Handel und Hacksilber

Handel und Hacksilber

Unter dem Bretterboden eines Gebäudes auf Gotland lagen zwei Depots mit zusammen 67 Kilogramm Silber: 14.295 Münzen, meist islamischer Herkunft, dazu 486 Armringe und 20 Silberbarren. Daneben lag ein drittes Depot mit rund 20 Kilogramm Bronze.

Das ist der Spillings-Hort, niedergelegt nach 870 oder 871 und gefunden 1999 bei Dreharbeiten für das schwedische Fernsehen. Der zuvor größte bekannte schwedische Hort, 1967 bei Burge entdeckt, wog 10,4 Kilogramm – knapp ein Sechstel davon. Ein gewöhnlicher gotländischer Hort bringt es auf 200 bis 300 Gramm.

An diesen Zahlen zeigt sich, was Silber in der Wikingerzeit war: nicht Schmuck, nicht Münze im heutigen Sinn, sondern Gewicht. Und Gewicht ließ sich teilen, zerschneiden, zerhacken.

Begriff und Wortgeschichte

„Hacksilber“ ist kein wikingerzeitliches Wort. Es ist ein moderner Fachbegriff der deutschsprachigen Archäologie, der ins Englische als hacksilver übernommen wurde. Gemeint sind zerschnittene Schmuckstücke, Barrenstücke, Bleche und Münzfragmente – alles, was von einem größeren Silberobjekt abgetrennt wurde, um eine bestimmte Menge zusammenzustellen. Ein altnordischer Fachterminus für das Material selbst ist nicht belegt.

Für den Vorgang gilt das Gegenteil. Die Skaldendichtung kennt den Ringbrecher: baugbrjótr, hringbrjótr. Es ist eine Kenning für den freigebigen Herrscher – den, der Ringe zerbricht, um Stücke davon zu verschenken.

Das ist der eigentliche Befund dieses Abschnitts. Für das zerhackte Silber als Gegenstand gibt es kein überliefertes Wort. Für den Handgriff, mit dem es entsteht, gibt es eine feste dichterische Formel – und sie beschreibt ihn nicht als Buchhaltung, sondern als Freigebigkeit.

Genau diese Kenning hat Ralf Wiechmann aufgegriffen, als er seine Untersuchung der Edelmetalldepots Schleswig-Holsteins „Vom ‚Ringbrecher‘ zur Münzwirtschaft“ nannte. Sein Bild beschreibt, wie aus intaktem Schmuck über Jahrhunderte zunehmend Zahlungsmittel und schließlich Münzgeld wurde.

Ein sprachliches Nachleben hat die Praxis womöglich auch: Das russische Wort Rubel geht auf рубить zurück, „hacken, hauen“. Der direkte Zusammenhang mit der wikingerzeitlichen Praxis wird oft behauptet, lässt sich aber nicht streng beweisen.

Die Gewichtseinheiten – mit Vorbehalt

Hier ist Vorsicht in der anderen Richtung geboten. Die Begriffe mörk (Mark), eyrir (Öre, Plural aurar) und örtug stammen aus nachwikingerzeitlichen Texten. Eine Mark zählte 8 Öre, ein Öre 3 Örtugar.

Anton Wilhelm Brøgger rechnete in seiner Arbeit Ertog og øre von 1921 für die Wikingerzeit mit einem Öre von rund 24,5 Gramm, also einem Örtug von gut 8 Gramm. Das ist eine Rückprojektion aus späteren Quellen, keine wikingerzeitliche Selbstauskunft. Wer mit diesen Werten arbeitet, sollte sie als Rechenmodell behandeln, nicht als überliefertes Maß.

Wie das System funktionierte

In einer Gewichtsgeldwirtschaft zählt nicht die Form des Metalls, sondern sein Gewicht und seine Reinheit. Silber lag als Barren, als Schmuck oder als Münze vor und wurde bei Bedarf mit dem Messer zerteilt, bis die passende Menge erreicht war. Handwaagen mit Klapparmen und ein Satz genormter Gewichte gehörten deshalb zur Grundausstattung jedes Händlers.

Zwei Prüftechniken sicherten die Qualität. Nicking bezeichnet kleine Messerkerben an der Kante von Barren oder Armringen, heute als halbmondförmige Einschnitte sichtbar. Pecking meint kurze Stiche mit der Messerspitze in die Fläche, vor allem bei Münzen. Beide Techniken prüften, ob unter einer Silberschicht minderwertiges Metall steckte – gutes Silber ist weich und verhält sich unter der Klinge anders als eine plattierte Fälschung.

Auch Münzen galten nicht nach ihrem aufgeprägten Nennwert. Sie wurden wie jedes andere Silberstück gewogen, weil die neuen Besitzer den Feingehalt fremder Prägungen schlicht nicht kannten. Ein Dirham aus Bagdad, eine angelsächsische Münze und ein Barrenstück aus Haithabu lagen sich damit auf derselben Waagschale gegenüber.

Gewichte als datierbare Hardware

Zwei Gewichtsformen lassen sich zeitlich einordnen. Kubooktaedrische Gewichte – kleine, vielflächige Würfel mit abgeschnittenen Ecken – treten ab etwa 860 auf. Abgeplattet-kugelige, sogenannte oblate-spheroid-Gewichte, folgen ab etwa 870. Die kugeligen orientieren sich am islamischen Standardgewicht mitqāl von rund 4,23 Gramm und kommen im späten 9. Jahrhundert zusammen mit den Dirham-Münzen nach Skandinavien.

Die kubooktaedrischen Gewichte wiegen typischerweise zwischen 0,75 und 4 Gramm. Jeder eingeschlagene Punkt auf ihrer Oberfläche entspricht offenbar rund 0,75 Gramm – ein System, mit dem sich am Gewicht selbst ablesen ließ, welchen Wert es verkörperte.

Die Fundmengen zeigen, wie alltäglich diese Objekte waren. Aus Torksey in England stammen über 350 Gewichte, darunter fast hundert kubooktaedrische. Aus Kaupang in Norwegen wurden allein bei den Untersuchungen von 1998 bis 2003 insgesamt 378 Gewichte identifiziert. Das sind keine Einzelstücke aus Gräbern, sondern Werkzeug aus dem Handelsalltag.

Horte als Maßstab

Spillings. Der gotländische Fund bleibt der größte bekannte Silberhort der Wikingerzeit: 67 Kilogramm in zwei Depots, 14.295 Münzen, 486 Armringe, 20 Barren, dazu rund 20 Kilogramm Bronze in einem dritten Depot. Niedergelegt nach 870/871 unter dem Boden eines Gebäudes, entdeckt 1999.

Burge. Der 1967 entdeckte Hort wog 10,4 Kilogramm und war bis zur Entdeckung von Spillings der größte schwedische Fund seiner Art. Beide wurden in derselben Epoche vergraben – nur lagen zwischen ihren Entdeckungen mehr als drei Jahrzehnte.

Irland. Aus der frühen Wikingerzeit sind 107 Horte bekannt, 51 davon ohne Münzen, 56 mit Münzen, dazu 150 Einzelfunde. Das Bild ist kein einzelner spektakulärer Schatz, sondern eine Fläche verstreuter, meist kleiner Depots.

Woodstown. Bei Waterford fanden sich neben Hacksilber auch Schmiedewerkzeuge am selben Ort. Das spricht dafür, dass hier nicht nur Silber gelagert, sondern auch verarbeitet wurde – ein Handelsplatz mit eigener Produktion, nicht nur ein Zwischenlager.

Herkunft des Silbers

Wo kam das Metall eigentlich her? Jane Kershaw von der Universität Oxford hat den 2012 gefundenen und 2025 publizierten Bedale-Hort geochemisch untersuchen lassen. Das Ergebnis: Der Großteil des Silbers stammt aus westeuropäischen Quellen, vermutlich angelsächsischen und karolingischen Münzen aus Raub oder Lösegeld. Ein erheblicher Teil aber ist islamisches Dirham-Silber, das über skandinavische Handelsrouten in den Westen gelangte.

Die Methode nutzt einen chemischen Unterschied: Abbasidische Dirhams enthalten im Schnitt nur etwa 0,2 Gewichtsprozent Gold, angelsächsische und karolingische Münzen des 9. Jahrhunderts das Drei- bis Vierfache. Aus diesem Verhältnis lassen sich Mischungsanteile in eingeschmolzenem Material berechnen.

Eine frühere Arbeit Kershaws von 2021, veröffentlicht in Fornvännen, geht weiter zurück: Isotopische Modellierung zeigt, dass islamisches Silber schon in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in erheblichem Umfang in den zentralen Ostseeraum kam. Bisher galt die Zeit vor etwa 860/870 als Phase geringen Dirham-Imports. Die Münzen wurden routinemäßig eingeschmolzen, was ihre frühe Präsenz lange verschleiert hat. Die frühe Ostseewirtschaft war damit enger an eurasische Silbernetze gekoppelt, als die Forschung bislang annahm.

Ein weiterer Fund bestätigt die Mischung direkt am Material: Der Hacksilberhort von Kettilstorp in Västergötland, untersucht von Kershaw und Stephen W. Merkel 2022, enthält sowohl islamische Dirhams – acht umayyadische, 22 abbasidische – als auch karolingische Münzen. Einzelne Gussstücke aus diesem Hort spiegeln genau dieses Mischverhältnis.

Was die Quellen offen lassen

Zerhacken als Prüfung oder als Ritual? Eine Forschungslinie, prominent bei Marion Archibald, sieht in Nicking und Pecking reine Materialprüfung: gutes Silber ist weich, ein erfahrener Händler spürt den Unterschied unter der Klinge. Vor allem polnische Forscher, darunter Łukasz Czwojda und Mateusz Bogucki, deuten Picken, Biegen, Kerben und Hämmern dagegen als absichtliche, möglicherweise rituelle Zerstörung von Wertgegenständen. Beide Deutungen stehen nebeneinander im Material. Entschieden ist nichts.

Warum vergrub man Horte? Die Wikingerzeit ist die Periode intensivster Metalldeponierung im mittelalterlichen Europa. Die Gründe – Schutz vor Plünderung, rituelle Niederlegung, gescheiterte Rückholung – werden unterschiedlich beurteilt. In der neueren numismatischen Literatur überwiegen ökonomische Erklärungen gegenüber rein rituellen.

Wann versiegte der Silberstrom? Der Dirham-Import endet im späten 10. Jahrhundert. Als Gründe gelten die Erschöpfung der zentralasiatischen Minen und der politische Zerfall des Samanidenreichs, das 999 unterging. Gelegentlich liest man eine Datierung ins 11. Jahrhundert – dafür fehlt die Grundlage.

Münze oder Gewicht? Horte, die Münzen und Hacksilber gemeinsam enthalten, deuten auf eine Doppelwährung hin: gezählte Münze neben gewogenem Silber, nicht das eine nach dem anderen. Kettilstorp ist dafür ein Beispiel, die englischen Funde der Danelaw-Zeit ein weiteres.

Schriftquellen: Ibn Fadlan und Danegeld

Ibn Fadlan verließ Bagdad im Juni 921 mit einer Delegation zum König der Wolgabulgaren. Er war nicht ihr Leiter, sondern ihr Sekretär – was seinen Blick für Handelsdetails eher erklärt als entwertet.

Sein Bericht, die Risala, ist der einzige erhaltene Augenzeugentext über die Rus, die skandinavischen Händler an der Wolga. Er beschreibt Frauen mit Halsringen aus Gold und Silber – für je 10.000 Dirham Vermögen des Mannes einen weiteren Ring – und einen Händler, der vor einem Holzidol aufzählt, wie viele Sklavinnen und Zobelfelle er mitbringt, und um einen Käufer bittet, „mit vielen Dinaren und Dirhams“, der nicht feilscht.

Das ist die Außensicht eines Bagdader Schreibers, kein neutrales Handelsprotokoll, aber die einzige zeitgenössische Beschreibung aus erster Hand.

Der Silberabfluss in die andere Richtung

Aus England lässt sich derselbe Vorgang umgekehrt in Zahlen fassen. Der Danegeld – Tribut an wikingische Angreifer – ist in der Angelsächsischen Chronik verzeichnet:

Eine Verdopplung alle zehn Jahre, über ein Vierteljahrhundert hinweg. Ob England solche Summen wirklich aufbringen konnte, ist umstritten: John Gillingham hält die höheren Zahlen für unrealistisch, M. K. Lawson und D. M. Metcalf verteidigen sie unter Hinweis auf die Menge der damals geprägten Münzen.

Wichtig für dieses Thema: Dieses Gewichtsgeld bestand nicht nur aus Hacksilber, sondern zu großen Teilen aus englischen Münzen – ein weiterer Beleg dafür, dass Münze und zerteiltes Metall in derselben Rechnung nebeneinanderstanden.

Gabe oder Ware?

Die Lieder-Edda kennt keine Wirtschaftsbeschreibung, wohl aber eine Ethik des Gebens. Die Hávamál raten in Strophe 41: „Mit Waffen und Kleidern sollen Freunde einander erfreuen“ – wer wiedergibt und weitergibt, bleibt am längsten Freund. Strophe 42 fordert, Gabe mit Gabe zu vergelten, Strophe 44, Gesinnung zu teilen, Gaben zu tauschen und den Freund oft zu besuchen.

Das ist Reziprozitätsethik zwischen Menschen, die sich kennen – kein Marktpreis.

Und hier schließt sich der Kreis zum Ringbrecher. Der Herrscher, der einen Armring zerbricht, um ein Stück davon zu verschenken, tut denselben Handgriff wie der Händler mit dem Messer. Aber er tut ihn aus einem anderen Grund: Er stiftet eine Bindung, die eine Gegengabe erwartet.

Die Waage macht Silber zu etwas, das keine Geschichte und keine Beziehung braucht, um seinen Wert zu behalten. Derselbe Handgriff, zwei Ökonomien – und die Horte enthalten beides nebeneinander.

Quellenlage

Archäologie und Numismatik. Spillings-Hort (Gotland, gefunden 1999, niedergelegt nach 870/871, 67 kg Silber in zwei Depots, 14.295 Münzen, dazu ein Bronzedepot von rund 20 kg), Burge-Hort (gefunden 1967, 10,4 kg), Bedale-Hort (gefunden 2012), Kettilstorp-Hort (Västergötland), die 107 Horte und 150 Einzelfunde der frühen Wikingerzeit in Irland, Woodstown mit Hacksilber und Schmiedewerkzeug, die Gewichtsfunde aus Torksey (über 350 Stück) und Kaupang (378 Gewichte, Grabungen 1998–2003).

Naturwissenschaftliche Analyse. Jane Kershaw zum Bedale-Hort (publiziert 2025); Kershaw u. a. 2021 in Fornvännen 116/3, 185–204, zur frühen Dirham-Einfuhr vor 860/870; Kershaw und Stephen W. Merkel 2022 zum Kettilstorp-Hort.

Schriftquellen mit Vorbehalt. Ibn Fadlans Risala, 921/922 – Einzelquelle, Außensicht des Gesandtschaftssekretärs. Die Danegeld-Zahlen von 991 bis 1018 stammen aus der Angelsächsischen Chronik; zur Debatte über ihre Belastbarkeit: John Gillingham gegen M. K. Lawson und D. M. Metcalf.

Fachliteratur. Ralf Wiechmann, „Edelmetalldepots der Wikingerzeit in Schleswig-Holstein. Vom ‚Ringbrecher‘ zur Münzwirtschaft“, Offa-Bücher 77, Neumünster 1996. A. W. Brøgger, „Ertog og øre. Den gamle norske vegt“, Kristiania 1921 – Rechenmodell, keine Quelle. Marion Archibald, „Pecking and Bending. The Evidence of British Finds“, in: Sigtuna Papers, Stockholm/London 1990; dagegen Łukasz Czwojda und Mateusz Bogucki.

Edda, nur als Kontrast. Hávamál 41, 42 und 44 beschreiben eine Gabenethik unter Bekannten, keine Marktwirtschaft. Die Kenningar baugbrjótr und hringbrjótr belegen den Vorgang des Ringbrechens in der Skaldendichtung. Weder die Lieder-Edda noch Snorri beschreiben das Zerhacken von Silber als wirtschaftliche Praxis; die sonst auf dieser Website angewandte Trennung zwischen alten Liedern und Snorris Zusätzen greift hier nicht, weil beide Werke zum Thema schweigen.

Offen. Die Funktion von Nicking und Pecking, die Gründe der Hortung und die Frage, wie stark Münze und Gewichtssilber tatsächlich nebeneinander liefen, sind nicht entschieden.