Midgard
Ein Runenstein in Fyrby, Södermanland, trägt eine kurze, fast beiläufige Inschrift: „a : miþkarþi“ – „á Miðgarði“, „in Midgard“. Zwei Söhne ließen den Stein setzen, um sich zu rühmen: Sie seien die runenkundigsten Männer „in Midgard“. Keine Götter, keine Weltenschlange, kein Weltuntergang – nur zwei Söhne, die mit ihrem Wissen prahlen. Das Wort für die Welt der Menschen war offenbar so alltäglich, dass man es auf Stein für die Nachwelt festhielt.
Ein Wort wandert durch die Sprachen
Midgard, altnordisch Miðgarðr, setzt sich aus zwei Teilen zusammen: mið heißt „Mitte“, garðr bedeutet „Umzäunung“ oder „Hof“. Zusammen ergibt das etwa „der eingefriedete Raum in der Mitte“. Das Wort steht nicht allein. Im Gotischen findet sich midjungards, mit dem das Lukas-Evangelium das griechische oikouménē übersetzt, die bewohnte Erde. Der altsächsische Heliand kennt middilgard, das althochdeutsche Gedicht Muspilli spricht von mittilagart, und im Altenglischen taucht middangeard auf – allein sechsmal im Epos Beowulf. All diese Formen meinen dasselbe: die Welt, in der Menschen leben, abgegrenzt von dem, was außerhalb liegt.
Aus dem Leib eines Riesen
Die Völuspá, das große Prophezeiungsgedicht der Edda, erzählt, wie Midgard entsteht. Borrs Söhne Odin, Vili und Vé erschlagen das Urwesen Ymir und formen aus seinem Körper die Welt. Die vierte Strophe berichtet vom Aufheben der Länder und von der Schöpfung Midgards. Das Gedicht Grímnismál wird konkreter: Aus Ymirs Fleisch entsteht die Erde, aus seinem Blut und Schweiß das Meer, aus seinen Knochen die Berge, aus seinem Haar die Bäume, aus seinem Schädel der Himmel. Und aus seinen Augenbrauen bauen die Götter Midgard, den Wohnort der Menschensöhne. Die Welt der Menschen ist damit wörtlich aus einem toten Riesen gemacht – kein leerer Raum, sondern ein Bauwerk aus Fleisch und Knochen.
Zwischen Asgard und Jötunheim
Snorri Sturlusons Gylfaginning beschreibt die Welt als rund, umgeben von tiefem Meer. Die Jötnar, die Riesen, erhalten das Land am Ufer. Weiter innen errichten die Götter aus Ymirs Wimpern eine Befestigung gegen sie – Midgard, eine Grenzanlage mehr als ein bloßer Kontinent. Über die Brücke Bifröst ist Midgard mit Asgard, dem Sitz der Götter, verbunden; nach außen grenzt es an Jötunheim, das Land der Riesen. Getragen wird alles vom Weltenbaum Yggdrasil. Draußen im Ozean, der Midgard umschließt, liegt Jörmungandr, die Midgardschlange. Sie ist so lang, dass sie die ganze Erde umschlingt und sich selbst in den Schwanz beißt – ein Gürtel aus lebendigem Gift um die Welt der Menschen.
Der Untergang, der ein Anfang ist
Am Ende der mythischen Zeit, bei Ragnarök, steigt Jörmungandr aus dem Meer und vergiftet Land und See. Nach der großen Schlacht auf dem Feld Vígríðr versinkt Midgard in den Fluten. Doch das ist kein endgültiges Ende: Die Welt taucht wieder auf, grün und neu. Der Mythos denkt Midgard also nicht als ewig, sondern als etwas, das untergehen und zurückkehren kann – gebaut, zerstört, neu geboren.
Von Beowulf bis Mittelerde
Das altenglische Wort middangeard lebte lange über die Wikingerzeit hinaus fort, etwa im Beowulf-Epos. J. R. R. Tolkien griff genau diesen Begriff auf und formte daraus „Middle-earth“, Mittelerde, den Schauplatz seiner Romane. Das ist eine moderne literarische Übernahme, kein Teil des ursprünglichen Mythos. Auch Verfilmungen, Comics und Videospiele haben Midgard seither als Kulisse entdeckt – reine Popkultur, die mit der eddischen Vorstellung von Midgard nur den Namen teilt.
Quellenlage
Der Runenstein Sö 56 ist ein archäologischer Fund und damit historisch gesichert: Er zeigt, dass Miðgarðr im Alltag der Wikingerzeit ein gebräuchliches Wort war, keine rein religiöse Formel. Ebenso solide ist die sprachvergleichende Spur über Gotisch, Altsächsisch, Althochdeutsch und Altenglisch – sie beruht auf erhaltenen Texten und ist linguistisch gut belegt. Anders verhält es sich mit der Schöpfungs- und Untergangserzählung selbst. Völuspá, Grímnismál und Snorris Gylfaginning sind literarische Werke, die im christlichen Island des Mittelalters aufgezeichnet wurden, Jahrhunderte nach dem Ende der eigentlichen Wikingerzeit. Sie geben mythologisches Wissen wieder, das mündlich überliefert war, aber sie sind keine historischen Berichte und keine zeitgenössischen Quellen aus der heidnischen Praxis selbst. Wer über Midgard spricht, muss also zwischen dem, was Stein und Sprache belegen, und dem, was Dichter Jahrhunderte später aufschrieben, sauber trennen.