Asen

Odin

Óðinn

Aktualisiert am 14. September 2026 Götter & Göttinnen 6 Min. Lesezeit

Ein Auge für einen Schluck Wasser. Klingt nach einem schlechten Tausch. Doch Odin, der Allvater, zahlte genau diesen Preis – ohne zu zögern.

Er herrscht über Asgard, die Heimat der Götter. Doch Macht allein reicht ihm nicht. Odin will wissen. Er will verstehen, was war und was kommt. Dafür geht er weiter als jeder andere Gott.

Herkunft und Familie

Odin entsteht nicht aus dem Nichts. Laut der Prosa-Edda ist er Sohn von Bor und der Riesin Bestla. Zusammen mit seinen Brüdern Vili und Ve erschlägt er den Urriesen Ymir und formt aus dessen Leib die Welt – Erde aus Fleisch, Meere aus Blut, Himmel aus Schädel.

Als Herrscher von Asgard steht Odin an der Spitze einer weit verzweigten Familie. Mit seiner Frau Frigg zeugt er Baldr, den strahlendsten aller Götter. Mit der Erdgöttin Jörd wird er Vater Thors. Weitere Söhne wie Vidar und Vali warten in den Mythen auf ihre Rolle bei Ragnarök. Sein treues Reittier Sleipnir dagegen ist nicht sein Kind – das achtbeinige Ross stammt von Loki ab, der sich einst in Stutengestalt mit dem Hengst Svadilfari paarte.

Der Brunnen und das Auge

Am Fuße des Weltenbaums Yggdrasil sprudelt ein besonderer Brunnen. Wer daraus trinkt, gewinnt Weisheit. Der Wächter verlangt einen hohen Preis dafür. Odin zögert nicht. Er reißt sich ein Auge aus und wirft es in die Tiefe. Seitdem blickt er mit nur einem Auge auf die neun Welten – und sieht doch mehr als alle anderen. Snorri erzählt diese Episode in der Gylfaginning; die Völuspá der Lieder-Edda deutet den Brunnen ebenfalls an.

Neun Nächte am Baum

Das reicht Odin nicht. Er will die Runen verstehen, die geheimen Schriftzeichen der Macht. Also hängt er sich selbst an Yggdrasil. Neun Nächte lang. Sein eigener Speer durchbohrt seinen Körper. Kein Essen, kein Trinken, keine Hilfe. Nur Schmerz und Stille. Am neunten Tag erkennt er die Runen – und mit ihnen ihre Kraft. Die Hávamál (Strophe 138) der Lieder-Edda beschreibt diese Selbstopferung aus Odins eigener Perspektive – neun Nächte lang am windgepeitschten Baum, sich selbst dargebracht.

Der Met der Dichtkunst

Wissen allein reicht Odin nicht – er will auch die Worte besitzen. Nach dem Krieg zwischen Asen und Wanen spucken beide Götterstämme zum Friedensschluss in ein Gefäß. Aus dem Speichel entsteht Kvasir, der weiseste aller Wesen. Zwei Zwerge locken ihn in eine Falle, töten ihn und brauen aus seinem Blut den Met der Dichtkunst: Wer davon trinkt, wird zum Dichter.

Der Riese Suttung erbeutet den Met und versteckt ihn tief im Berg, bewacht von seiner Tochter Gunnlöd. Odin reist als Wanderer dorthin, verführt Gunnlöd und trinkt das Gefäß in drei Schlucken leer. In Adlergestalt flieht er nach Asgard und spuckt den Met dort aus – seither ist die Dichtkunst sein Geschenk an Götter und Menschen. Snorri erzählt die Geschichte ausführlich in der Skáldskaparmál, Bruchstücke finden sich bereits in der Hávamál.

Zwei Raben, tausend Augen

Odin verlässt sich nicht nur auf sein eines Auge. Jeden Morgen schickt er seine Raben Hugin und Munin los. Ihre Namen bedeuten Gedanke und Erinnerung. Sie fliegen durch alle neun Welten, sehen, hören, sammeln. Am Abend kehren sie zurück und flüstern Odin alles zu, was sie entdeckt haben. So sitzt er auf seinem Thron und weiß doch, was überall geschieht. In der Grímnismál gesteht Odin seine größte Sorge: nicht, dass Hugin nicht zurückkehrt – sondern dass Munin, die Erinnerung, verloren gehen könnte.

Der Wanderer mit vielen Namen

Mehr als 170 Beinamen sind für Odin überliefert. Grímnir, „der Maskierte“. Ygg, „der Schreckliche“. Hár, „der Hohe“. Jeder Name eine andere Rolle. Odin zeigt sich selten als er selbst. Meist reist er verkleidet als grauer Wanderer, weiter Mantel, breiter Hut, ein Auge unter der Krempe verborgen. So klopft er an fremde Hallen, stellt Rätsel, prüft Könige und Riesen – und verschwindet wieder, bevor ihn jemand erkennt. Diese Wandergestalt hat ihn bis weit über die Wikingerzeit hinaus begleitet: Der Name des Mittwochs geht in vielen germanischen Sprachen auf ihn zurück, im Englischen „Wednesday“ von altenglisch „Wōdnesdæg“, Tag des Woden.

Der Gott der Gefallenen

Krieg und Tod gehören zu Odin wie die Weisheit. In Walhall, seiner Halle in Asgard, versammelt er die tapfersten gefallenen Krieger: die Einherjer. Sie kämpfen jeden Tag gegeneinander, sterben und erwachen wieder, feiern abends zusammen – ein ewiges Training für die Schlacht bei Ragnarök, an Odins Seite.

Wer in die Einherjer aufgenommen wird, entscheiden nicht die Götter selbst, sondern die Walküren, Odins „Wählerinnen der Gefallenen“. Sie reiten über die Schlachtfelder und bestimmen, wer nach Walhall kommt. Odin bekommt dabei nicht einmal die erste Wahl: Laut Grímnismál teilt er sich die Gefallenen mit der Göttin Freyja, die täglich die Hälfte für ihre eigene Halle Sessrúmnir im Gefilde Fólkvangr beansprucht.

Der Kampf, der schon feststeht

All dieses Wissen kann ihn nicht retten. Odin kennt sein eigenes Schicksal genau – das macht seine Geschichte so schwer zu ertragen. In Ragnarök, der Schlacht am Ende der Welt, wird er dem Wolf Fenrir gegenüberstehen. Der Ausgang steht seit Ewigkeiten fest.

Trotzdem sucht er weiter. Trotzdem opfert er sein Auge. Trotzdem hängt er am Baum und hört seinen Raben zu. Vielleicht liegt genau darin die größte Weisheit: Wissen macht das Ende nicht leichter. Aber es macht den Weg dorthin wertvoll.

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Quellenlage

Die Grundlage für diesen Artikel bilden vor allem zwei mittelalterliche Sammlungen: die Lieder-Edda (u. a. die Gedichte Hávamál, Völuspá und Grímnismál) sowie die Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson (13. Jahrhundert), insbesondere die Abschnitte Gylfaginning und Skáldskaparmál. Die Selbstopferung am Weltenbaum und der Met der Dichtkunst gehen auf die Hávamál zurück, die Erschaffung der Welt und die Geschichte um Sleipnir auf die Gylfaginning, die vielen Beinamen Odins sowie die Aufteilung der Gefallenen zwischen Odin und Freyja auf die Grímnismál. Ergänzt wird dies durch weitere altnordische Sagas sowie archäologische und runeninschriftliche Funde, etwa zur historischen Verehrung Odins/Wodans in Nord- und Westeuropa. Da die Überlieferung erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurde, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.

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