Stell dir einen Wächter vor, der nie die Augen schließt. Der jedes Blatt wachsen hört, jeden Schritt in neun Welten spürt. Das ist Heimdall.
Er steht an der Bifröst, der Regenbogenbrücke. Sie führt nach Asgard, der Burg der Götter. Niemand kommt vorbei, ohne dass Heimdall es weiß. Seine Sinne übertreffen alles Menschliche. Er braucht kaum Ruhe. Die Nacht kennt für ihn keine Dunkelheit.
Immer trägt er sein Horn bei sich: Gjallarhorn. Ein einziger Stoß hinein, und alle Welten hören den Klang. Dieser Ton bedeutet nur eines: Ragnarök beginnt. Der Untergang der Götter. Heimdall wird ihn blasen, sobald die erste Gefahr naht.
Familie – Das Kind von neun Müttern
Heimdalls Herkunft ist außergewöhnlich, selbst unter Göttern: Der Überlieferung nach wurde er von neun Schwestern geboren, den Töchtern des Meeresriesen Ägir – die personifizierten Meereswellen. Genährt von der Kraft der Erde, der Kälte des Meeres und dem Blut eines geopferten Ebers, kam er als Wächter zur Welt. Seine Zähne sollen aus Gold gewesen sein, weshalb er auch Gullintanni, „Goldzahn“, genannt wurde, und er ritt auf einem Pferd namens Gulltoppr. Sein Gehör übertraf das jedes anderen Wesens: Er konnte, so heißt es, Gras auf der Erde wachsen hören und Wolle auf dem Rücken eines Schafes. (Quelle: Lieder-Edda, Völuspá hin skamma; Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
Rig und die drei Stände der Menschen
Manche alten Geschichten erzählen noch mehr über ihn. Sie machen ihn zum Vater der Menschheit. Als Wanderer unter dem Namen Rig soll er einst über die Erde gezogen sein. In drei Häusern kehrte er ein und blieb jeweils drei Nächte, und aus jedem dieser Besuche ging neun Monate später ein Sohn hervor. Beim ärmsten Paar entstand Thräll, der Stammvater der Knechte; beim Bauernpaar entstand Karl, der Stammvater der freien Bauern; und beim wohlhabendsten Paar entstand Jarl, der Stammvater des Adels, den Rig später selbst in den Kampf und die Runenkunst einweihte. So gründete Heimdall die drei Stände der Menschen und wurde zum Ursprung menschlicher Ordnung. (Quelle: Lieder-Edda, Rígsþula)
Der Streit um das Brísingamen
Eine weitere Geschichte, die vor allem aus dem alten Skaldengedicht Húsdrápa bekannt ist, erzählt von einem Kampf zwischen Heimdall und Loki um das Brísingamen, das kostbare Halsband der Göttin Freyja. Loki hatte das Schmuckstück gestohlen, und Heimdall nahm die Verfolgung auf. Beide verwandelten sich in Robben und rangen an einem Felsen im Meer miteinander, bis Heimdall siegte und das Halsband zu Freyja zurückbrachte. Diese Episode gilt als früher Beleg für die tiefe Feindschaft zwischen den beiden Göttern, die erst in Ragnarök ihr endgültiges Ende finden sollte. (Quelle: Húsdrápa, überliefert bei Snorri Sturluson, Skáldskaparmál)
Das letzte Gefecht
In Ragnarök trifft Heimdall auf Loki, seinen ewigen Feind. Zwei Gegner, die sich seit jeher hassen. Sie kämpfen bis zum bitteren Ende. Keiner überlebt. Beide töten sich gegenseitig.
Ein Wächter, der niemals ruht – und der genau weiß, dass sein letzter Kampf ihn das Leben kosten wird. Trotzdem hält er die Stellung. Bis heute steht Heimdall für eine Wahrheit, die uns vertraut vorkommt: Wache halten heißt, den eigenen Untergang zu kennen und trotzdem nicht zu weichen. (Quelle: Lieder-Edda, Völuspá; Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
Quellenlage
Heimdalls ungewöhnliche Geburt aus neun Müttern ist im Eddalied Völuspá hin skamma überliefert. Die Geschichte von Rig und den drei Ständen der Menschen stammt aus dem Eddalied Rígsþula. Der Kampf um das Brísingamen ist vor allem durch das alte Skaldengedicht Húsdrápa und Snorri Sturlusons Skáldskaparmál bekannt, sein Tod im Kampf gegen Loki durch Völuspá und Snorris Gylfaginning (13. Jahrhundert). Da diese Überlieferung erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurde, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.




