Erik der Rote

Erik der Rote

Zweimal verlor er seine Heimat. Zweimal schuf er sich eine neue.

Stell dir vor: Du wirst aus deinem Land geworfen – nicht einmal, sondern zweimal. Die meisten Menschen würden aufgeben. Erik der Rote gründete stattdessen ein neues Land und gab ihm einen Namen, der Siedler anlockte.

Ein Erbe aus Blut und Verbannung

Eiríkr rauði Þorvaldsson kam um 950 in Rogaland zur Welt, im Westen Norwegens. Sein Vater Thorvald Ásvaldsson trug eine dunkle Geschichte mit sich: Um 960 verbannte man ihn wegen mehrerer Totschläge aus Norwegen. Er nahm seinen Sohn und floh nach Nordwest-Island. Kein Hof wartete dort auf sie. Nur ein Muster wartete – eines, das sich wiederholen sollte.

Um 982 traf Erik dasselbe Urteil wie einst sein Vater: drei Jahre Verbannung, diesmal aus Island. Doch er verschwendete die Zeit nicht mit Trauer. Er nutzte sie, um Grönland zu erkunden.

Küstenlinien statt Grenzen

Wo andere nur das Ende der Welt sahen, sah Erik Küsten ohne Namen. Drei Winter lang segelte er an Fjorden entlang und taufte sie – einen nach dem anderen. Dem ganzen Land gab er schließlich seinen schönsten Namen: Grænland, Grünland. Die Saga verrät den Trick dahinter: Ein guter Name lockt Siedler an. Und er hatte recht. Fünfundzwanzig bis dreißig Schiffe stachen in See, um seinem Ruf zu folgen. Nur vierzehn erreichten das Ziel. Die See forderte den Rest.

Brattahlíð – der steile Hang

Am Ende des Tunulliarfik-Fjords baute Erik seine Siedlung: Brattahlíð, „der steile Hang“. Die Ruinen stehen noch heute. Seit 2017 zählt der Ort zum UNESCO-Weltkulturerbe. Archäologen fanden Spuren von drei Kirchen. Die älteste trug den Namen seiner Frau: Þjóðhild. Unter dem Gras entdeckte man eine kleine Torfkirche und rund 150 Gräber – stumme Zeugen eines Lebens, das hier Wurzeln schlug.

Þjóðhild und die Kinder

Erik war mit Þjóðhild verheiratet, Tochter eines isländischen Häuptlings. Die Ehe brachte mehrere Kinder hervor, die selbst zu bekannten Namen der Wikingerzeit wurden: die Söhne Leif, Thorvald und Thorstein sowie die Tochter Freydís. Als das Christentum nach Grönland kam, ließ sich Þjóðhild taufen und ließ die kleine Kirche errichten, die noch heute ihren Namen trägt – Erik selbst blieb der Überlieferung nach zeitlebens bei den alten Göttern. Diese Glaubensspaltung innerhalb der eigenen Familie, so berichtet es die Saga, sorgte für Spannungen zwischen den Eheleuten.

Zwei Sagas, ein Leben

Was wir über Erik wissen, stammt vor allem aus zwei isländischen Sagas, die gemeinsam als „Vinland-Sagas“ bekannt sind: der Eiríks saga rauða („Saga von Erik dem Roten“) und der Grænlendinga saga („Saga der Grönländer“). Beide entstanden erst im 13. Jahrhundert, rund 200 bis 300 Jahre nach den geschilderten Ereignissen, und wurden zunächst mündlich überliefert, bevor sie schriftlich festgehalten wurden. Die beiden Texte widersprechen sich in etlichen Details – etwa bei der Reihenfolge der Grönlandexpeditionen und der Frage, wer als Erster die Küste Nordamerikas sichtete. Historiker lesen sie deshalb nicht als exakten Bericht, sondern als literarisch geformte Erinnerung an eine reale Siedlungsgeschichte.

Das Zeichen, das er nicht ignorierte

Nach Vinland, das sein Sohn Leif später entdeckte, kam Erik nie. Als Leif zur Abreise aufbrach, stürzte sein Pferd. Erik deutete das als Warnung der Götter und blieb zurück. In jenem Winter starb er.

Kein Grab erinnert an ihn. Kein Datum steht in den Büchern. Kein Gedicht besingt sein Ende. Geblieben ist nur ein Land – und der Name, den ein verbannter Mann ihm gab, um andere zum Bleiben zu bewegen. Diesen Namen trägt Grönland bis heute.

Quellenlage

Die historischen Angaben zu Erik dem Roten stützen sich in erster Linie auf die Eiríks saga rauða und die Grænlendinga saga, die beiden isländischen „Vinland-Sagas“ aus dem 13. Jahrhundert. Beide entstanden erst Jahrhunderte nach den geschilderten Ereignissen und widersprechen sich in mehreren Details, weshalb die Forschung sie als literarisch geformte Erinnerung und nicht als exakte Chronik behandelt. Ergänzt werden die schriftlichen Quellen durch archäologische Funde in Brattahlíð, darunter die Ruinen der Þjóðhildskirche und rund 150 Gräber, die zumindest die Grundzüge der Grönlandsiedlung historisch untermauern.

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