Hermóds Ritt nach Hel
Ein Gott stirbt. Die anderen Götter schweigen. Kein Schwert hilft hier, keine List. Baldr, der Strahlende, liegt tot – und plötzlich wissen selbst die mächtigsten Asen nicht weiter.
Erst nach diesem Schweigen findet Frigg ihre Stimme wieder. Sie stellt eine Frage, die alles verändert: Wer reitet nach Hel und bietet der Totenherrin ein Lösegeld für Baldr? Wer das wagt, gewinnt „all ihre Liebe und Gunst“. Hermóðr steht auf. Er sattelt Sleipnir, Odins achtbeiniges Pferd, und reitet los.
Neun Nächte in die Dunkelheit
Neun Nächte lang reitet Hermóðr durch Täler. Die Quelle beschreibt sie als „so tief und dunkel, dass er nichts sah“. Kein Licht, kein Weg, nur der Hufschlag von Sleipnir im Nichts. Dann hört er ein Rauschen: der Fluss Gjǫll. Vor ihm liegt eine Brücke, gedeckt mit schimmerndem Gold. Ihr Name: Gjallarbrú.
Eine Wächterin bewacht sie: Móðguðr. Sie durchschaut Hermóðr sofort. Die Brücke dröhnt unter seinen Hufen lauter als unter fünf ganzen Scharen von Toten. Und seine Farbe – das ist nicht die Farbe eines Verstorbenen. Móðguðr weiß: Hier reitet ein Lebender. Sie weist ihm den Weg. Er führt abwärts. Und nach Norden, tiefer ins Reich der Toten.
Der Sprung über das Gitter
Hermóðr erreicht das Gitter, das Hels Reich umschließt. Er steigt ab, zieht den Sattelgurt fest, setzt sich wieder auf – und Sleipnir springt. Ein Sprung über das gesamte Tor, hinein in die Halle der Toten.
Dort sitzt Baldr. Auf dem Ehrenhochsitz, mitten unter den Toten. Hermóðr trifft ihn und nennt Hels Preis: Baldr darf zurückkehren, wenn wirklich alles, was lebt und was tot ist, um ihn weint. Kein einziges Wesen darf trocken bleiben.
Baldr gibt Hermóðr Geschenke mit auf den Rückweg. Den Ring Draupnir für Odin. Seine Frau Nanna schickt ein Leinengewand für Frigg und einen Fingerring für Fulla.
Eine Träne fehlt
Die Botschaft geht durch alle Welten. Und tatsächlich: Alles weint. Steine weinen, Bäume weinen, jedes Tier weint. Nur eine Riesin nicht. Ihr Name: Þökk. Viele halten sie für Loki, verkleidet, ein letztes Mal. Þökk weigert sich zu weinen. Und weil eine einzige Träne fehlt, bleibt Baldr bei Hel. Für immer.
Diese Geschichte stammt von Snorri Sturluson, aus der Gylfaginning, Kapitel 49, geschrieben im 13. Jahrhundert. Ob Hermóðr wirklich ein Gott war oder nur ein Held der Sage, bleibt umstritten. Der Forscher Rudolf Simek sagt: Ein Gott ist er „nur in Snorris Version“.
Vielleicht liegt genau darin die Lehre dieser Sage. Manchmal reicht aller Mut der Welt nicht aus. Manchmal fehlt am Ende nur eine einzige Träne – und das Schicksal bleibt, wie es ist.
Quellenlage
Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.