Mjölnir
- Etymologie: ein Name ohne Hammer
- Der geraubte Hammer: Þrymskviða
- Die Schmiede der Zwerge: Skáldskaparmál 35
- Was Thor sonst noch trägt
- Ein Hammer, der weiht: Baldrs Scheiterhaufen
- Útgarða-Loki und die Grenzen der Kraft
- Ragnarök und die Erbfolge des Hammers
- Mjölnir auf Runensteinen
- Amulette und Hammerringe
- Warum gerade im 10. Jahrhundert?
- Quellenlage
Auf einem kleinen Silberanhänger vom dänischen Fundort Købelev steht in Runen: hmar x is – „das ist ein Hammer“. Der Anhänger stammt aus dem 10. Jahrhundert und wurde 2014 auf Lolland gefunden. Er ist bis heute das einzige bekannte Thorshammer-Amulett, das sich selbst benennt.
Ein Fundstück, das seinen eigenen Namen mitliefert – das ist selten genug. Was dieser Name im Fall des berühmtesten Hammers der nordischen Mythologie bedeutet, ist dagegen bis heute ungeklärt. In keiner gängigen Deutung heißt Mjǫllnir „Hammer“.
Etymologie: ein Name ohne Hammer
Altnordisch Mjǫllnir (Genitiv Mjǫllnis), im heutigen Isländisch Mjölnir, lässt sich sprachlich auf drei Wegen erklären. Keiner davon führt zum Wort „Hammer“.
Der Blitz. Rudolf Simek verbindet den Namen mit altslawisch mlunuji beziehungsweise russisch molnija, „Blitz“ – Mjǫllnir wäre demnach „der, der den Blitz macht“. Die sprachhistorische Rekonstruktion setzt urnordisch *meldunjaʀ und urgermanisch *meldunjaz an, zurückgehend auf die indogermanische Wurzel *melh₂-. Verwandte Formen sind altnordisch myln („Feuer“), walisisch mellt („Blitz“) und lettisch milna, der Hammer des baltischen Donnergottes Pērkons.
Der Glanz. Simek nennt eine konkurrierende Ableitung: von altnordisch mjǫll, „Neuschnee“, und isländisch mjalli, „weiße Farbe“. Dann wäre Mjǫllnir nicht der Blitz selbst, sondern „die glänzende Blitzwaffe“.
Das Zermalmen. Die ältere Forschung verband den Namen mit gotisch malwjan und altnordisch mala, „mahlen, zermahlen“, und las ihn als „den Zermalmer“.
Drei Theorien, keine entschieden. Und in keiner heißt der Name des berühmtesten Hammers der nordischen Mythologie „Hammer“.
Der geraubte Hammer: Þrymskviða
Die älteste zusammenhängende Erzählung über Mjǫllnir liefert die Þrymskviða der Lieder-Edda.
Thor erwacht, und der Hammer ist verschwunden. Der Riese Þrymr hat ihn acht Rasten tief unter der Erde vergraben und rückt ihn nur unter einer Bedingung heraus: Man soll ihm die Göttin Freyja zur Braut geben. Am Ende des Liedes findet die Hochzeit statt – doch die Braut, die Þrymr erwartet, ist in Wahrheit Thor selbst, verschleiert und geschmückt.
In Strophe 30 befiehlt Þrymr, den Hammer hereinzubringen, ihn der Braut auf die Knie zu legen und das Paar durch die Hand der Göttin Vár zu binden. Im altnordischen Original: brúði at vígja – „die Braut zu weihen“.
Genau in diesem Moment kippt die Szene. Sobald Mjǫllnir in Thors Reichweite liegt, erkennt er sein Werkzeug, erschlägt Þrymr, das gesamte Riesengeschlecht und zuletzt die alte Schwester des Riesen, die zuvor unverschämt eine Brautgabe verlangt hatte.
Die Wendung vígja ist mehr als Beiwerk. Sie zeigt, dass Mjǫllnir in der Vorstellungswelt der Lieder-Edda nicht nur eine Waffe ist, sondern ein Werkzeug der Weihe. Dieses Motiv kehrt bei Snorri wieder – und, was wichtiger ist, auf Runensteinen.
Die Schmiede der Zwerge: Skáldskaparmál 35
Wie der Hammer entstand, erzählt erst Snorri Sturluson, in der Prosa-Edda, Skáldskaparmál Kapitel 35.
Ausgelöst wird alles durch Loki: Er hat der Göttin Sif das Haar abgeschnitten und muss den Schaden ersetzen. Die Söhne Ívaldis fertigen drei Stücke – goldenes Haar für Sif, das Schiff Skíðblaðnir und den Speer Gungnir.
Dann wettet Loki um seinen eigenen Kopf, dass der Zwerg Eitri nichts Besseres zustande bringe. Eitris Bruder Brokkr hält dagegen. Eitri schmiedet, Brokkr bedient den Blasebalg und darf nicht loslassen.
Loki verwandelt sich in eine Fliege und sticht dreimal. Beim dritten Mal trifft er das Augenlid, Blut läuft hinein, Brokkr wischt es kurz weg – und der Griff des Hammers, der gerade entsteht, gerät zu kurz. Snorri nennt das ausdrücklich als Mangel des Stücks.
Trotzdem gewinnen die Brüder. Ihre drei Werke sind der Eber Gullinbursti, der sich selbst vermehrende Ring Draupnir und Mjǫllnir. Die Götter urteilen, gerade dieser Hammer sei die beste aller Gaben, weil er im Kampf gegen die Hrímþursar, die Reifriesen, am nützlichsten sein werde.
Von Snorri stammen auch die beiden Eigenschaften, die heute jeder kennt: Der Hammer trifft immer, und er kehrt in die Hand zurück.
Diese gesamte Entstehungsgeschichte – Zwerge, Wettstreit, kurzer Griff, nie fehlgehender Wurf – findet sich in keiner Lieder-Strophe. Sie ist Snorris Beitrag aus dem frühen 13. Jahrhundert, keine ältere Überlieferung, die sich unabhängig belegen ließe.
Zum Namen des zweiten Zwergs: Snorri nennt ihn Eitri. Sindri steht in Völuspá 37 als Name eines Zwergengeschlechts; dass er zum Bruder Brokkrs wurde, geht auf spätere Nacherzählungen zurück, spätestens auf Handbücher des 19. Jahrhunderts. In heutigen Darstellungen und Videospielen begegnen deshalb beide Namen.
Was Thor sonst noch trägt
Der Hammer ist Teil einer Dreiheit, die Snorri in Gylfaginning 21 aufführt – an anderer Stelle als den Schmiedewettstreit, was oft zusammengezogen wird.
Zu Mjǫllnir kommen der Kraftgürtel Megingjarðar, der Thors Stärke verdoppelt, und die eisernen Handschuhe Járngreipr, ohne die sich der Hammerschaft nicht fassen lässt.
Der kurze Griff aus dem Schmiedekapitel und die Handschuhe aus dem Ausrüstungskapitel sind also zwei getrennte Angaben, die erst die Nacherzählung zusammenbindet. Wie Thor den Hammer greift, sagt Snorri nirgends im selben Atemzug.
Ein Hammer, der weiht: Baldrs Scheiterhaufen
Das Motiv der Weihe aus der Þrymskviða greift Snorri in Gylfaginning 49 wieder auf, in der Erzählung von Baldrs Tod.
Als der Leichnam auf dem Scheiterhaufen liegt, weiht Thor den Holzstoß mit Mjǫllnir – und tritt dabei den Zwerg Litr, der ihm vor die Füße läuft, mitten ins Feuer.
Der Hammer erscheint hier nicht als Waffe gegen einen Feind, sondern als Instrument, das einen Übergang rituell besiegelt. Eine Hochzeit, eine Bestattung. Dieselbe Funktion taucht weiter unten in der Formelsprache der Runensteine wieder auf – und dort ist sie kein literarisches Motiv, sondern in Stein gehauene Praxis.
Útgarða-Loki und die Grenzen der Kraft
Im Bericht von Thors Reise zu Útgarða-Loki wird Mjǫllnir zugleich als mächtig und als täuschbar vorgeführt.
Thor schlägt in der Nacht dreimal mit dem Hammer auf den schlafenden Riesen Skrýmir ein. Später stellt sich heraus: Der Riese hatte einen Berg untergeschoben, und die Schläge haben dort tiefe Täler hinterlassen.
Der Hammer versagt nicht. Getäuscht wird sein Träger.
Auch diese Episode gehört zu Snorris ausgeschmückter Prosa. Dass die Fahrt zu Útgarða-Loki bekannt war, zeigt Lokasenna 60, wo Loki über Thor spottet, er habe sich im Daumen eines Handschuhs zusammengekauert. Der Wettkampf selbst, mit seinen uneinlösbaren Aufgaben, steht nur bei Snorri.
Ragnarök und die Erbfolge des Hammers
Hier ist genau zu trennen, weil populäre Darstellungen an dieser Stelle regelmäßig zu viel bei Snorri verbuchen.
Was die Lieder-Edda kennt: Vafþrúðnismál 51 nennt die Erbfolge – Thors Söhne Móði und Magni werden den Hammer erben, wenn Thor im Kampf fällt. Und Völuspá 56 schildert den Tod selbst: Thor erschlägt die Midgardschlange Jörmungandr, geht neun Schritte und fällt, vom Gift getroffen.
Der Zweikampf, die neun Schritte, das Erbe – all das ist eddisch und damit älter als Snorri.
Was Snorri hinzufügt: die ausgeführte Szene in Gylfaginning 51, die Reihenfolge der Ereignisse und das geordnete Nebeneinander der Einzelkämpfe. Er systematisiert, was die Lieder in einzelnen Strophen stehen lassen.
Die berühmte Zahl neun gehört also nicht ihm. Sie steht in der Völuspá.
Mjölnir auf Runensteinen
Unabhängig von den literarischen Quellen belegen Runensteine des 10. und 11. Jahrhunderts, dass Mjǫllnir schon zu Lebzeiten der letzten heidnischen Generationen als Schutzzeichen galt. Zwei Formen sind zu unterscheiden.
Der Hammer als Bild. Auf einer Reihe von Steinen erscheint er als kleines eingemeißeltes Zeichen – etwa auf DR 120 aus Spentrup, auf Stenkvista (Sö 111) und auf Läborg (DR 26).
Der Hammer als Formel. Andere Steine rufen Thor an, die Inschrift zu weihen. Glavendrup (DR 209) liest Þórr vígi þessi rúnaR, Virring (DR 110) Þórr vígi þessi kuml, Sønder Kirkeby (DR 220) und Velanda (Vg 150) tragen dieselbe Wendung in kürzerer Form. Auf dem Rökstein (Ög 136) wird Thor genannt, allerdings eingebettet in den Erzähltext und ohne Hammerbezug.
Sprachlich ist diese Schutzformel dasselbe Wort wie das vígja aus der Þrymskviða. Auch hier soll der Hammer weihen, nicht nur zerschlagen – und zwar nicht in einer Geschichte, sondern auf einem Grabmal, das jemand tatsächlich aufgestellt hat.
Und ein Befund, der alles zusammenhält: Thor ist der einzige Gott, der auf wikingerzeitlichen Runensteinen angerufen wird. Kein Odin, kein Freyr, kein Tyr. In der Dichtung dominiert Odin, im Stein Thor.
Besonders anschaulich ist der Altuna-Stein in Uppland (U 1161). Er zeigt Thor beim Fischfang nach der Midgardschlange, den Hammer erhoben, einen Fuß durch den Bootsboden gestoßen. Derselbe Mythos steht in der Hymiskviða – der Stein ist also nicht unabhängig vom Stoff, wohl aber von der schriftlichen Überlieferung entstanden.
Amulette und Hammerringe
Neben den Runensteinen hat sich eine ganze Reihe kleiner, tragbarer Hammerdarstellungen erhalten.
Der Silberanhänger von Købelev mit seiner Selbstbenennung steht am Anfang dieses Artikels. Das Kvinneby-Amulett von Öland aus dem 11. Jahrhundert nennt den Hammer ausdrücklich: Þórr gæti hans meðr þeim hamri – „Thor behüte ihn mit dem Hammer“. Das ist die direkte Entsprechung zum Weihe-Motiv, diesmal als Schutzbitte. Die Lesung der Kvinneby-Inschrift ist allerdings stark umstritten; einzelne Wörter werden sehr unterschiedlich aufgelöst.
Daneben sind Thorshammer-Ringe überliefert: eiserne Ringe mit kleinen Anhängern in Hammerform, vor allem aus schwedischen Brandgräbern, unter anderem aus Valsgärde. Jörn Staecker hat die Amulette 1999 typologisch geordnet.
Warum gerade im 10. Jahrhundert?
Die Zahl der Hammer-Anhänger steigt im 10. Jahrhundert sprunghaft an. Das ist genau die Zeit, in der sich Kreuzanhänger im Norden verbreiten.
Die verbreitete Deutung: Der Hammer wird als sichtbares Gegenstück zum Kreuz getragen. Dasselbe gilt für die Þórr vígi-Formel, die christlichen Weiheformeln auf Grabsteinen gegenübersteht.
Das verschiebt die Aussage der Funde. Sie zeigen nicht einfach, dass der Hammer verehrt wurde. Sie zeigen ein Symbol, das erst in dem Moment massenhaft auftaucht, in dem es etwas zu verteidigen gibt.
Diese Zeugnisse sind zeitlich näher an der Wikingerzeit als die Handschriften der Edden, die erst Jahrhunderte später entstanden – und sie sind, anders als jede literarische Quelle, datierbar.
Quellenlage
Lieder-Edda. Raub des Hammers: Þrymskviða, besonders Strophe 8 (acht Rasten tief), 30 (brúði at vígja) und 32. Erbfolge: Vafþrúðnismál 51. Thors Tod nach neun Schritten: Völuspá 56. Anspielung auf die Útgarða-Loki-Fahrt: Lokasenna 60. Fischzug: Hymiskviða.
Snorri. Schmiedewettstreit, kurzer Griff und Eigenschaften des Hammers: Skáldskaparmál 35. Thors Ausrüstung: Gylfaginning 21. Baldrs Scheiterhaufen und der Zwerg Litr: Gylfaginning 49. Skrýmir-Episode: Gylfaginning 45. Ragnarök-Szene: Gylfaginning 51. Wo eine Erzählung nur bei Snorri steht, ist das im Artikel benannt.
Runensteine mit Hammerbild: DR 120 (Spentrup), Stenkvista (Sö 111), Läborg (DR 26). Mit Þórr-vígi-Formel: Glavendrup (DR 209), Virring (DR 110), Sønder Kirkeby (DR 220), Velanda (Vg 150); Sö 140 unsicher. Bildstein: Altuna (U 1161). Thor ist der einzige auf wikingerzeitlichen Runensteinen angerufene Gott.
Funde. Silberanhänger Købelev, Lolland, 10. Jahrhundert, gefunden 2014. Kvinneby-Amulett, Öland, 11. Jahrhundert, Lesung umstritten. Thorshammer-Ringe, u. a. Valsgärde. Typologie der Amulette: Jörn Staecker (1999).
Etymologie. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Kröner – Artikel Mjǫllnir, mit Blitz-, Glanz- und Mahl-These.
Offen. Die Bedeutung des Namens, das Alter der Þrymskviða und die Lesung der Kvinneby-Inschrift lassen sich nicht entscheiden.