Der Tod Baldurs

Der Tod Baldurs

Baldr träumt seinen eigenen Tod. Nacht für Nacht dasselbe Bild, immer und immer wieder. Was tut ein Vater, wenn sein Sohn im Traum stirbt – und die Angst bleibt, dass der Traum bald Wahrheit wird? Odin steigt auf sein Pferd Sleipnir und reitet hinab nach Hel, dem Totenreich. Er weckt eine tote Seherin auf. Er will wissen, was er am meisten fürchtet.

Ein Eid mit einer Lücke

Frigg, Baldrs Mutter, handelt sofort. Sie lässt jedes Ding auf der Welt schwören: Niemals soll es ihrem Sohn schaden. Feuer schwört. Wasser schwört. Eisen schwört. Nur eines übersieht sie – die Mistel. Zu jung, zu klein, zu unbedeutend für einen Eid.

Die Götter feiern das Wunder mit einem Spiel. Sie schleudern Waffen auf Baldr, zum Spaß, und alles prallt einfach ab. Kein Schwert schneidet ihn. Kein Speer trifft. Baldr steht da, unverwundbar, und lacht.

Loki sieht genauer hin. Er findet die Lücke. Er reicht dem blinden Gott Hǫðr einen Zweig aus Mistelholz und führt heimlich seine Hand. Hǫðr wirft. Baldr fällt.

Das Feuer am Strand

Am Meer liegt Baldrs Schiff, die Hringhorni, viel zu schwer, um sie allein ins Wasser zu schieben. Die Götter brauchen Hilfe. Sie holen die Riesin Hyrrokkin. Sie kommt auf einem Wolf geritten, Schlangen als Zaumzeug. Ein Stoß von ihr – das Schiff gleitet ins Wasser, Funken sprühen, die Erde bebt.

Nanna, Baldrs Frau, sieht ihn tot vor sich liegen. Ihr Herz bricht auf der Stelle. Sie stirbt an ihrem Schmerz. Thor weiht den Scheiterhaufen mit seinem Hammer Mjölnir. Ein Zwerg namens Litr kommt zu nah – er stolpert in die Flammen und verbrennt mit. Odin legt seinen goldenen Ring Draupnir zu seinem toten Sohn. Ein letztes Geschenk.

Neun Nächte ohne Licht

Hermóðr, ein weiterer Sohn Odins, reitet neun Nächte durch dunkle Täler, in denen kein Licht scheint. Sein Ziel: die Brücke Gjallarbrú, der Eingang zur Totenwelt. Er bittet Hel, Baldr freizulassen.

Hel macht ein Angebot: Weint die ganze Welt um Baldr – jedes Wesen, jedes Ding – dann darf er zurückkehren. Und tatsächlich: Alles weint. Steine weinen. Bäume weinen. Menschen und Götter weinen.

Nur eine Riesin nicht. Sie heißt Þökk. Sie sagt kalt: „Hel behalte, was sie hat.“ Jeder erkennt sofort, wer sich hinter ihr verbirgt: Loki.

Was zu klein schien

So bleibt der Beste unter den Toten. Nicht Kraft hat ihn getötet. Nicht ein Schwert, nicht ein Riese. Das Übersehene hat ihn getötet – das, was niemand für gefährlich hielt.

Váli, in einer einzigen Nacht gezeugt und an einem einzigen Tag erwachsen, rächt später seinen Bruder. Aber Rache bringt niemanden zurück. Erst nach Ragnarök, wenn die Welt neu entsteht, kehren Baldr und Hǫðr gemeinsam zurück – versöhnt, in einer erneuerten Welt.

Vielleicht liegt genau darin die Lehre: Das Größte fällt oft nicht durch das Große. Es fällt durch das, was wir für zu klein halten, um hinzusehen.

Quellen: Gylfaginning 49–50, Baldrs draumar, Völuspá, Húsdrápa (ca. 985). Saxo Grammaticus erzählt eine andere Version: dort ist Baldr ein Krieger, der an einer Wunde stirbt.

Quellenlage

Diese Erzählung ist vor allem durch die Lieder-Edda und Snorri Sturlusons Prosa-Edda überliefert. Wie bei allen mündlich tradierten Mythen wurde der Stoff erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung schriftlich fixiert, weshalb spätere Einflüsse und abweichende Fassungen in der Überlieferung nicht auszuschließen sind.

← Vorheriger Artikel Der Raub von Thors Hammer Nächster Artikel → Ragnarök – Das Schicksal der Götter