen
Die Ehe zwischen Skadi und Njörðr hielt nicht lange. Sie zerbrach an etwas so Einfachem wie Geräuschen. Njörðr konnte das Heulen der Wölfe in den Bergen nicht ertragen. Skadi wiederum hasste den Schrei der Möwen an der Küste. Beide zogen sich zurück in ihre eigene Welt.
Skadi kehrte in die Berge zurück. Dort jagte sie auf Skiern, den Bogen in der Hand. Man nannte sie fortan Öndurdís – die Ski-Göttin.
Ihre Geschichte trägt eine harte Lehre in sich: Man kann alles erzwingen, was man fordert, und trotzdem das Falsche bekommen. Denn manchmal lässt man uns nur einen Teil des Bildes sehen – und wir wählen mit halbem Wissen.
Quellen: Skáldskaparmál, Gylfaginning 23, Grímnismál 11. Nicht belegt in den Quellen: eine Liebe zu Baldr.
Quellenlage
Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.