Sigurd und die Walküre Brynhild
Ein Feuer brennt auf dem Berg. Seine Glut leckt bis zum Himmel hinauf. Sigurd reitet den Hindarfjall hinan und sieht dieses Licht schon von weitem. Er denkt an Beute. Er findet etwas anderes.
Hinter einer Mauer aus Schilden liegt eine Gestalt. Volle Rüstung, tiefer Schlaf. Sigurd tritt näher, nimmt den Helm ab, schneidet die Brünne mit seinem Schwert Gram auf. Da erwacht sie – eine Frau. Keine gewöhnliche: eine Walküre, eine Kriegerin im Dienst Odins, die einst Krieger zum Sieg oder in den Tod führte.
Diese hier hat sich Odin widersetzt. Sie schenkte den Sieg einem anderen Krieger, nicht Hjálmgunnar, dem Odin ihn versprochen hatte. Dafür bezahlte sie einen hohen Preis: einen Schlafdorn, der sie in ewigen Schlummer zwang. Nie wieder sollte sie einen Sieg entscheiden. Stattdessen wartete die Ehe auf sie. Doch sie schwor einen eigenen Eid: Nur ein Mann ohne Furcht sollte sie wecken und nehmen.
Kein Liebeslied, sondern eine Lehrstunde
Was jetzt geschieht, ist keine Romanze. Es ist Unterricht. Die erwachte Frau gibt Sigurd Runenmagie mit auf den Weg, dazu Weisheitssprüche fürs Leben. Sie teilt ihr Wissen nicht mit jedem. Nur wer durchs Feuer reitet, verdient es.
Doch die Geschichte endet nicht hell. Ein Trank löscht Sigurds Erinnerung. Eine falsche Ehe folgt, ein Betrug bei der Werbung um eine andere Frau, dann Verrat. Am Ende steht Brynhild an Sigurds Scheiterhaufen – und stirbt.
Was die Quellen wirklich sagen
Ein Blick in die Überlieferung zeigt Lücken. Der Schluss des Liedes fehlt im Codex Regius, der wichtigsten Handschrift. Spätere Papierabschriften füllen die Lücke – wir wissen nicht genau, wie treu. Auch die Gleichsetzung von Sigrdrífa, der Walküre aus dem Lied, mit Brynhild bleibt unsicher.
Bilder von Sigurd finden sich schon ab dem 11. Jahrhundert auf Steinen. Die Erweckungsszene selbst aber fehlt dort fast völlig. Das Bild, das wir heute im Kopf haben – die schlafende Walküre im Feuerkreis – stammt vor allem von einem: Richard Wagner und seiner Brünnhilde.
Am Ende bleibt ein einfacher Kern. Eine Frau bricht den Willen eines Gottes und zahlt mit ihrem Schlaf. Ein Mann reitet durchs Feuer, um Weisheit zu empfangen. Beide fallen nicht durch Schwäche – sie fallen an dem, was sie vergessen haben.
Quellenlage
Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.