Björn Eisenseite
Björn Eisenseite – altnordisch Bjǫrn Járnsíða – gilt in den isländischen Sagas als Sohn Ragnar Lodbroks, des sagenumwobenen Wikingerkönigs. Sein Beiname „Eisenseite“ soll auf ungewöhnliche Kampfkraft oder Unverwundbarkeit anspielen; genau erklärt wird er in den Quellen nicht.
Sohn Ragnars, Bruder legendärer Krieger
Die Ragnarssona þáttr, eine kurze isländische Erzählung über Ragnars Söhne, zählt Björn zu einer Reihe berühmter Brüder: Ivar der Knochenlose, Halfdan, Ubba und, in manchen Überlieferungen, Sigurd Schlange-im-Auge. Gemeinsam prägen sie das Bild einer Wikingerdynastie, deren Taten sich über halb Europa erstreckten – von England über Frankreich bis ins Mittelmeer.
Was die Sage erzählt
Die Ragnarssona þáttr lässt Björn gemeinsam mit seinen Brüdern im „Großen Heidnischen Heer“ gegen England ziehen – jenem Feldzug, der ab 865 mehrere angelsächsische Königreiche erschütterte. Anders als seine Brüder wendet sich Björn der Überlieferung nach jedoch stärker dem Kontinent zu: Sagas schreiben ihm Raubzüge entlang der französischen Atlantikküste und sogar bis ins Mittelmeer zu, mit Zielen wie Pisa.
Der Zug ins Mittelmeer
Die anschaulichste Quelle zu diesem Feldzug stammt nicht aus Skandinavien, sondern von einem normannischen Geistlichen: Dudo von Saint-Quentin beschreibt um das Jahr 1015 in seiner Chronik De moribus et actis primorum Normanniae ducum einen Wikingerzug entlang der iberischen und italienischen Küste, angeführt von einem Hasteinn und einem „Bier Costae Ferreae“ – lateinisch für Björn Eisenseite. Der bekannteste Teil dieser Erzählung ist die Plünderung von Luna: Die Wikinger sollen die Stadt für Rom gehalten haben und sie durch eine List erobert haben – angeblich, indem Hasteinn seinen eigenen Tod vortäuschte, um als „Leiche“ mitsamt Gefolge in die Stadt gebracht zu werden und dort dann anzugreifen. Ob Björn tatsächlich an diesem Feldzug beteiligt war oder die Zuschreibung erst später erfolgte, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr sicher klären.
Historische Spuren
Historisch belastbarer ist seine Rolle als Stammvater. Björn gilt als Begründer der Munsö-Dynastie, einer frühen schwedischen Königslinie mit Sitz auf der Insel Munsö im Mälarsee, wie sie unter anderem in der Hervarar saga ok Heiðreks mit ihren Königslisten überliefert wird. Mehrere spätere schwedische Könige berufen sich auf die Abstammung von ihm – ob zurecht, lässt sich aus heutiger Quellenlage nicht mehr sicher klären, da Ragnar Lodbrok selbst eher eine Sagenfigur als eine belegte historische Persönlichkeit ist, die möglicherweise mehrere reale Wikingerführer in sich vereint. Manche Forscher verbinden Björn zudem mit dem in Rimberts Vita Ansgari erwähnten schwedischen König „Björn“, bei dem der Missionar Ansgar um 829 in Birka empfangen wurde – eine Identifikation, die in der Forschung allerdings umstritten bleibt, da es sich ebenso gut um einen anderen, gleichnamigen Herrscher handeln könnte.
Björn steht damit exemplarisch für viele Wikingerfürsten: halb Krieger, halb Gründungsmythos, dessen Taten sich erst Jahrhunderte später schriftlich verdichteten – mit allem Ruhm und aller Unschärfe, die das mit sich bringt.
Quellenlage
Die Grundlage für Björns Biografie bilden vor allem die Ragnarssona þáttr und andere isländische Sagatexte, die ihn als Sohn Ragnar Lodbroks und Bruder Ivars des Knochenlosen führen. Der Mittelmeerzug wird unabhängig davon in Dudo von Saint-Quentins normannischer Chronik De moribus et actis primorum Normanniae ducum (um 1015) geschildert, seine Rolle als Ahnherr der Munsö-Dynastie in der Hervarar saga ok Heiðreks. Da diese Texte teils Jahrhunderte nach den geschilderten Ereignissen entstanden und historische Fakten häufig mit legendenhafter Ausschmückung vermischen, bleiben viele Einzelheiten zu Björns Leben in der Forschung umstritten.