Der Fluch des Rings Andvaranaut

Der Fluch des Rings Andvaranaut

Ein schmaler Goldreif. Kaum grösser als ein Fingerglied. Und doch tötet er jeden, der ihn besitzt. Sein Name: Andvaranaut – „Andvaris Gabe“. Er ist der berühmteste verfluchte Gegenstand des Nordens, geboren im Zwielicht eines Wasserfalls.

Die Geschichte steht in der Lieder-Edda, im Reginsmál, bei Snorri im Skáldskaparmál und in der Völsunga saga. Sie beginnt mit einem Mord. Odin, Hœnir und Loki erschlagen Ótr, den Sohn Hreidmars. Ótr schlief in Gestalt eines Otters am Fluss – die drei Götter erkennen ihn nicht. Hreidmar verlangt Wergeld, die alte Sühne für Totschlag: Das Fell seines Sohnes muss mit Gold gefüllt und vollständig bedeckt werden.

Der Raub und der Fluch

Loki holt das Gold auf seine Art. Mit dem Netz der Meeresgöttin Rán fängt er den Zwerg Andvari, der als Hecht im Wasser lebt. Er presst ihm den ganzen Schatz ab – bis auf einen letzten Ring. Genau den will Loki auch noch. Es ist Andvaranaut, ein Ring, der Gold anzieht und vermehrt. Loki reißt ihn dem Zwerg vom Finger.

Da spricht Andvari seinen Fluch. Ring und Hort, sagt er, sollen jedem Besitzer den Tod bringen. Kein leeres Wort – der Fluch wirkt sofort und ohne Ausnahme.

Eine Blutspur durch drei Generationen

Odin selbst will den Ring behalten. Er bedeckt das Fell mit dem ganzen Gold – bis auf ein einziges Barthaar, das noch sichtbar bleibt. Also muss auch der Ring drauf. Odin verliert ihn an Hreidmar. Der Fluch beginnt zu arbeiten.

Fáfnir, Hreidmars eigener Sohn, ermordet seinen Vater für den Schatz. Aus Gier und Angst verwandelt er sich in einen Drachen und bewacht das Gold fortan auf der Glitzerheide. Jahre später erschlägt ihn der Held Sigurd. Mit letztem Atem warnt der sterbende Wurm: Auch Sigurd wird das Gold ins Verderben reißen.

Die Warnung verhallt. Der Ring wandert weiter zu Brynhild, zu Gudrun – und am Ende sterben Gudruns eigene Brüder in der Halle des Königs Atli. Kurz vorher wickelt jemand den Ring in Wolfshaar, als letztes, ungehörtes Zeichen der Gefahr. Es hilft nichts. Die Gier ist stärker als jede Warnung.

Stein gewordene Sage

Diese Geschichte war keine spätere Erfindung. Wikinger kannten und erzählten sie. Beweis dafür sind die Sigurd-Steine im Osten Schwedens. Die berühmteste, die Ramsund-Ritzung aus der Zeit um 1030, zeigt die ganze Szene in Stein gemeisselt: den Drachen, das Herz, den Hort.

Jahrhunderte später greift Richard Wagner den Stoff auf und formt daraus seinen Ring-Zyklus. Manche ziehen eine Linie bis zu Tolkiens Ring der Macht. Bewiesen ist das nicht – nur eine Deutung, die sich hartnäckig hält.

Die Alten aber wussten es besser, ohne große Worte. Nicht das Gold tötet. Die Gier tut es.

Quellenlage

Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.

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