Asgard
Asgard wird in der gesamten Lieder-Edda genau zweimal genannt.
Einmal in der Hymiskviða, als Thor und Týr von dort aufbrechen. Einmal in der Þrymskviða, als Loki argumentiert, ohne Thors Hammer würden bald die Riesen dort wohnen. Beide Male beiläufig, beide Male ohne ein Wort darüber, wie der Ort aussieht.
Alles Weitere — die Mauer, die Lage, die Hallen, das Verhältnis zu den anderen Welten — steht bei einem einzigen Autor.
Asgard ist die Wohnstatt der Asen. Und es ist der Ort, an dem sich am deutlichsten zeigt, wie viel unseres Bildes von der nordischen Welt aus dem 13. Jahrhundert stammt.
Was der Name sagt
Ásgarðr bedeutet „Gehege der Asen“ — áss für den Gott, garðr für die Umfriedung. Kein Himmel, kein Paradies, sondern ein befestigter Wohnsitz.
Das ist kein sprachlicher Nebenpunkt. Ein garðr ist das, was jeder Isländer kannte: ein Hof mit einer Mauer drumherum. Das Wort steckt in deutsch „Garten“ und englisch „yard“.
Und es ist kein Einzelfall, sondern das Bauprinzip der ganzen Weltordnung. Miðgarðr — der mittlere Hof, die Menschenwelt. Útgarðar — was draußen liegt, jenseits des Zauns, wo die Riesen wohnen.
Drei Namen, ein Bild: Zaun, Hof, Draußen. Die nordische Welt ist nicht in Sphären gedacht, sondern in Umzäunungen. Innen herrscht Ordnung, draußen nicht, und die Mauer macht den Unterschied.
Was zu der Geschichte führt, die von dieser Mauer handelt.
Die Mauer und der Baumeister
Ein Baumeister bietet den Göttern an, eine uneinnehmbare Befestigung zu errichten. Sein Preis: die Sonne, der Mond und Freyja.
Die Asen beraten. Es ist Loki, der zum Handel rät — mit einer verkürzten Frist, die niemand halten kann, und unter der Bedingung, dass der Baumeister keine Hilfe bekommt. Der Mann willigt ein und bittet nur darum, sein Pferd Svaðilfari benutzen zu dürfen. Auch dazu rät Loki.
Das Pferd schleppt Steine in einer Menge, die niemand erwartet hat. Die Frist läuft, die Mauer wächst, die Götter werden nervös. Und sie wissen genau, wem sie das verdanken.
Loki wird unter Drohungen verpflichtet, das Problem zu lösen. Er verwandelt sich in eine Stute und lockt den Hengst fort. Der Bau kommt zum Stillstand, die Frist verstreicht, der Baumeister gerät in Riesenzorn und gibt sich damit zu erkennen. Thor erschlägt ihn.
Und hier steht der Teil, den populäre Nacherzählungen gern auslassen: Die Götter hatten dem Baumeister Eide geschworen. Sie brechen sie in dem Moment, in dem sie zu verlieren drohen. Die Burg der Ordnung entsteht durch einen Wortbruch.
Einige Zeit später bringt Loki ein achtbeiniges Fohlen zur Welt: Sleipnir, Odins Pferd.
Was davon älter ist als Snorri
Die Erzählung steht in Snorris Gylfaginning. Aber ihr Kern ist in der Lieder-Edda bezeugt, und zwar genauer, als meist behauptet wird.
Völuspá 25 fragt, wer „Óðs Maid“ — also Freyja — dem Geschlecht der Riesen überlassen habe. Völuspá 26 nennt Thor, der allein zuschlug, und stellt fest, dass Eide, Worte und alle gewichtigen Versprechen gebrochen wurden.
Drei Elemente stimmen damit überein: Freyja als Preis, der Eidbruch, Thors Schlag. Das ist keine lose Assoziation.
Was in der Völuspá fehlt: der Baumeister, das Pferd, die Mauer, Loki, Sleipnir.
Snorri zitiert die beiden Strophen in der Gylfaginning selbst. Er stellt die Verbindung also ausdrücklich her. Ob er damit eine bekannte Geschichte belegt oder eine dunkle Strophe für seine Erzählung in Anspruch nimmt, lässt sich nicht entscheiden — und genau das ist der Normalfall bei der Arbeit mit ihm.
Die Hallen — und ein Zuordnungsproblem
Innerhalb der Mauern liegen zahlreiche Hallen. Odins Walhall und Valaskjálf, Thors Bilskirnir, Baldrs Breidablik, Heimdalls Himinbjörg. Auf dem Feld Idavoll versammeln sich die Götter zum Rat.
So steht es bei Snorri. In der Lieder-Edda steht es anders.
Die Grímnismál zählt diese Wohnstätten auf — und nennt Asgard kein einziges Mal. Sie reiht Orte aneinander, ohne sie einem übergeordneten Ort zuzuweisen. Dass sie alle in Asgard liegen, ist Snorris Anordnung.
Dasselbe bei Idavoll: Die Völuspá kennt das Feld, aber nicht seine Lage. Dass es in der Mitte Asgards liegt, sagt erst die Gylfaginning.
Auch Freyjas Halle Sessrúmnir wird gern mitgezählt. Nach Grímnismál 14 steht sie in Fólkvangr — und wo Fólkvangr liegt, sagt keine Quelle.
Die Hallen sind also alt. Die Adresse ist es nicht.
Der Sonderfall Walhall
Eine Halle mit fünfhundertvierzig Türen. Ein Dach aus Schilden, Sparren aus Speerschäften, Bänke mit Brünnen belegt. Ein Wolf, der vor der westlichen Tür hängt, ein Adler darüber.
Das steht in der Grímnismál, in den Strophen 9, 10 und 23 — gesprochen von einem Gefesselten, der acht Nächte zwischen zwei Feuern sitzt und sich am Ende als Odin zu erkennen gibt.
Zur Zahl: Die Übersetzungen geben durchweg 540 Türen. Altnordisch hundrað bezeichnet allerdings oft das Großhundert zu 120 — dann wären es 640. Sicher ist die Zahl also nicht.
Und der berühmteste Zug fehlt in diesem Lied. Der tägliche Kampf, bei dem alle fallen und abends versöhnt zusammen trinken, steht nicht in der Grímnismál, sondern in Vafþrúðnismál 41. Die achthundert Krieger, die dort aus jeder Tür treten, ziehen gegen den Fenriswolf aus — das ist Ragnarök, nicht der Alltag.
Zwei Lieder, zwei verschiedene Aussagen. Zusammengesetzt hat sie Snorri in der Gylfaginning. Wer heute Walhall beschreibt, beschreibt fast immer seine Fassung, nicht die der Lieder.
Und noch etwas: In der Grímnismál steht Walhall in Glaðsheimr. Asgard kommt, wie gesagt, nicht vor.
Wie man hinkommt
Über die Brücke, die Asgard mit Midgard verbindet. Schon ihr Name ist gespalten.
Die Lieder-Edda nennt sie Bilröst — Grímnismál 44, Fáfnismál 15. Snorri schreibt Bifröst. Bif- wird meist als „beben, schimmern“ gedeutet, Bil- als „kurzer Augenblick“. Die geläufige Übersetzung „bebende Brücke“ folgt damit Snorris Form.
Dass die Brücke bei Ragnarök bricht, steht bereits in Fáfnismál 15 — das ist also nicht Snorris Zutat.
Snorris Zutat sind die drei Farben und Heimdalls Wachdienst. In der Grímnismál 13 wohnt Heimdall in Himinbjörg und trinkt dort Met. Vom Brückenwächter steht dort nichts.
Das Quellenproblem
Zählt man zusammen, ergibt sich ein ungewöhnlich klarer Befund.
Die Lieder-Edda kennt den Namen Asgard zweimal, beide Male im Vorbeigehen, beide Male ohne Ortsangabe. Sie kennt Hallen, aber ordnet sie nicht zu. Sie kennt eine Brücke, aber keinen Wächter. Sie kennt einen Eidbruch und einen erschlagenen Riesen, aber keinen Baumeister.
Asgard als Ort — mit Mauer, Lage, Hallenverzeichnis und Nachbarschaft — ist in der erhaltenen Überlieferung praktisch vollständig Snorris Konstruktion.
Er geht sogar noch weiter. In seinem Prolog, im Schlussteil des Skáldskaparmál und in der Ynglinga saga setzt er Asgard mit Troja gleich und deutet die Asen als Auswanderer aus Kleinasien. Drei Stellen in zwei Werken: kein beiläufiger Einfall, sondern ein durchgehaltener Rahmen. Und christliche Gelehrsamkeit des 13. Jahrhunderts, kein heidnischer Glaube.
Das heißt nicht, dass Snorri sich Asgard ausgedacht hat. Der Name ist älter als er, und die Bauweise der Welt aus Umzäunungen steckt in der Sprache selbst.
Es heißt: Das geordnete Bild — die Götterburg mit benannten Hallen an festen Plätzen — ist eine mittelalterliche Systematisierung. Ob die Menschen der Wikingerzeit sich das so vorstellten, wissen wir nicht.
Asgard und die neun Welten
Die Völuspá spricht von neun Welten. Welche neun, sagt sie nicht — und keine Quelle zählt sie vollständig auf.
Die verbreitete Liste, die in jedem Lexikonartikel und jedem Spiel auftaucht, ist eine neuzeitliche Zusammenstellung aus Handbüchern und Populärliteratur. Kein Quellentext, kein Forschungsergebnis.
Asgard steht in jeder dieser Listen. Aber schon die Frage, ob es eine eigene Welt ist oder ein Ort innerhalb einer Welt, lässt sich aus den Quellen nicht sauber beantworten. Bei Snorri liegt es teils im Himmel, teils erreichbar über eine Brücke von Midgard aus — was schlecht zusammenpasst.
Solche Widersprüche sind kein Mangel der Überlieferung. Sie sind der Normalfall, wenn eine Vorstellungswelt über Jahrhunderte und weite Räume gewachsen ist und erst spät jemand versucht, sie zu ordnen.
Was die Neuzeit daraus gemacht hat
Asgard ist heute wahrscheinlich der bekannteste Ortsname der nordischen Mythologie — nicht wegen der Edda, sondern wegen Marvel.
Das dort gezeigte Asgard ist ein außerirdisches Reich mit Goldarchitektur, die Asen sind hochentwickelte Wesen, die von Menschen für Götter gehalten wurden.
Das ist keine moderne Erfindung. Es ist exakt Snorris Prolog — Wesen, die man für Götter hielt, obwohl sie keine waren —, nur mit Raumfahrt statt Völkerwanderung. Ein christlicher Gelehrter des 13. Jahrhunderts und ein Comicverlag des 20. sind unabhängig voneinander auf dieselbe Lösung gekommen: Man kann heidnische Götter erzählen, wenn man sie zu etwas anderem erklärt.
Auch God of War und Assassin’s Creed Valhalla zeigen eigene Fassungen. Was daran den Quellen entspricht, prüfen wir im Historik-Check.
Quellenlage
Lieder-Edda. Asgard namentlich: Hymiskviða 7, Þrymskviða 18. Hallen und Wohnstätten: Grímnismál 4–17, darunter 9–10 und 23 zu Walhall, 13 zu Himinbjörg, 14 zu Fólkvangr und Sessrúmnir, 24 zu Bilskirnir, 44 zu Bilröst. Täglicher Kampf der Einherjar: Vafþrúðnismál 41. Idavoll: Völuspá 7 und 60. Freyja als Preis, Eidbruch, Thors Schlag: Völuspá 25–26. Bruch der Brücke: Fáfnismál 15.
Snorri. Asgard als Ort, Hallenordnung, Bifröst mit drei Farben und Heimdalls Wache: Gylfaginning 9, 13, 41. Baumeister und Sleipnirs Geburt: Gylfaginning 42. Gleichsetzung mit Troja: Prolog, Schlussteil des Skáldskaparmál, Ynglinga saga 2.
Ausgaben. Edward Pettit (Hrsg.), The Poetic Edda. A Dual-Language Edition, Open Book Publishers, Cambridge 2023 — frei zugänglich. Anthony Faulkes (Hrsg.), Snorri Sturluson: Edda, Viking Society for Northern Research, London 1998–2007 — frei zugänglich. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner, Stuttgart.
Offen. Ob Asgard eine eigene Welt oder ein Ort innerhalb einer Welt ist, ob es im Himmel oder auf der Erde liegt, und welche neun Welten die Völuspá meint — diese Fragen werden hier nicht aufgelöst. Ein sicheres Bild gibt es nicht.