Der Raub des Kessels von Hymir
Ein Fest ohne Bier ist kein Fest. Mit diesem simplen Problem beginnt eines der ältesten Lieder der Edda. Kein Krieg, kein Verrat – nur ein leeres Gefäß, das eine ganze Geschichte in Gang setzt.
Die Suche nach dem Kessel
Die Götter werfen Lose. Die Wahl fällt auf Ægir, den Riesen des Meeres. Er soll das nächste Gelage ausrichten. Doch Ægir weicht aus. Er braucht einen Kessel – so groß, dass er für alle Götter auf einen Schlag brauen kann. Wer besitzt so ein Gefäß?
Týr erinnert sich. Sein Vater Hymir hütet genau so einen Kessel. Er steht am Rand der Welt, weit im Osten, jenseits der eisigen Flüsse Élivágar. Eine Meile tief soll er sein – kaum vorstellbar.
Im Haus des Riesen
Thor und Týr machen sich auf den Weg nach Osten. Dort empfängt sie eine uralte Frau mit neunhundert Köpfen. Doch die Hausherrin – golden geschmückt und klüger als die Ahnin – versteckt die beiden Götter unter Kesseln.
Dann kommt Hymir heim. Das Eis in seinem Bart klirrt bei jedem Schritt. Sein bloßer Blick zerschmettert einen Deckenbalken. Acht Kessel zerspringen sofort. Nur einer hält – der härteste, hartgehämmert für genau solche Momente.
Thor zeigt seinen Appetit: Er verschlingt zwei ganze Ochsen. Dann packt er den schwarzen Stier Himinhrjóðr und reißt ihm den Kopf ab. Mit diesem Kopf als Köder fährt er hinaus aufs Meer – zu seinem berühmten Fischzug gegen die Midgardschlange.
Die letzte Prüfung
Zurück im Haus stellt Hymir eine letzte Aufgabe: Ein Becher, unzerbrechlich, soll zerschlagen werden. Keine Kraft der Welt bringt ihn zum Bersten – bis Thor ihn gegen Hymirs eigenen Schädel schleudert. Erst dort zerspringt das Gefäß.
Der Riese gibt nach. Der Kessel gehört jetzt den Göttern.
Thor stemmt ihn sich auf den Kopf. Die Ringe am Kessel schlagen bei jedem Schritt gegen seine Fersen. Doch die Sache ist noch nicht vorbei: Vielköpfige Jötnar, Verbündete Hymirs, verfolgen die beiden. Mjölnir, Thors Hammer, bringt sie alle zum Schweigen – endgültig.
Was bleibt
Die Geschichte steht in der Hymiskviða, einem Lied der Lieder-Edda aus dem späten 13. Jahrhundert. Das Motiv des Fischzugs findet sich sogar in Stein gemeißelt – auf Bildsteinen in Altuna, Hørdum, Ardre VIII und Gosforth. Ein Widerspruch bleibt: Hier ist Hymir Týrs Vater, in der Skáldskaparmál dagegen gilt Odin als sein Vater. Auch der Titel „Raub” stammt nicht aus der Zeit der Wikinger – er ist eine moderne Zutat.
Was bleibt, ist eine einfache Lehre, die bis heute trägt: Wer trinken will, muss zuerst in das Haus des Riesen gehen.
Quellenlage
Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.