Asen

Baldr

Baldr

Aktualisiert am 9. September 2026 Götter & Göttinnen 5 Min. Lesezeit

Stell dir einen Gott vor, den niemand töten kann. Kein Schwert schneidet ihn. Kein Feuer verbrennt ihn. Kein Gift berührt ihn. So stand es um Baldr, den schönsten und gütigsten aller Asen. Sein Licht vertrieb jeden Schatten aus Asgard. Alle liebten ihn.

Doch dann kamen die Träume. Nacht für Nacht sah Baldr seinen eigenen Tod voraus. Seine Mutter Frigg wollte das nicht hinnehmen. Sie zog durch die neun Welten und ließ jedes Ding schwören: Stein, Eisen, Feuer, Wasser, jedes Tier, jede Pflanze – niemals sollten sie Baldr schaden. Nur eine Pflanze übersah sie. Die Mistel. Zu jung, zu klein, zu harmlos schien sie ihr.

Familie

Baldr ist Sohn Odins und Friggs, der strahlendste unter den Kindern des Götterpaares. Seine Frau ist Nanna, Tochter des Nepr; gemeinsam haben sie den Sohn Forseti, der später als Gott der Gerechtigkeit zwischen Streitenden vermittelt. Sein Halbbruder Hödur, blind von Geburt an, wird ohne eigenes Wissen zu seinem Mörder – sein Halbbruder Hermod erweist sich in der dunkelsten Stunde als der Mutigste von allen.

Die Seherin in der Unterwelt

Noch bevor Baldr stirbt, will Odin Gewissheit. Er besteigt Sleipnir und reitet hinab in die Unterwelt, zu einem Grab am Osteingang Hels. Dort weckt er mit einem Zauberspruch eine tote Seherin und fragt sie aus, für wen in Hel gerade so aufwendig Bänke geschmückt und Bier gebraut werden. Widerwillig antwortet sie: für Baldr. Odin bohrt weiter – und erfährt, was noch niemand weiß: Hödur wird der Mörder sein, und ein noch ungeborener Sohn Odins mit der Riesin Rind, Vali, wird ihn dafür rächen, schon einen Tag nach seiner eigenen Geburt. Erst als die Seherin an einer letzten Frage erkennt, dass sie mit Odin selbst spricht, verweigert sie weitere Antworten. Das Gedicht Baldrs draumar der Lieder-Edda erzählt diese nächtliche Befragung.

Die Lücke im Schwur

Loki fand diese Lücke. Er suchte sie gezielt. Aus der übersehenen Mistel schnitzte er einen Pfeil, scharf und tödlich. Dann ging er zu Hödur, Baldrs blindem Bruder. Die anderen Götter spielten ein Spiel: Sie warfen alles Mögliche auf Baldr, nur um zu sehen, wie es an ihm abprallte. Hödur stand abseits, denn er konnte nicht zielen. Loki bot ihm Hilfe an. Er führte seine Hand und lenkte den Mistelzweig direkt auf sein Ziel.

Der Pfeil traf. Baldr fiel. Der strahlendste Gott Asgards war tot – getroffen von der einen Sache, die niemand für gefährlich hielt. Snorri schildert Friggs Schwurreise und den tödlichen Wurf ausführlich in der Gylfaginning.

Hermods Ritt nach Hel

Der Schmerz der Götter kennt keine Grenzen. Hermod, ein weiterer Sohn Odins, bietet sich freiwillig an: Er leiht sich Sleipnir und reitet neun Nächte durch dunkle, tiefe Täler, bis er die Grenze zu Hel erreicht. Dort verhandelt er mit der Herrin der Totenwelt selbst. Hel stellt eine Bedingung: Weint alles auf der Welt, Lebendiges wie Totes, um Baldr, darf er zurückkehren. Weigert sich auch nur ein Einziges, bleibt er bei ihr.

Die Götter schicken Boten durch alle neun Welten, und tatsächlich weint alles – Menschen, Tiere, sogar Steine. Nur eine Riesin namens Thökk verweigert die Träne; manche erkennen in ihr Loki in Verkleidung. Baldr bleibt in Hel. Inzwischen wird sein Leichnam auf seinem Schiff Hringhorni verbrannt; seine Frau Nanna bricht vor Kummer zusammen und wird mit ihm auf den Scheiterhaufen gelegt. Was Odin seinem toten Sohn ins Ohr flüstert, bevor das Schiff brennt, bleibt für immer ihr Geheimnis. Auch diese Ereignisse überliefert Snorri in der Gylfaginning.

Ein Tod mit Folgen

Sein Fall erschütterte alle Welten. Die Götter trauerten, doch sein Tod war mehr als nur ein Verlust. Er galt als Vorbote von Ragnarök, dem Untergang der Götter selbst. Mit Baldrs Tod begann das Licht zu schwinden.

Aber die alten Geschichten enden nicht im Dunkel. Nach dem großen Weltenbrand, so heißt es, wird eine neue, grüne Welt entstehen. Und Baldr wird zurückkehren.

Vielleicht liegt genau darin die Lehre dieser Geschichte: Selbst der stärkste Schutz hat eine Lücke. Und selbst nach dem größten Verlust kann neues Licht entstehen.

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Quellenlage

Die Grundlage für diesen Artikel bilden vor allem die Lieder-Edda (insbesondere das Gedicht Baldrs draumar) sowie die Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson (13. Jahrhundert), insbesondere die Gylfaginning. Odins nächtlicher Ritt zur Seherin und die Prophezeiung über Hödur und Vali gehen auf die Baldrs draumar zurück, Friggs Schwurreise, der tödliche Mistelzweig, Hermods Ritt nach Hel und die Verbrennung auf der Hringhorni auf die Gylfaginning. Ergänzt wird dies durch weitere altnordische Sagas sowie archäologische und runeninschriftliche Funde. Da die Überlieferung erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurde, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.

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