Vanaheim: Das Reich, das nur eine Strophe kennt

Vanaheim: Das Reich, das nur eine Strophe kennt

In der Handschrift Codex Regius aus dem 13. Jahrhundert steht ein Wort, das der nordischen Mythologie eine ganze Welt hinzufügt – und das im gesamten Text nur ein einziges Mal auftaucht: Vanaheimr. In einer Strophe des Vafþrúðnismál fragt Odin, als Wanderer Gagnráðr getarnt, den Riesen Vafþrúðnir nach der Herkunft des Gottes Njörðr. Mehr Text zu Vanaheim gibt es in der gesamten Poetischen Edda nicht.

Eine Strophe, ein Name

Wer nach Vanaheim sucht, findet erstaunlich wenig. Der Name Vanaheimr taucht in der Poetischen Edda nur in jener einen Strophe auf. Die Prosa-Edda erwähnt ihn zusätzlich, ebenso, in euhemerisierter Form, die Heimskringla Snorri Sturlusons. Das ist alles. Kein Text beschreibt Berge, Flüsse oder Wälder dieses Ortes. Die berühmte Liste der „neun Welten“, die heute in fast jedem Buch über nordische Mythologie mit Vanaheim, Asgard, Midgard und weiteren Reichen abgedruckt wird, steht so nirgends in der Völuspá. Die Völuspá spricht von neun Welten, zählt sie aber nicht auf. Die gängige Liste ist eine spätere Rekonstruktion, keine mittelalterliche Quelle.

Njörðr, die Geisel des Götterkriegs

Was wir über Vanaheim wissen, hängt fast vollständig an einer Figur: Njörðr, dem Gott von Meer und Reichtum. Im Vafþrúðnismál fragt Odin den Riesen, woher Njörðr eigentlich stammt. Der Gott herrscht über zahllose Hofe und Hörgr, heilige Kultplätze, ist aber nicht bei den Asen aufgewachsen. Die Antwort des Riesen: Njörðr wurde in Vanaheimr erschaffen und den Asen als Geisel übergeben, um einen Krieg zu beenden. Bei Ragnarök, dem Weltenuntergang, kehrt er zu den „weisen Vanen“ zurück. Snorri erzählt in der Gylfaginning dieselbe Geschichte: Njörðr wächst in Vanaheim auf und kommt erst später als Geisel zu den Asen. Vanaheim existiert in den Quellen also nicht als Landschaft, sondern als Herkunftsort einer einzigen Figur.

Snorris Gegenstück zu Asgard

Der Mythenforscher Rudolf Simek zieht daraus einen radikalen Schluss. Er hält es für „zweifellos“, dass Snorri Sturluson den Namen Vanaheimr selbst erfunden hat – als sprachliches Gegenstück zu Asgard, dem Heim der Asen. 2010 ging Simek in seinem Aufsatz „The Vanir: An Obituary“ noch weiter: Eine eigenständige Göttersippe namens Vanen, getrennt von den Asen, sei größtenteils eine Systematisierung Snorris aus dem 13. Jahrhundert. Was wie eine uralte, klar gegliederte Götterwelt wirkt, wäre demnach vor allem das Ordnungswerk eines mittelalterlichen Gelehrten, der verstreute mündliche Überlieferungen in ein Schema presste.

Unterwelt oder Fluss am Don?

Wo genau Vanaheim liegen soll, bleibt umstritten. Die Religionshistorikerin Hilda Ellis Davidson weist darauf hin, dass die Einordnung unter die neun Welten schwierig ist: Ausgerechnet Freyr und Njörðr, die beiden bekanntesten Vanen, treten in den Mythen mitten in Asgard auf. Davidson hält deshalb eine Verortung in der Unterwelt für wahrscheinlicher als irgendwo am Rand der Welt. Snorri selbst geht in der Ynglinga saga einen anderen Weg. Dort euhemerisiert er den Mythos, macht aus Göttern also historische Menschen, und verlegt das „Vanenheim“ an den Don, konkret an einen Flussarm namens Vanakvísl. Aus einer mythischen Heimat wird so ein Stück reale Geographie in Osteuropa – ein Beleg dafür, wie frei Snorri mit seinem Material umging.

Vanaheim im Kino und am Controller

Die üppige, waldreiche Fantasiewelt, die heute viele mit Vanaheim verbinden, stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem 21. Jahrhundert. In „Thor: The Dark World“ (2013) ist Vanaheim ein Schlachtfeld, in den Videospielen „God of War“ (2018) und „God of War Ragnarök“ zeigt sich eine Magiewelt voller Wälder und Elfenzauber. Dieses „Naturgöttinnen-Paradies“ mit dichtem Wald und wilder Magie ist eine moderne Erfindung der Popkultur – unterhaltsam, aber ohne Rückhalt in den mittelalterlichen Texten.

Quellenlage

Vanaheim gehört zu den am dünnsten belegten Orten der nordischen Mythologie überhaupt. Die einzige Erwähnung in der Poetischen Edda steht in einer Strophe des Vafþrúðnismál, überliefert im Codex Regius aus dem 13. Jahrhundert, der selbst ältere, mündliche Traditionen kompiliert. Snorris Prosa-Edda und Heimskringla liefern zusätzliche, aber jüngere und literarisch stark bearbeitete Fassungen. Für Landschaft, Bewohner oder genaue Lage gibt es keine unabhängige zweite Quelle – alles, was über die schlichte Formel „Heimat des Njörðr und der Vanen“ hinausgeht, beruht auf Interpretation, nicht auf Text. Die moderne Forschung bleibt entsprechend vorsichtig: Manche vermuten hinter Vanaheim vor allem ein literarisches Konstrukt Snorris, andere eine ältere, nur schwach greifbare mündliche Vorstellung. Was Film und Videospiel daraus machen, gehört in eine ganz andere Kategorie: Sie erzählen von einer Welt, die die mittelalterlichen Quellen so niemals gezeichnet haben.

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