Freyrs Werbung um Gerd
Ein Gott setzt sich auf einen Thron, der ihm nicht gehört. Freyr klettert auf Hliðskjálf, Odins Hochsitz. Von dort sieht man alle neun Welten. Freyr blickt nach Norden, nach Jötunheim, dem Land der Riesen. Eine Frau tritt aus der Halle ihres Vaters Gymir. Sie hebt die Arme. Licht ergießt sich über Himmel und Meer. Ihr Name: Gerðr, eine Riesentochter. Von diesem Moment an isst Freyr nichts mehr. Er spricht nicht. Er schläft nicht.
Ein Diener, ein Schwert, ein Ritt in die Riesenwelt
So beginnt das Skírnismál – das fünfte Lied der Lieder-Edda, mündlich überliefert, im 13. Jahrhundert erstmals niedergeschrieben. Freyrs Vater Njörðr schickt den Diener Skírnir los, um für seinen Sohn zu werben. Der Preis ist hoch: Freyr gibt sein Schwert her, das ganz allein gegen Riesen kämpft. Dazu ein Ross, das durch Flammen trägt.
Was dann passiert, ist keine Liebesgeschichte. Es ist ein Handel, der zur Erpressung wird. Skírnir bietet Gerðr elf goldene Äpfel an. Sie lehnt ab. Er bietet den Ring Draupnir, der sich jede neunte Nacht selbst vermehrt. Sie lehnt wieder ab – im Haus ihres Vaters fehlt es an nichts.
Da ändert Skírnir seinen Ton. Er zieht die Klinge. Er spricht einen Fluch. Er schwingt den Zauberstab. Er malt Gerðr aus, was sie erwartet: Einsamkeit, Ekel, Sehnsucht, die nie gestillt wird. Erst jetzt gibt sie nach. Sie nennt einen Ort – den Hain Barri – und eine Frist: neun Nächte. Freyr wartet zurückgeblieben und klagt: Eine einzige Nacht fühlt sich für ihn länger an als ein ganzer Monat.
Der wahre Preis zeigt sich erst später
Freyr bekommt seine Braut. Doch die Rechnung für das Schwert zahlt er zweimal. Erst erschlägt er den Riesen Beli waffenlos, nur mit einem Hirschgeweih – es geht gerade noch gut. Dann kommt Ragnarök, der Weltuntergang. Der Feuerriese Surtr zieht aus dem Süden heran. Freyr steht ihm gegenüber – ohne die Klinge, die für eine einzige Nacht Begehren zurückblieb.
Die Namen im Lied sind kein Zufall. Gerðr heißt sinngemäß „die Umzäunte“ – das eingehegte Feld. Skírnir bedeutet „der Glänzende“. Manche Forscher lesen darin einen alten Fruchtbarkeitsmythos, eine heilige Hochzeit zwischen Gott und Land. Andere sehen Herrschaftsideologie, wieder andere schlicht Gewaltdichtung. Einig ist sich die Forschung in einem Punkt nicht – doch die Rechnung im Lied selbst bleibt klar: Begehren jetzt, Waffe fort, Untergang später.
Quellenlage
Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.