Ein Wolf wächst heran, den niemand bändigen kann. Seine Kiefer werden eines Tages Odin selbst verschlingen, so sagt es die Prophezeiung. Die Götter müssen handeln, bevor es zu spät ist. Doch wie fesselt man ein Ungeheuer, das jede Kette zerreißt?
Die Antwort heißt Gleipnir – ein Band, geschmiedet aus unmöglichen Dingen: dem Atem eines Fisches, dem Bart einer Frau, den Wurzeln eines Berges. Dünn wie ein Seidenfaden, stark wie kein Eisen zuvor. Doch Fenrir ist misstrauisch. Der Wolf spürt die Falle. Er stimmt dem Spiel nur unter einer Bedingung zu: Einer der Götter muss ihm zum Zeichen des guten Willens die Hand ins Maul legen.
Die Asen schweigen. Keiner tritt vor. Keiner außer Tyr.
Familie
Tyrs Herkunft ist in den Quellen selbst uneinheitlich überliefert. Snorri Sturluson nennt ihn in der Prosa-Edda einen Sohn Odins, während das Eddalied Hymiskvida ihn stattdessen als Sohn des Riesen Hymir beschreibt – ein Widerspruch, der zeigt, wie unterschiedlich die Überlieferung an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten war. Ursprünglich, so vermuten Sprachforscher, war Tyr sogar ein noch älterer Himmelsgott, dessen Name mit dem lateinischen Jupiter und dem griechischen Zeus verwandt ist – ein Hinweis darauf, dass er einst eine noch bedeutendere Stellung innehatte, bevor Odin ihn als oberster Gott ablöste. Über eine Ehefrau Tyrs schweigen die Quellen fast vollständig; nur in Lokasenna wird beiläufig erwähnt, dass sie einen Sohn mit Loki gehabt haben soll. (Quelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning; Lieder-Edda, Hymiskvida)
Der Mut, der alles kostet
Tyr ist der Gott des Rechts und der kriegerischen Tapferkeit. Er kennt die Gefahr genau. Trotzdem streckt er seinen Arm aus und legt die Hand zwischen die scharfen Zähne des Wolfs. Die anderen Götter schnappen zu. Tyr verliert die Hand. Ein hoher Preis – doch die Welt ist gerettet. Der Wolf bleibt gefesselt, bis der Weltuntergang naht. (Quelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
Der Kessel des Riesen Hymir
Eine andere Geschichte, überliefert im Eddalied Hymiskvida, zeigt Tyr in einer ungewohnten Nebenrolle: als Begleiter Thors. Die Götter wollen ein großes Trinkgelage ausrichten, doch es fehlt ein Kessel, der groß genug für all das Bier wäre. Tyr weiß, wo ein solcher zu finden ist – bei seinem Verwandten, dem gewaltigen Riesen Hymir, am Rand der Welt. Gemeinsam mit Thor reist er dorthin. Der Besuch verläuft gefährlich: Hymir zerschlägt aus Zorn mehrere Becher, und erst als Thor seine Kraft unter Beweis stellt, gibt der Riese nach. Am Ende gelingt es den beiden, den riesigen Kessel zu erbeuten und nach Asgard zurückzubringen. (Quelle: Lieder-Edda, Hymiskvida)
Lokasenna – Spott trotz geopferter Hand
Beim Gelage, das in Lokasenna geschildert wird, verschont Loki auch Tyr nicht mit seinem Hohn. Er verspottet ihn wegen seiner fehlenden Hand und behauptet, mit Tyrs Frau einen Sohn gezeugt zu haben – eine Kränkung, für die Tyr, anders als manch anderer Gott, keine Entschädigung erhalten habe. Tyr selbst verteidigt in der Szene tapfer den gefesselten Fenriswolf gegen Lokis Spott, obwohl gerade dieser Wolf ihn die Hand gekostet hat. Es ist ein kurzer, aber vielsagender Moment: Selbst im Streit bleibt Tyr seinem Ruf als Gott der Gerechtigkeit treu und urteilt nicht nach persönlichem Groll. (Quelle: Lieder-Edda, Lokasenna)
Das letzte Gefecht
Tyrs Geschichte endet nicht mit dem Wolf. In Ragnarök, dem Untergang der Götter, wartet ein weiterer Feind auf ihn: Garm, der Höllenhund. Die beiden stürzen sich aufeinander, und keiner geht als Sieger hervor. Tyr fällt im Kampf – so wie er gelebt hat: mit ausgestrecktem Arm, ohne zu zögern.
Bis heute steht sein Name für das, was Mut wirklich bedeutet: nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Bereitschaft, für andere zu opfern, was man nicht zurückbekommt.
Im Spiel: Wie God of War die Figur darstellt und wo es von den Quellen abweicht, zeigt unser Mythologie-Check.
Quellenlage
Die Fesselung Fenrirs und Tyrs Opfer sind vor allem durch Snorri Sturlusons Prosa-Edda (Gylfaginning, 13. Jahrhundert) überliefert. Die Reise zum Riesen Hymir und der Streit bei Lokasenna stammen aus den gleichnamigen Liedern der Lieder-Edda. Da diese Texte erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurden, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen – wie schon Tyrs uneinheitliche Abstammung zeigt.



