Stell dir zwei Betten vor. Neun Nächte in dem einen, neun Nächte im anderen. So versuchten es Njord und seine Frau Skadi. Es reichte nicht. Ihre Ehe scheiterte an etwas so Kleinem wie einem Geräusch.
Njord herrscht über Wind und Meer. Fischer rufen ihn an, wenn sie aufs Wasser fahren. Seefahrer bitten ihn um sichere Reise und volle Netze. Er bringt Reichtum, den das Meer und das Land hergeben. Kaum ein Gott besitzt mehr als er.
Familie
Njord gehört zum Geschlecht der Vanen. Nach der Lokasenna hat er eine Schwester zur Frau, mit der er Freyr und Freya zeugt – bei den Vanen, so berichtet es die Überlieferung, war die Ehe zwischen Geschwistern üblich, während sie den Asen als verboten galt. Ausgerechnet dieser Unterschied liefert Loki später Stoff für seinen Spott. Mit Skadi, seiner zweiten Frau, hat Njord nach den erhaltenen Quellen keine gemeinsamen Kinder. (Quelle: Lyrische Edda, Lokasenna; Snorri Sturluson, Ynglinga saga)
Eine Geisel bringt Frieden
Njord gehört nicht von Anfang an zu den Asen. Er stammt aus dem Geschlecht der Vanen. Zwischen Asen und Vanen tobt ein Krieg, lange und erbittert. Am Ende tauschen beide Seiten Geiseln aus, um Frieden zu schließen. Njord kommt so nach Asgard, in die Burg der Asen. Er bleibt. Im Gegenzug schicken die Asen Hœnir und den weisen Mímir zu den Vanen – ein Tausch, der laut Snorris Ynglinga saga den jahrelangen Krieg endgültig beendet. (Quelle: Snorri Sturluson, Ynglinga saga, in: Heimskringla)
Nóatún – die Halle am Meer
Njords Halle heißt Nóatún, das „Schiffsgehöft“ – ein Ort, an dem laut Grímnismál die Boote der Götter liegen. Snorri beschreibt ihn in der Prosa-Edda als überaus reich und mächtig: Er gebietet über Wind und Meer, kann Feuer und Wasser besänftigen, und wer um eine sichere Fahrt oder reichen Fang bittet, tut gut daran, ihn anzurufen. (Quelle: Lyrische Edda, Grímnismál; Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
Die Ehe, die am Geräusch zerbrach
Skadi zieht in die Götterburg, um für den Tod ihres Vaters, des Riesen Thiazi, Wiedergutmachung zu fordern. Die Asen bieten ihr einen Ehemann als Entschädigung an – doch sie darf ihn nur an den Füßen erkennen. Sie wählt die schönsten Füße, in der Hoffnung, damit Baldr zu bekommen. Es ist Njord. (Quelle: Snorri Sturluson, Prosa-Edda, Gylfaginning)
In Asgard lernt Njord die Riesin Skadi kennen. Sie heiraten. Doch schon bald zeigt sich: Die beiden passen nicht zusammen. Skadi liebt die Berge, das Knirschen von Schnee, das Heulen der Wölfe. Njord liebt das Meer, das Kreischen der Möwen.
Sie einigen sich auf einen Kompromiss: neun Nächte in den Bergen, neun Nächte am Meer. Es funktioniert nicht. Njord hält das Wolfsgeheul nicht aus. Skadi verträgt das Möwengeschrei nicht. Am Ende trennen sie sich. Jeder bleibt dort, wo er hingehört: Skadi in ihren Bergen, Njord an seiner Küste.
Lokasenna – Spott am Ende der Welt
Beim Zechgelage der Götter, das die Lokasenna schildert, lässt Loki auch Njord nicht in Ruhe. Er wirft ihm vor, einst als Geisel gen Osten geschickt worden zu sein, und behauptet, die Töchter Hymirs hätten ihn seinerzeit als Nachttopf benutzt. Njord bleibt gelassen: Auch wenn er als Geisel unter fremden Göttern gelebt habe, sei ihm ein Sohn geboren worden, den niemand hasse – ein Seitenhieb, der auf Freyr, den beliebtesten unter den Asen, zielt. (Quelle: Lyrische Edda, Lokasenna)
Njord als Sagenkönig
In Snorris Ynglinga saga wird Njord zu einem sagenhaften König Schwedens. Er herrscht in einer Zeit des Friedens und der reichen Ernten, die die Menschen ihm als Fruchtbarkeitsgott zuschreiben. Als er stirbt, weihen ihm seine Untertanen einen Grabhügel, bevor sein Sohn Freyr die Herrschaft übernimmt. Auffällig ist die sprachliche Nähe zu Nerthus, einer Erdgöttin, die der römische Historiker Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. bei germanischen Stämmen beschreibt – beide Namen gehen vermutlich auf dieselbe germanische Wurzel zurück. (Quelle: Snorri Sturluson, Ynglinga saga, in: Heimskringla; Tacitus, Germania)
Eine einfache Geschichte, und gerade deshalb so wahr. Zwei Welten, zwei Sehnsüchte – manchmal reicht nicht einmal die Liebe, um sie zu vereinen. Bis heute rufen Fischer und Seefahrer Njords Namen, wenn sie hinaus aufs Wasser fahren. Sein Reich bleibt das Meer. Dort gehört er hin.
Quellenlage
Die Angaben zu Njord stützen sich auf mehrere Lieder der Lyrischen Edda (insbesondere Grímnismál und Lokasenna) sowie auf Snorri Sturlusons Prosa-Edda (Gylfaginning) und seine Ynglinga saga aus der Heimskringla (13. Jahrhundert). Die Parallele zur Göttin Nerthus stützt sich auf Tacitus‘ Germania (1. Jahrhundert n. Chr.). Da die eddischen Texte erst Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens schriftlich fixiert wurden, sind Widersprüche und spätere Einflüsse in den Quellen nicht auszuschließen.




