Runeninschriften
- Was „Rune“ ursprünglich bedeutet
- Zahlen, die mit der Definition schwanken
- Die ältesten Belege: Vimose, Meldorf, Svingerud
- Ein Bruchteil des Bestehenden
- Rök und Jelling: die großen Einzeldenkmäler
- Krieger oder Kälte – der ungelöste Streit um den Rök-Text
- Jelling: ein Text ohne Deutungsstreit – aber mit anderen Fragen
- Alltagsschrift statt Zauberschrift
- Was die Lieder-Edda über die Runen sagt
- Tacitus und die Losstäbchen
- Die erfundene Ordnung der Moderne
- Quellenlage
Über 6.400 Runeninschriften zählt eine Tabellenzählung im europäischen Norden – eine andere gängige Angabe kommt nur auf rund 6.000, mit etwa 3.000 Runensteinen allein in Skandinavien.
Die Differenz ist kein Fehler, sondern eine Definitionsfrage: Je nachdem, was als „Inschrift“ und was als „Runenstein“ gilt, verschieben sich die Summen um Hunderte. Schon dieser Streit um Zahlen zeigt, wie wenig selbstverständlich der Umgang mit diesem Material ist – und er beginnt schon beim Wort selbst.
Altnordisch rún bedeutet nicht „Zauberzeichen“, sondern zunächst schlicht „Geheimnis“.
Was „Rune“ ursprünglich bedeutet
Der Plural rúnar geht auf urgermanisch *rūnō zurück, „Geheimnis, Mysterium“. Verwandte Formen finden sich in fast allen germanischen Sprachen: altenglisch rūn, althochdeutsch rūna, gotisch rūna – alle im Bedeutungsfeld „geheimes Wissen, geflüsterter Rat“. Das deutsche Verb „raunen“ gehört in dieselbe Wortsippe.
Für das einzelne Schriftzeichen gab es eine eigene Zusammensetzung, *rūna-stabaz, aus *rūnō und *stabaz („Stab, Buchstabe“). Belegt ist sie als altnordisch rúna-stafr, altenglisch rún-stæf, althochdeutsch rūn-stab. Der „Stab“ trägt hier die Schriftbedeutung, das „Geheimnis“ bleibt daneben stehen.
Wichtig für die Chronologie: Stafr ist das geläufige altnordische Wort für das einzelne Schriftzeichen. Erst später wurde rún zum eigentlichen Terminus für die germanischen Buchstaben. Das Wort wandert also von „Geheimnis“ zu „Schriftzeichen“ – nicht umgekehrt.
Diskutiert werden keltische Parallelen, etwa mittelbretonisch rin, „geheime Weisheit“, und altirisch rún. Ob es sich um echte Kognaten oder um eine frühe Entlehnung ins Germanische handelt, ist ungeklärt. Die Konsequenz bleibt: „Rune“ heißt zunächst „Geheimnis“ oder „Mitteilung“, nicht „Zauberzeichen“.
Zahlen, die mit der Definition schwanken
Eine Tabellenzählung nennt für Schweden 3.432, für Norwegen 1.552, für Dänemark 844 Inschriften – skandinavisch zusammen 5.826, außerskandinavisch über 500, insgesamt über 6.400. Eine andere, ebenfalls gängige Angabe spricht von rund 3.000 Runensteinen in Skandinavien bei insgesamt etwa 6.000 Runeninschriften, mit Schweden je nach Definition zwischen 1.700 und 2.500, Dänemark bei 250, Norwegen bei 50.
Der Grund für die Abweichung liegt nicht in schlechter Forschung, sondern darin, dass „Inschrift“ und „Runenstein“ unterschiedlich abgegrenzt werden. Zählt man jedes geritzte Fragment, kommt man höher; zählt man nur aufgestellte Gedenksteine, kommt man niedriger.
Die große Mehrheit der erhaltenen Runensteine stammt aus der Wikingerzeit. Steine mit Inschriften im älteren Futhark, dem älteren Runenalphabet, gibt es zwar in dreistelliger Zahl – Kylver, Möjbro, Järsberg, Noleby, Tune, Einang und weitere –, gemessen am Gesamtbestand von mehreren tausend Steinen ist ihr Anteil aber verschwindend. Der Großteil des Bestands ist spät.
Standardreferenz der Forschung ist die Datenbank Rundata, die Samnordisk runtextdatabas der Universität Uppsala. Sie geht auf eine schwedische Datenbank von 1986 zurück und wurde ab 1992 auf alle nordischen Inschriften ausgeweitet. Die Signaturen folgen einem festen System: U 88 steht für Uppland, 88. katalogisierter Stein, ebenso Ög für Östergötland, Sö für Södermanland, DR für Dänemark, N B für die Bryggen-Funde in Bergen.
Die ältesten Belege: Vimose, Meldorf, Svingerud
Die drei ältesten diskutierten Fundgruppen liegen zeitlich nah beieinander, sind aber unterschiedlich sicher zu deuten.
Vimose. Die Funde vom Moor auf Fünen in Dänemark gehören zu den ältesten datierbaren Inschriften im älteren Futhark, aus dem 2. bis 3. Jahrhundert. Der Vimose-Kamm, um 160 datiert, gilt als älteste datierbare Runeninschrift überhaupt und trägt das Wort harja. Ob es den Besitzer nennt, „Krieger“ bedeutet oder sich auf den Kamm selbst bezieht, ist umstritten.
Die sichere, geübte Ausführung der Zeichen lässt aber auf eine schon länger bestehende Schriftpraxis schließen. Aus dem Moor stammen insgesamt sechs runentragende Objekte – Kämme, Lanzenspitzen, Ortbänder, ein Hobel, Schnallen –, die als Opfer versenkt und viele davon absichtlich zerbrochen wurden.
Meldorf. Die Meldorf-Fibel bleibt strittig. Ob ihre Zeichen runisch, vorrunisch oder lateinisch sind, ist offen. Klaus Düwel und Michael Gebühr lasen 1981 das Wort hiwi, „für die Gattin“ – eine Deutung unter mehreren, kein gesicherter Befund.
Svingerud. Der jüngste bedeutende Fund kam 2021 in einem Flachgrab bei Tyrifjorden in Norwegen zutage, der sogenannte Hole- oder Svingerud-Stein. 2022 kamen vier zusammenpassende Fragmente hinzu, als Hole 3 bezeichnet.
Verbrannte Knochen und Holzkohle aus der Brandgrube datieren die Ritzung auf die Zeit zwischen 1 und 250 nach Christus – es ist der einzige archäologisch datierte Runenstein vor dem Jahr 300. Acht Runen ergeben die Lesung idiberug, möglich als „für Idibera“, als Idibergu oder als Sippenname Idiberung. Kristel Zilmer vom Kulturhistorischen Museum Oslo legte die Erstauswertung 2023 vor; später zeigte sich, dass das Fragment Teil eines größeren Steins gewesen war.
In Norwegen sind aus der Römischen Eisenzeit und der Völkerwanderungszeit nur etwa 30 Runensteine bekannt. Der Svingerud-Stein ist also nicht nur alt, sondern gehört zu einer ohnehin schmalen Gruppe.
Ein Bruchteil des Bestehenden
Runenfunde sind Ausnahmen, nicht die Regel. Von den Waffen aus den großen Moorfundplätzen trug nur ein winziger Bruchteil überhaupt eine Inschrift – in Illerup etwa zwei von mehreren hundert Lanzen.
Schätzungen gehen von mindestens 40.000 tatsächlich produzierten Inschriften aus, möglicherweise erheblich mehr. Erhalten sind davon gut 6.000 – also selbst im günstigsten Fall deutlich weniger als ein Fünftel, bei höheren Schätzungen ein Bruchteil davon.
Diese Größenordnung verändert das Bild der Runenkunde grundlegend. Was heute vorliegt, ist kein repräsentativer Querschnitt, sondern ein zufällig überlebter Rest – und bei den Materialien, die am ehesten beschrieben wurden, nämlich Holz, ist der Verlust naturgemäß am größten.
Der Runologe Svante Fischer rechnete mit einigen hundert aktiven, schriftkundigen Personen in weiten Teilen der Runenzeit – mit einem Ausschlag nach oben im alemannischen „Runenboom“ des 6. Jahrhunderts, wo bis zu 1.600 Menschen schriftkundig gewesen sein könnten. Runenkunde war über weite Strecken Spezialistenwissen, kein Allgemeingut.
Rök und Jelling: die großen Einzeldenkmäler
Zwei Steine stechen aus dem gesamten Bestand heraus, weil sie außergewöhnlich lang oder außergewöhnlich folgenreich sind.
Der Rökstein, katalogisiert als Ög 136, wurde um 800 von einem Mann namens Varinn für seinen Sohn Vāmōðʀ errichtet. Rund 760 Runen bedecken fünf sichtbare Seiten eines Fünf-Tonnen-Granitblocks von über 2,5 Metern Höhe. Damit ist er die längste bekannte Runeninschrift überhaupt.
Die Nennung mehrerer Könige spricht für eine Oberschichtfamilie, die komplexe Struktur – darunter vier verschiedene Chiffrierungen, sogenannte Geheimrunen – für eine gewollte Exklusivität. Wer den Text lesen konnte, gehörte offenbar zu einem engen Kreis.
Krieger oder Kälte – der ungelöste Streit um den Rök-Text
150 Jahre Forschung haben keine allgemein akzeptierte Deutung erbracht. Ältere Lesarten bezogen eine Passage des Textes auf den Ostgotenkönig Theoderich und sahen darin die Erinnerung an große Kriegstaten. Eine neuere Deutung von Per Holmberg, Bo Gräslund, Olof Sundqvist und Henrik Williams, veröffentlicht 2020 in der Zeitschrift Futhark, liest statt Kriegstaten den Gegensatz von Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Leben und Tod. Die Autoren selbst betonen, dass das Problem damit nicht gelöst ist.
Jelling: ein Text ohne Deutungsstreit – aber mit anderen Fragen
Der Jellingstein DR 42 steht für den umgekehrten Fall: einen Text, dessen Bedeutung unstrittig ist. Harald Blauzahn ließ ihn um 965 für seine Eltern Gorm und Thyra errichten. Der Text lautet: „König Harald ließ diese kumbl machen zum Gedenken an Gorm, seinen Vater, und Thyra, seine Mutter; jener Harald, der sich ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen christlich machte.“ Wegen der Taufaussage wird er oft „Dänemarks Taufschein“ genannt.
Der kleinere, ältere Stein stammt von Gorm selbst. Seine Inschrift nennt Thyra „Dänemarks Zierde“, tanmarkaʀ but – das Epitheton gilt der Königin, nicht dem Stein, und ist eine der wenigen Auszeichnungen dieser Art für eine Frau in der gesamten wikingerzeitlichen Epigraphik.
Er enthält außerdem den ältesten Beleg des Namens Dänemark innerhalb Dänemarks. Älter ist die altenglische Orosius-Übersetzung aus der Zeit Alfreds des Großen, um 890, mit der Form Denemearce.
Wer ritzte den großen Stein? Seit 2023 gibt es darauf eine Antwort. Lisbeth Imer, Laila Kitzler Åhfeldt und Henrik Zedig verglichen per 3D-Scan die Meißelspuren von sieben jütischen Runensteinen und fanden auf dem großen Jellingstein dieselbe Ritztechnik wie auf dem Læborg-Stein – und den hat sein Verfertiger signiert: Ravnunge-Tue.
Das hat eine Nebenwirkung. Wenn derselbe Mann beide Steine ritzte, ist die Thyra des Læborg-Steins vermutlich dieselbe wie die Thyra von Jelling. Damit wäre Thyra auf vier Runensteinen genannt – häufiger als Gorm und Harald zusammen.
Und eine Gegenstimme. Der norwegische Archäologe Håkon Glørstad datiert den großen Stein ins 12. Jahrhundert und schreibt ihn Bischof Absalon zu; sein Hauptargument ist die waagerechte statt senkrechte Zeilenführung. Er hält auch die Ravnunge-Tue-Zuschreibung für methodisch nicht ausreichend offengelegt.
Fairerweise gehört dazu: Dänische Runologen haben Glørstads These öffentlich als absurd zurückgewiesen. Sie steht hier, weil sie existiert und mit Argumenten arbeitet – nicht, weil sie gleichrangig wäre.
Alltagsschrift statt Zauberschrift
Lange war umstritten, ob Runen je für mehr als Namen und feierliche Gedenkformeln benutzt wurden. Die Funde von Bryggen in Bergen widerlegen diese Vorstellung: rund 670 mittelalterliche Runeninschriften auf Holz, meist Kiefer, und auf Knochen, seit 1955 geborgen, viele davon Briefe und alltägliche Nachrichten auf kleinen, leicht transportierbaren Holzstäbchen. Manche Stücke gehören mindestens ins 14. Jahrhundert.
Runen liefen also über Jahrhunderte neben dem lateinischen Alphabet her, als ganz gewöhnliches Schreibwerkzeug.
Zu den Bryggen-Funden zählt auch eine Schutzformel, N B257, um 1335: „Ríst ek bótrúnar, ríst ek bjargrúnar, einfalt við alfum, tvífalt við trollum, þrífalt við þursum“ – „Ich ritze Heilrunen, ich ritze Bergungsrunen, einfach gegen Alben, zweifach gegen Trolle, dreifach gegen Thursen.“ Die Inhalte reichen dabei von Heiligenanrufungen bis zu derben Sprüchen.
Auch als Graffiti tauchen Runen fernab Skandinaviens auf. In der Hagia Sophia finden sich mindestens zwei Runeninschriften auf Marmorbrüstungen. Die erste wurde 1964 entdeckt und von Elisabeth Svärdström 1970 in der Zeitschrift Fornvännen publiziert; erhalten ist nur die Endung -ftan, vermutlich der Name Halfdan aus einer Formel wie „NN ritzte diese Runen“. Eine zweite Inschrift fand Folke Högberg 1975, gelesen als der Name Árni. Die Datierung liegt wohl zwischen 1050 und 1150, mutmaßlich stammen die Ritzungen von Angehörigen der Warägergarde.
In Maeshowe auf Orkney, einem neolithischen Ganggrab, tragen die Wände über 30 Runeninschriften – die größte einzelne Sammlung außerhalb Skandinaviens. Sie stammen aus dem 12. Jahrhundert, von Norwegern eingeritzt, die mit angeblichem Schatzwissen prahlten und sich, salopp gesagt, wie Touristen verhielten.
Über den gesamten Bestand hinweg dominieren wenige Formeltypen: Namen, Besitzvermerke wie „X besitzt mich“ und Gedenkformeln der Art „X ließ diesen Stein errichten zum Gedenken an Y“. Häufig folgt eine Signatur des Ritzers, etwa bei U 678: „… ließen den Stein errichten für Þórðr, ihren Vater. Fótr ritzte die Runen.“ Birgit Sawyer deutet die Steine in ihrer 2000 erschienenen Studie „The Viking-Age Rune-Stones“ wesentlich als Dokumente von Erbe und Besitzansprüchen. Diese Erbthese wird in der Forschung diskutiert, gilt aber nicht als Konsens.
Was die Lieder-Edda über die Runen sagt
Für den Ursprung der Runen ist nicht Snorri Sturluson die zentrale Quelle, sondern die Lieder-Edda. Snorri liefert zu diesem Thema kaum Substanz; die einschlägigen Aussagen stehen in den Liedern, nicht in seiner Gylfaginning. Entsprechende Herkunftserzählungen sollten deshalb nicht ihm zugeschrieben werden.
Das Havamal gliedert sich unter anderem in Loddfáfnismál, Rúnatal und Ljóðatal. Die genaue Strophenzählung schwankt je nach Edition – dieser Artikel folgt der Zählung mit Rúnatal ab Strophe 138 und Ljóðatal ab Strophe 146. Die Uneinheitlichkeit ist ein Grund, warum sich moderne Nacherzählungen in Details unterscheiden.
Strophe 138 berichtet, wie Odin neun Nächte am windigen Baum hängt, vom Speer verwundet, sich selbst geweiht. Strophe 139 schließt an: Nam ek upp rúnar, æpandi nam, fell ek aftr þaðan – er nahm die Runen auf, schreiend nahm er sie, und fiel zurück.
Der Wortlaut trägt eine Doppeldeutigkeit in sich: nema kann „lernen“ ebenso bedeuten wie „aufheben, an sich nehmen“. Ob Odin die Runen also erlernt oder ergreift, lässt der Text offen.
Strophe 157, der zwölfte der Zaubersprüche im Ljóðatal, schreibt den Runen die Kraft zu, einen Gehängten zum Sprechen zu bringen. Die Rígsþula erzählt einen ganz anderen Ursprung – dort geht es darum, wie Menschen das Runenwissen erlernen, nicht darum, wie es in die Welt kommt.
Ein seltener Fall verbindet Dichtung und Stein direkt: Die Sparlösa-Inschrift aus dem 9. Jahrhundert enthält den Satz „Ok rað runaʀ þaʀ rægi[n]kundu“ – „und deute die Runen göttlichen Ursprungs“. Havamal 80 nennt die Runen mit demselben Wort, reginkunnr, „von den Göttern stammend“. Ähnlich formuliert es der Noleby-Stein aus der Zeit um 600: „runo fahi raginakundo“.
Das ist der seriöseste Brückenbeleg zwischen der Runenpraxis auf Stein und dem Götterbezug der Dichtung – kein Beweis für Zauberei, aber ein Beleg dafür, dass die Formel selbst alt und breit verwendet war.
Tacitus und die Losstäbchen
Für eine Verwendung der Runen zur Wahrsagerei gibt es keinen direkten historischen Beleg. Eine Stelle wird dagegen regelmäßig angeführt, und sie verdient eine genaue Antwort, weil sie in jedem Esoterikbuch steht.
Tacitus, Germania 10, um 98 nach Christus. Er beschreibt ein germanisches Losorakel: Ein Zweig eines fruchttragenden Baumes wird in Stäbchen zerteilt, diese werden mit „bestimmten Zeichen“ versehen, aufs weiße Tuch geworfen und anschließend vom Priester oder vom Hausvater gedeutet.
Warum das kein Beleg für ein Runenorakel ist, lässt sich in drei Punkten sagen.
Erstens die Zeit. Tacitus schreibt rund sechzig Jahre vor der ältesten datierbaren Runeninschrift, dem Vimose-Kamm um 160.
Zweitens der Wortlaut. Tacitus nennt die Zeichen nicht Buchstaben und beschreibt keine Schrift. Notae können Kerben, Markierungen oder Eigentumszeichen sein.
Drittens die Perspektive. Tacitus schrieb in Rom, ohne eigene Anschauung, über Völker, die er nie besucht hatte.
Dass Germanen Lose warfen, ist damit gut bezeugt. Dass sie dafür Runen benutzten, ist es nicht.
Die erfundene Ordnung der Moderne
Was sich dagegen genau belegen lässt, ist der Entstehungsweg des modernen Systems, das heute unter „Runenorakel“ verkauft wird.
Das Ljóðatal, der Schlussteil des Havamal, zählt achtzehn Zaubersprüche auf. Guido von List leitete daraus seine achtzehn sogenannten „Ur-Runen“ ab.
Der mittelalterliche Text selbst ordnet aber keinem dieser Sprüche eine bestimmte Rune zu. Die Zuordnung stammt allein von List, nicht von der Quelle.
Moderne Rune-Sets projizieren damit eine Ordnung in einen Text, der sie gar nicht enthält. Das Havamal beschreibt Zaubersprüche, aber keine Zuordnungstabelle – die Tabelle ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts, keine Überlieferung.
Quellenlage
Lieder-Edda. Der Ursprung der Runen steht im Havamal, aufgeteilt in Loddfáfnismál, Rúnatal und Ljóðatal; die Strophenzählung ist editionsabhängig. Zentral sind Strophe 138 (Odins Selbstopfer am Baum), Strophe 139 (Nam ek upp rúnar), Strophe 157 (die Galgenrune, zwölfter Spruch des Ljóðatal) und Strophe 80 (die Bezeichnung reginkunnr). Die achtzehn Sprüche des Ljóðatal sind die Vorlage für Guido von Lists Runenreihe. Die Rígsþula liefert eine eigenständige Erzählung vom Erlernen, nicht vom Ursprung der Runen.
Runensteine und Epigraphik. Rökstein (Ög 136), die beiden Jellingsteine (DR 42 und der ältere Stein Gorms), Sparlösa-Inschrift aus dem 9. Jahrhundert, Noleby-Stein um 600, Vimose-Kamm um 160 mit harja, Svingerud- oder Hole-Stein mit der Lesung idiberug, U 678 mit Ritzersignatur, Bryggen-Inschrift N B257 mit der Schutzformel. Diese Funde sind archäologisch geborgen und philologisch gelesen, nicht literarisch erzählt.
Antike Nebenquelle. Tacitus, Germania 10, zum germanischen Losorakel – älter als jede datierbare Runeninschrift und ohne Aussage über Schrift.
Forschungsliteratur. Birgit Sawyer, „The Viking-Age Rune-Stones“, 2000, zur Erbschaftsdeutung. Per Holmberg, Bo Gräslund, Olof Sundqvist und Henrik Williams, 2020 in Futhark (Bd. 9–10), zur Licht-Dunkel-Deutung des Rökstein-Textes. Klaus Düwel und Michael Gebühr, 1981, zur Meldorf-Fibel. Elisabeth Svärdström, 1970 in Fornvännen, zur ersten Hagia-Sophia-Inschrift. Kristel Zilmer zur Erstauswertung des Svingerud-Steins, 2023. Lisbeth M. Imer, Laila Kitzler Åhfeldt und Henrik Zedig, „A lady of leadership: 3D-scanning of runestones in search of Queen Thyra and the Jelling Dynasty“, Antiquity 2023, zur Zuschreibung an Ravnunge-Tue; Gegenposition von Håkon Glørstad im Jahrbuch Viking, von dänischen Runologen zurückgewiesen. Svante Fischer zur Zahl der Schriftkundigen.
Datenbank. Rundata, die Samnordisk runtextdatabas der Universität Uppsala, ursprünglich 1986 als schwedische Datenbank angelegt und ab 1992 auf alle nordischen Inschriften ausgeweitet. Ihre Siglen – U für Uppland, Ög für Östergötland, Sö für Södermanland, DR für Dänemark, N B für Bryggen – sind der Standard.
Offen. Die genaue Bedeutung von harja, die konkurrierenden Deutungen des Brakteaten-Worts alu als „Bier, Ritualtrunk“ oder „Schutz“, die exakte Gesamtzahl der Inschriften und der volle Sinn des Rökstein-Textes.
Noch zu prüfen. Die genaue Fundstatistik zu den Illerup-Lanzen, die Publikationsangabe zur Svingerud-Erstauswertung und die Herleitung der Schätzzahlen zur Gesamtproduktion von Runeninschriften sollten vor einer Zitierung am Originalbeleg verifiziert werden.