Walküren – Wählerinnen der Gefallenen

Walküren – Wählerinnen der Gefallenen

Im Jahr 2012 findet ein Hobby-Archäologe auf der dänischen Insel Fünen eine winzige Silberfigur. Nur 3,4 Zentimeter misst sie, vergoldet, mit feinen Niello-Einlagen verziert. Sie zeigt eine Frau, ein Schwert in der einen, einen Schild in der anderen Hand. Das Nationalmuseum Kopenhagen datiert den Fund auf die Zeit um 800 nach Christus. Die Forschung nennt sie die Walküre von Hårby – die erste bekannte dreidimensionale Darstellung dieser Art. Ob die Figur wirklich eine Walküre zeigt, weiß niemand sicher. Sicher ist nur: Kaum ein anderes Wesen der nordischen Mythologie wirft so viele Fragen auf wie diese Frauen, die über Leben und Tod entscheiden.

Der Ursprung des Namens

Das altnordische Wort valkyrja setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Valr bezeichnet die Gefallenen, die Leichen auf dem Schlachtfeld. Der zweite Teil geht auf das Verb kjósa oder kyrja zurück, „wählen“. Zusammen ergibt das: die Wählerin der Gefallenen. Die Wurzel reicht bis ins Urgermanische zurück, zu *walakuzjǭ. Auch das Altenglische kennt ein verwandtes Wort, wælcyrġe. Der deutsche Begriff „Walküre“ ist dagegen jung. Er entsteht erst im 18. und 19. Jahrhundert als gelehrte Lehnbildung aus dem Altnordischen – lange nachdem die Wikingerzeit vorbei war.

Botinnen in Odins Halle

In der Götterlehre der Edda dienen Walküren einem einzigen Herrn: Odin. Sie wählen aus, wer im Kampf sterben soll, und bringen die Auserwählten nach Valhöll, in Odins Halle der Gefallenen. Dort werden die Toten zu Einherjar, zu Kriegern, die auf den letzten großen Kampf warten. Die Walküren bedienen sie – sie reichen Met und Bier. Im Gedicht Grímnismál, Strophe 36, zählt Odin selbst ihre Namen auf. Er nennt Hrist, die Schüttlerin, und Mist, dann elf weitere: Skeggjöld, die Axtzeit, Skögul, Hildr, Þrúðr, Hlökk, Herfjötur, Göll, Geirahöð, Randgríðr, Ráðgríðr und Reginleif. Dreizehn Namen, dreizehn Gesichter eines einzigen Amtes.

Der Webstuhl von Clontarf

Ein zweites Bild der Walküren zeigt sie nicht als Dienerinnen, sondern als Herrinnen des Schicksals. Das Gedicht Darraðarljóð, überliefert in der Njáls saga, Kapitel 157, erzählt in elf Strophen von einem Mann namens Dörruð. Er sieht zwölf Walküren an einem Webstuhl sitzen. Sie weben nicht mit Wolle, sondern mit Menschendärmen. Schwerter dienen als Trittbretter, ein Pfeil als Weberschwert, abgeschlagene Köpfe als Gewichte. Was sie weben, ist der Ausgang der Schlacht von Clontarf im Jahr 1014. Jeder Faden entscheidet, wer fällt und wer überlebt. Das Bild ist grausam und zugleich genau – die Walküren erscheinen hier als Weberinnen des Todes selbst.

Zwischen Tod und Heilung

Walküren sind keine einheitliche Gruppe. Manche töten Krieger ohne Rücksicht. Andere schützen Leben – sie bewahren Schiffe vor dem Untergang und stehen Helden bei, statt sie zu vernichten. Die Sagas nennen solche Figuren heldenhafte Walküren. Sigrdrífa aus dem Sigrdrífumál gehört zu dieser zweiten Gruppe: Sie wird nicht nur mit dem Schlachtfeld verbunden, sondern auch mit Heilung. Diese Doppelrolle macht die Walküre zu einer widersprüchlichen Gestalt – Todesbotin und Beschützerin in einer Person.

Nornen, Dísen und ein Fund ohne Beweis

Die Forschung diskutiert seit Langem, wie eng Walküren mit anderen weiblichen Schicksalswesen verwandt sind, etwa mit den Nornen oder den Dísen, den Ahninnen und Schutzgeistern einer Sippe. Viele der Namen aus Grímnismál dürften nie eigenständige Figuren mit eigener Geschichte gewesen sein, sondern eher poetische Umschreibungen einer einzigen Funktion. Genau diese Unschärfe zeigt sich auch am Fund von Hårby: Die kleine Silberfigur trägt Waffen, aber kein Beiname, keine Inschrift verrät, wen sie darstellt. Die Deutung als Walküre bleibt Interpretation. In der Populärkultur ist die Figur dagegen längst festgeschrieben, spätestens seit Richard Wagners „Walkürenritt“, dem Vorspiel zum dritten Akt seiner Oper Die Walküre, uraufgeführt am 26. Juni 1870 in München. Bis heute markiert die Walküre in Filmen vor allem eines: den Moment männlicher Heldentaten.

Quellenlage

Die Grundlage für das Bild der Walküren bilden vor allem Dichtung und Erzählliteratur. Grímnismál und Sigrdrífumál gehören zur Lieder-Edda, einer Sammlung mythologischer und heroischer Gedichte, die erst im 13. Jahrhundert schriftlich fixiert wurde, wenn auch mit älterem mündlichem Kern. Das Darraðarljóð innerhalb der Njáls saga ist Familiensaga-Literatur, die historische Ereignisse wie die Schlacht von Clontarf literarisch verarbeitet, nicht protokolliert. Beide Quellengruppen erlauben Einblicke in Vorstellungswelten, sind aber keine historischen Berichte. Archäologisch gesichert ist allein der Fund von Hårby als Objekt und seine Datierung um 800 – seine Deutung als Walküre bleibt Sache der Interpretation. Nicht belegt ist dagegen die verbreitete Gleichsetzung von Walküren mit realen Kriegerinnen oder Schildmaiden der Wikingerzeit; dafür liefert keine der genannten Quellen ausreichende Belege.

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