Valhalla

Valhalla

In Strophe 23 des Grímnismál nennt der Dichter eine Zahl: 540 Türen hat die Halle, und durch jede schreiten am Tag von Ragnarök 800 Krieger nebeneinander in die letzte Schlacht. Diese Halle heißt Valhǫll – Valhalla. Schon die schiere Größe, die der unbekannte Dichter dem Bauwerk gibt, zeigt: Hier geht es nicht um ein gemütliches Jenseits. Hier steht ein Heerlager.

Der Name – Halle der Gefallenen oder Fels der Toten?

Valhǫll setzt sich aus zwei altnordischen Wörtern zusammen: valr, „die im Kampf Getöteten“, und hǫll, „Halle“. Wörtlich heißt der Ort also „Halle der Gefallenen“. Der gleiche Wortstamm val- steckt auch in valkyrja, der Walküre – wörtlich „die die Toten wählt“.

Doch ganz sicher ist die Deutung nicht. Ein Teil der Forschung vermutet, das zweite Wortelement gehe auf hallr zurück, „Fels“, und habe ursprünglich keine Halle bezeichnet. Stütze für diese These liefert schwedische Überlieferung: Dort trugen bestimmte Berge, die als Wohnstätten der Toten galten, den Namen Valhall. Möglich also, dass hinter der prächtigen Halle der Edda eine ältere, schlichtere Vorstellung steckt – ein Fels oder Berg der Toten, kein gebautes Haus.

Die Halle in den Liedern der Edda

Das Grímnismál beschreibt Valhalla mit harten, kriegerischen Bildern. Das Dach besteht aus Schilden, die Sparren aus Speeren, auf den Bänken liegen Brünnen statt Decken. Vor der Westtür wacht ein Wolf, darüber kreist ein Adler. Drinnen kocht der Koch Andhrímnir das Tier Sæhrímnir im Kessel Eldhrímnir – ein Wesen, das jeden Abend geschlachtet wird und jeden Morgen wieder lebt, sodass die Krieger nie hungern. Dass es sich dabei um einen Eber handelt, steht allerdings nicht im Lied, sondern erst bei Snorri. Die Ziege Heiðrún steht auf dem Dach und liefert Met vom Baum Læraðr, der niemals versiegt.

Snorri Sturluson beschreibt in seiner Prosa-Edda, dem Gylfaginning, den Alltag der Einherjar, der gefallenen Krieger: Morgens ziehen sie aus und kämpfen gegeneinander, bis der letzte Mann fällt. Abends sind alle Wunden geheilt, und man feiert gemeinsam bei Speise und Met. Odin selbst trägt hier den Beinamen Valföðr, „Vater der Gefallenen“.

Nicht jeder Gefallene kommt nach Valhalla

Valhalla ist kein Jenseits für alle. Das Grímnismál stellt in Strophe 14 klar: Die Göttin Freyja nimmt die Hälfte der im Kampf Gefallenen mit in ihre eigene Halle, Sessrúmnir, im Feld Fólkvangr. Odin bekommt nur die andere Hälfte.

Für die übrigen Todesarten liefert erst Snorri eine geordnete Zuordnung: Wer krank oder alt stirbt, geht zu Hel, in das Reich der gleichnamigen Totengöttin. Dass Ertrunkene in die Netze der Meeresriesin Rán geraten, stammt wiederum aus anderer Überlieferung. Ein einheitliches System ergibt sich daraus nicht – eher mehrere Vorstellungen nebeneinander, die erst im Nachhinein zusammengefügt wurden.

Ein Heer für den Untergang der Welt

Warum sammelt Odin überhaupt Krieger um sich? Nicht aus Großzügigkeit. Er baut sich ein Heer für Ragnarök, den Weltuntergang, auf. Die täglichen Übungskämpfe der Einherjar sind Vorbereitung auf diese letzte Schlacht.

Wer die beiden Zahlen aus Strophe 23 multipliziert, kommt auf 432.000 Krieger. Ob das als Zählung gemeint war oder als eine jener runden Zahlen, die in dichterischer Sprache schlicht „unzählbar“ bedeuten, ist umstritten – die Forschung neigt zur zweiten Lesart.

Das Bittere daran: Odin weiß, dass er selbst und seine gesamte Streitmacht in diesem Kampf untergehen werden. Valhalla ist damit kein Ort der Belohnung im christlichen Sinn, sondern eine Kaserne für eine Schlacht, die von Anfang an verloren ist.

Von der Skaldendichtung zum Streaming-Slogan

Schon lange vor Snorri feierten Skalden, die Hofdichter der Wikingerzeit, tote Könige mit dem Bild der Aufnahme in Valhalla. Das Eiríksmál entstand nach dem Tod Eriks Blutaxt im Jahr 954, das Hákonarmál nach dem Tod Håkons des Guten um 961. Beide beschreiben, wie gefallene Herrscher von Odin und den Einherjar in der Halle willkommen geheißen werden – eine literarische Ehrung, keine neutrale Beschreibung.

In der Gegenwart lebt Valhalla vor allem als Popkultur-Bild weiter: als „Wikinger-Himmel“, oft mit Schildmaiden bevölkert, in Videospielen und Serien verbreitet. Der Kampfruf „Til Valhalla“ klingt alt, ist es aber nicht – er stammt aus dem militärischen Sprachgebrauch des 21. Jahrhunderts und findet sich in keiner altnordischen Quelle. Ob Schildmaiden überhaupt nach Valhalla gelangten, lässt sich aus den Originaltexten nicht belegen.

Quellenlage

Die wichtigsten Zeugnisse zu Valhalla stammen aus der Lieder-Edda, insbesondere aus Grímnismál und Völuspá, überliefert im Codex Regius um 1270, doch mit älterem Stoff im Kern. Snorris Prosa-Edda mit dem Gylfaginning entstand um 1220, rund zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands – Snorri systematisierte vorhandene Vorstellungen und ordnete sie zu einem stimmigen Gesamtbild, was seine Angaben wertvoll, aber auch nachträglich geformt macht.

Die Skaldenlieder Eiríksmál und Hákonarmál sind älter, aus dem 10. Jahrhundert, doch sie dienten der Herrscherverehrung, nicht der neutralen Beschreibung eines Jenseitskonzepts.

Zusammengenommen ergibt sich kein einheitliches, widerspruchsfreies Bild, sondern eine Sammlung poetischer und später systematisierter Vorstellungen, die sich über Jahrhunderte hinweg verändert haben dürften.

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